Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 22 (28.5.1855)
- Date
- 1855-05-28
- Page
- Seite 284 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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284 sorger keinen Wechsel der Gesinnung zur Folge gehabt habe; wie früher, so herrsche in unserer Gemeinde auch jetzt noch Eintracht und Friede und, geleitet von einem tüchtigen Führer in jugendlicher Kraft, finde sie auch noch jetzt ihren Ruhm nicht im Niederreißen, sondern im Aufbauen, nicht im Zerstören, sondern im Erhalten und daher seien ihre sämmtlichen Institute auch in so blühendem Zustande und gedeihen ihre Anstalten immer mehr. Diesem Geiste, der sich für alle Zeiten in unserer Gemeinde erhalten möge, wie den Männern, die diesen Geist zu beleben und zu nähren bestrebt find, bringe er ein dreimaliges Hoch. Die übrigen Toaste galten theils unserem jetzigen Landrabbiner, theilS den verschiedenen Gemeindeanstalten und Vereinen, die von dem gefeierten Gaste entweder inS Leben gerufen oder wenigstens angeregt worden waren, theils endlich den entfernt wohnenden Familienmitgliedern deS Letzteren, von denen noch ein älterer Bruder des Herrn Dr. Adler, nämlich der scharfsinnige und durch talmudische Gelehrsamkeit ausgezeichnete Herr Beer Adler aus Frankfurt a. M. dem Feste beigewohnt hatte. Erst spät am Abende trennte sich die Gesellschaft und alle Anwesenden fühlten sich den beiden Vorstehern, Herrn Kosman Berend und Herrn D. Perez zu besonderem Danke dafür verpflichtet, daß sie als Festordner ihre Ausgabe so glänzend gelöst und der Gemeinde einen Genuß bereitet hatten, wie er nur selten wiederkehrt. Für unS war der Tag einer der schönsten in unserem Leben und wahrlich, wir können einerseits einer Gemeinde nur Glück wünschen, in welcher ein solcher Geist der Eintracht herrscht und in der daS Verdienst auch nach langjähriger Trennung noch eine solche Anerkennung findet; andererseits aber müssen wir auch einen Seelsorger preisen, dem es gelungen ist, sich während seiner Wirksamkeit die Liebe seiner Gemeinde dergestalt zu erwerben, daß sie auch nach zehnjähriger Abwesenheit sich noch so warm und so herzlich bekundete. — Auch Sir MoseS Montefiore wurde zu dem Feste, jedoch vergebens erwartet. Er war nämlich, wie unS Herr vr. Adler mittheilte, nach Paris gereist, um die dortige Regierung zu veranlassen, den Stein, welcher sich noch jetzt in einer katholischen Kirche zu Damaskus befindet und eine Inschrift trägt, nach welcher die Juden im Jahre 1840 den bekannten Pater Thomas getödtet haben sollen, aus derselben zu entfernen. — Von besonderem Interesse für unS waren einige Pentateuchfragmente, welche unS Herr vr. Adler zeigte und welche von den chinesischen Juden in Kae-fongfoo herrühren, bis wohin vor einigen Jahren englische Missionäre gedrungen waren und woselbst sie, sich für Juden auSgebend, den dortigen Israeliten ein Pentateucheremplar und eine Pentateuchrolle (n'b) abzuschwatzen gewußt hatten, welche jetzt daS British Museum in London aufbewahrt. Nur drei SidraS, von denen eine jede ein besonderes Heft ausmacht, gelangten in den Besitz deS Herrn vr. Adler und dürfte die Schrift, die derselbe für Holzschnitt hält, die unS aber die gewöhnliche Quadratschrift zu sein scheint, etwa 500 Jahre alt sein. Am Schlüsse einer jeden Sidra steht der Name entweder deS Schreibers oder deS Besitzers und einer ist bsnna genannt, ein Name, der zwar biblisch, unter den europäischen Juden aber nicht mehr gebräuchlich ist. In dem Terte haben wir durchaus keine Verschiedenheiten wahrgenommen und selbst die Vocale waren denjenigen in unserem masorethischen Terte ganz gleich; nur in den Accenten, die ebenfalls angegeben waren, schienen unS kleine Abweichungen zu sein. — Das jüdische Seminar in London, zu dessen Director vr. Loewe erwählt ist, wird nach dem Laubhüttenfeste ins Leben treten. Auf Anregung unseres LandrabbinerS hat sich jüngst der hiesige jüdische Krankenpflegeverein, der nur junge Leute zu Mitgliedern zählt und dessen Zweck zunächst ist, den letzteren in KrankheitS- und Todesfällen die erforderliche Hülfeleistung zu gewähren, in einer Generalversammlung vorläufig auf drei Jahre bereit erklärt, einem das jüdisch-theologische Seminar zu Breslau besuchenden Hannoveraner jährlich ein Stipendium von 20 Thlrn. zu bewilligen. Daß die von Ihnen in Anregung gebrachte jüdische Literaturgesellschaft einen so gedeihlichen Aufschwung nimmt, erregt auch hier große Freude und man hofft allgemein, daß durch dieselbe unserer Literatur ein wesentlicher Vorschub geleistet werden wird. Möchten nur auch tüchtige jüdische Literaten ihre Geisteöproducte auf diese Weise der Oeffentlichkeit zu übergeben sich entschließen und jüdische Autoren, die ihre begonnenen Arbeiten aus Mangel an Unterstützung fallen zu lassen genöthigt waren, diesen Weg einschlagen, um einerseits sich für ihre Bemühung belohnt zu sehen, andererseits aber auch die jüdische Literatur durch Werke zu bereichern, die ihr wahr-