Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 22 (28.5.1855)
- Date
- 1855-05-28
- Page
- Seite 286 (sequence 10)
- Language
- German
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leumdung und Verfolgung ihre Dogmen sind, und wie der höhnende Widerspruch zwischen ihrem Worte und ihrer Thal die Sittlichkeit der Erwachsenen untergraben und den Charakter der Jugend corrumpiren muß. Ich erklärte, daß ich als Jude mit warmer Anhänglichkeit für das reine Bekenntniß meines Volkes, und als Mitglied einer von mir geachteten Gemeinde, in deren Mitte ich Freundschaft und Wirkungskreis gefunden, nicht ruhig bleiben konnte beim Anblick einer lügenhaften Richtung, die wie ein Drache auf dem Namen deS JudenthumS und der Gemeinde liegt. Ich habe den Drachen bekämpft und besiegt, und es könne mit sachgemäßer Wortänderung von mir heißen: Und Jener nimmt das Wort und spricht: Ich Hab' erfüllt die Ritterpflicht. Der Drach', der's Judenthum verödet. Er liegt von meiner Hand getödtet! Und der Gerichtshof möge nun die Rolle jenes richtenden Ordensfürsten übernehmen, der den angeklagten Ritter freisprach, obgleich er gegen den Buchstaben deS Gesetzes gekämpft hat. Der Gerichtshof und selbst der Staatsanwalt blieben nicht ohne Eindruck durch diese Worte, aber letzterer machte geltend, daß meine in der Allg. Zeit. d. Jud. geschriebenen Worte eben dem Worte nach vom Gesetze mit Strafe bedroht sind. Der Gerichtshof erkannte auf die mildeste Strafe von 5 Thalern. Es haben demnach beide Parteien ihren Zweck erreicht: Ich habe die Gelegenheit gefunden, die Neuorthodorie vor Gericht zu zeichnen, und meine Denuncianten haben die Genugthuung, mir fünf Thaler abgenommen zu haben, nachdem sie bei einem andern Proceffe fünftausend verloren haben. Aber auch nach abgemachter Sache kann ich und muß ich gewissenhaft versichern, daß ich keine persönliche Beleidigung im Sinne hatte, und nur das, was sich von selbst auS dem Tadel der Sache den Personen mittheilt und meine geringe Kunst und Vorsicht in den Wendungen und Windungen von Worten und Sätzen führte mich auf die Anklagebank. UebrigenS haben mir die Berichterstatter der Zeitungen Vieles in den Mund gelegt, was ich nicht gesagt habe; doch will ich namentlich nur anführen, daß der „Publicist" fälschlich berichtet, ich hatte vor Gericht gesagt, daß mein Denunciant Heymann „politisch roch colorirt sei." DaS Denunciren ist meine Sache so wenig wie daS Verketzern, beides ist Princip und Gewohnheit der Neuorthodorie, in deren Handwerk zu pfuschen ich keinen Beruf habe. F. Lt. Heilsberg (Ostpreußen), Anfangs Mai. (Privatmitth.) Unsre Gemeinde betrauert seit dem 2b. v. M. den Verlust einer Zierde derselben durch den Tod deS eben so sittlich-jüdisch ftommen wie gebildeten Mitbürgers Heymann Gottschalk. Der noch fern von hohem Alter Verstorbene war einer von jenen liebenswürdigen und achtbaren Charakteren, wie sie nur bei Juden feit MoseS Mendelssohn, aber jetzt immer seltener, gefunden werden: Kenner und Verehrer der rabbinischen Weisheit, ohne engherzige Abwendung vom Geiste der Zeit, ftomm und hingebend den Ueberlieferungen der Väter huldigend, aber tolerant und mit fteudiger Wißbegierde das Auge wohlwollend für Fortschritt und Bildung deS praktischen Lebens offen haltend, dem Judenthume die Tugenden entlehnend, um sie durch die Weihe der veränderten Civilisation der Gegenwart anzupassen. Heymann Gottschalk war zu Halberstadt geboren, wo er nach der Sitte deS Ortes und der Zeit eine fast ausschließlich talmudische Erziehung genossen, welche er durch Selbststudium zu veredeln wußte. Er ward Lehrer in Stettin, und in diesem Wirkungskreise gewann er sich durch Fleiß und Pflichterfüllung Achtung und Liebe, und noch im letzten Jahre empfing er aus der Tiefe des russischen Reiches einen erhebenden Beweis, wie bleibend und dankbar die Anhänglichkeit seiner ehemaligen Schüler für die Wohlthat seiner Lehren und seines Beispiels find. Nachdem er die schulmännische Laufbahn verlassen und sich einem anständigen Erwerbe durch Handel gewidmet, war er doch weit entfernt, weder dem Lehren noch dem Lernen zu entsagen. Er gab unentgeltlich Religionsunterricht, vollzog Trauungen, und führte in den hiesigen Kreisen das Ehrenamt eines jüdischen Landgeistlichen. Seine Beschäftigung mit den Wissenschaften, besonders mit den philosophischen Werken der Juden, wurde nicht durch die Beschäftigung mit seinem kaufmännischen Erwerb gestört, und so wie Kausleute periodisch vom Lande in die Hauptstädte ziehen, um durch Einkäufe ihr Lager mit neuen Gegenständen zu assortiren, so wanderte der edle Gottschalk von Zeit zu Zeit nach Königsberg, um sich Aufschluß über die neuesten Fortschritte zu verschaffen, um sich mit den Gelehrten über