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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1855-05-21 · Heft 21 (21.5.1855) · p. Seite 274

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
19 (1855)
Issue
Heft 21 (21.5.1855)
Date
1855-05-21
Page
Seite 274 (sequence 10)
Language
German
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274 antworten möchte. Ich kehrte glücklich wie ein König in meine Wohnung zurück. Die Juden, welche ängstlich meiner Rückkehr harrten, wünschten mir Glück zu dem Erfolge dieser ersten Unterredung, und theilten mir im Laufe des Sabbaths allerlei Rathschläge und Anstchten mit, welche ich am nächsten Abend dem Minister Uwaroff vorlegen möchte. An jenem Abende war ich pünktlich in seinem Palaste und wurde sogleich vorgelaffen. Nachdem ich mich gesetzt hatte, redete mich der Minister folgendermaßen an: „Vor kurzer Zeit hat der Kaiser eine Commission ernannt, um den gegenwärtigen Zustand der Juden in Erwägung zu ziehen. Der Graf Riffelest, Minister der kaiserlichen Domainen, ist zum Präsidenten derselben ernannt. Wir find wirklich in Verlegenheit, Docror, wie wir die ungeheure Aufgabe, dieses rcichbegabte Volk zu reformiren, beginnen sollen. Sie stehen aller und jeder europäischen Civilisation entgegen. Sie bewegen sich in ihrer eigenen Sphäre, unbekümmert um alles das, was außer ihnen und um sie herum vorgeht, und bis jetzt war kein Mittel ausreichend, um sie aus ihrer Lethargie zu wecken. Der Kaiser hat ihnen verschiedene Rechte und Privilegien bewilligt; in dem Ukas vom 13. April 1837 war denjenigen, welche sich classischen Studien widmen oder Pächter werden wollten, die Befreiung vom Militairdienst bewilligt; doch Alles vergebens. Unsere Schulen stehen ihnen offen, jedoch sie besuchen dieselben nicht, sie verwenden ihre ganze Zeit auf ihren Handel und auf das Studium ihres Talmuds, der Kaiser ist dieser erfolglosen Versuche müde; er wünscht, daß etwas Wesentliches schnell geschehe, und wenn die Juden diese Zeit vorübergehen lassen, ohne ihren guten Willen, den Absichten des Kaisers entgegenzukommen, zu zeigen, so fürchte ich, es stehen ihnen böse, sehr böse Zeiten bevor, wohingegen die glänzendste Zukunft ihnen gewiß ist, wenn sie diese Gelegenheit ergreifen, um sich mit der europäischen Civilisation zu verschmelzen*). Ich bin ein Freund Ihres Volkes; glauben Sie mir, hätten wir hier solche Juden, wie ich sie in den verschiedenen Hauptstädten Deutschlands angetrvffen habe, wir würden fie mit der größten Auszeichnung behandeln, aber unsere Juden find ganz verschieden von denen in andern Ländern. Ich wünsche Ihre Anfichten zu vernehmen, und werde dieselben, wenn fie anwendbar find, dem Ministerrathe mitthellen." *) Da» heißt: um griechisch-katholisch zu werden. Redact. Ich erwiederte ihm, daß ich als Fremder, dem sowohl die Absichten der russischen Regierung, wie auch der geistige, moralische und politische Zustand der russischen Juden ganz unbekannt sei, unrecht thun würde, wenn ich meinerseits irgend einen Rath oder eine bestimmte Meinung abgeben wollte. Deffen ungeachtet wollte ich eS wagen, meine Gedanken in Bezug auf die drei Punkte auszusprechen. Erstens müffe die jüdische Erziehung aufhören eine rein talmudische;u sein; so lange fie die besten Jahre ihrer Kinder auf das Studium der hebräischen Bücher verwenden, ohne ihnen die Landessprache zu lehren oder die Grundlage irgend einer Erziehung zu geben, würden sie immer abgesondert bleiben, ohne sich an der allgemeinen Civilisation zu betheiligen. Doch unter den gegenwärtigen Verhältnissen könnten fie unmöglich die öffentlichen und höhern Schulen besuchen, da fie die russische Sprache, in welcher die verschiedenen Gegenstände gelehrt werden, nicht hinreichend verstehen, und sie außerdem voller Mißtrauen find, ihre Kinder möchten, indem fie eine andere Lebensweise kennen lernen, sich ihrer Religion entfremden. Es schiene mir deshalb also äußerst nothwendig, jüdische Schulen für dieselben zu errichten, damit fie ihrerseits den Religionsunterricht überwachen könnten, und andrerseits die Regierung die Gewißheit habe, daß die Kinder in den verschiedenen Zweigen unterrichtet würden, welche zu ihrer künftigen bürgerlichen und politischen Entwickelung nothwendig find. „In diesem Punkte bin ich vollständig mit Ihnen einverstanden ," unterbrach mich der Minister, „und ich werde Sie damit beauftragen, einen Plan zu verschiedenen höhern und niedern Schulen auszuarbeiten. Doch was zunächst?" Ihre Abneigung, Landbauern zu werden, ist ganz natürlich, fuhr ich fort. Es ist die Folge der vielen mittelalterlichen Verfolgungen, während welcher blutigen Zeit die verfolgten Juden darauf hingewiesen waren, sich solches Eigenthum zu schaffen, welches »sie mit hinwegführen konnten, wenn der despotische Wille irgend eines habsüchtigen Fürsten fie aus dem Lande vertrieb, um ihre Besitzungen einzuziehen. Außerdem ist in fast allen europäischen Ländern dem Juden gesetzlich verboten, Grundbesitz zu erwerben, wie sollte er also daran gewöhnt sein, zu ackern und zu pflügen? Und diese Abneigung, zu welcher daS Gesetz den Juden während ftinftehn oder achtzehn Jahrhunderten geführt hat, kann nicht auf einmal überwunden werden. Doch möge der Kaiser fie ermuthigen, mögen die Mittel und Wege, fie zu guten Land-

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