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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1855-05-28 · Heft 22 (28.5.1855) · p. Seite 279

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
19 (1855)
Issue
Heft 22 (28.5.1855)
Date
1855-05-28
Page
Seite 279 (sequence 3)
Language
German
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279 wir wiederholen eS noch einmal, muß es nicht allein nach Maßgabe der bisherigen Thärigkeiten beurtheilt werden. Weder der geringe Erfolg der Orthodorcn, das alte Formwesen wieder allmächtig zu machen, noch der schwache Erfolg der Reformer, ihre Fahne zur alleinherrschcnden aufzupflanzen, also überhaupt allein der cultuelle Standpunkt darf uns die Lebenskraft und die Lcbenslhätigkeir des Judenthums abmcssen lassen. Das Judenthum ist eine fürwahr.' höhere Offenbarung und höhere Existenz, als daß eS innerhalb dieser Lebensäußcrunzen beschränkt sei. Die Synagoge und die Schule müssen gepflegt werden, wo und wie sie nur können. Es ist dies insonders der locale Wirkungskreis des Rabbinen und Lehrers, und fordert unermüdliche Anstrengung und Wachsamkeit. Kein sogenannter Undank, keine Abweisung und Verletzung darf in der Erfüllung dieser heiligen Pflichten abschwächen. Die Erfahrung zeigt es stets, die Ausdauer triumphirt, und selbst die Anerkennung und der Dank bleiben nicht aus. Der Gottesdienst muß, so viel es nur die Umstände erlauben, fruchtbar gemacht gemacht werden durch Predigt, Lied, Gesang — im Uebrigen darf etwas mehr oder weniger Reform in ihm nicht die Ursache der Spaltung werden — auch hier ein wenig Geduld, und die Leute kommen von selbst. Die Schule ist eine so wichtige Pflanzstätte, daß ihre Verwahrlosung bei nur einer Generation schon gar nicht wieder gut gemacht werden kann. Niemals darf man sich von dem oft gehönen Vorwurf zurückschrecken lassen: daß im Leben die Erfolge der Schule rasch verschwänden .... es ist dies durchaus falsch! Niemals, ja niemals verschwinden die Resultate der Schule im Leben ganz — weißt Du, was im Hintergründe der Herzen und der Zeiten schlummert? Viele Jahre liegt oft das Saatkorn verhüllt da — endlich kommt die Stunde der Befruchtung, und ein mächtiger Stamm oder ein segensreicher Halm entsprießt ihm. Und was ohne Schule? Kannst Du das ermessen?... Darum überall wohl organisirte Schulen, und wo diese nicht — doch wohl organisirte Religionsschulen in großen, oder kleinem Maßftabe — hier hängt's nicht von der Quantität der Schüler, sondern von der Qualität des Lehrers ab. Vor Allem aber fühle sich jeder Rabbiner oder Prediger, so gut wie der Lehrer verpflichtet, der Jugend Religionsunterricht zu ertheilcn, auch wenn er nicht dazu conttacrlich verpflichtet ist!.... Demungeachtet find Synagoge und Schule nicht die einzigen Wirkungsmittel der Religion. Vor Allem die — Literatur. Die Literatur des Judenthums sei die Synagoge, welche den Leuten ins Haus kommt, die Predigt, welche vor jedem Augcnpaar einzeln erscheint, um mit ihn, ein desto eindringlicheres Zwiegespräch zu führen. Freilich! ist schreiben nicht so leicht, wie cs sich die Meisten denken... Es können sogar nur Wenige recht schreiben. Die jüdischen Schriftsteller brüten zu sehr auf der Gelehrsamkeit. Die Schöpfungskraft, Neues und Frisches zu gebären, zeigt sich selten. Dafür gebären sie das Alte immer wieder. Was Wunder, daß das Publikum damit nicht zuftiedcn ist? Nein, das Wort nmß wirklich lebendig, eine viva vox sein! Lieber schreit, daß die Ohren gellen — aber cs muß Energie, Feuer, Seele darin sein, nicht blos Wissen! Was eine feurige, begeisterte Literatur noch Alles wirken kann, ist gar nicht abzuschen. Man muß nur auch hier nicht gleich Alles vom ersten Worte erwarten. Sag's dreimal , wenn's einmal nicht hilft. Die Literatur — Schriften, das ist jetzt der gangbarste Weg, es ist die Eisenbahn zu den Geistern. Du vermagst da Dir eine Gemeinde zu bilden, die über Länder und Inseln zerstreut ist, aber sie hört Dich doch und versammelt sich auf Deinen Ruf. Du hast den Vorthcil, und sie auch, nicht immerfort in persönliche Berührung zu kommen, und ihr dennoch ungcscheut Deine ganze ideelle und ideale Persönlichkeit geben zu können. Dann aber noch die wohlthätigen Werke, der Cultus der Liebe, so tief begründet in unsrer Religion, so umfassend geübt von unsren Vätern! Allerdings darf hier nicht das bloße Gcldhcrgeben verstanden werden, nicht die Eitelkeit allein Triebfeder sein — das ist noch nicht religiös. Religiös sind wohlthätige Werke, wenn sie im Sinne der Religion, dem Bcdürfniß des Nebcnmcnschen mit Rath und That abzuhelfcn, geschehen; wenn sie auch nicht allein mit Gclde, sondern mit eigener Bemühung und freundlichen, Wort und Wesen vollzogen werden, überall Beispiel gebend, und Rohheit und Gei; zurückweiscnd. Wie ftuchtbar hier schon ein oder einige Männer wirken können, weiß man. Aber eine Bemerkung können wir uns nicht enthalten hier zu machen. Glücklicherweise hat man unter unseren Glaubensgenossen in neuester Zeit wieder begonnen, Stiftungen zu machen zu den verschiedensten wohlthätigen Zwecken. Sehr gut, sehr nützlich, sehr nothwcndig. Aber wir gestehen, die große Präconifirung, die Heiligsprechung, welche den Verstorbenen, die da solche Stiftungen nach ihrem Tode gemacht, dann immer zu-

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