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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1855-05-21 · Heft 21 (21.5.1855) · p. Seite 275

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
19 (1855)
Issue
Heft 21 (21.5.1855)
Date
1855-05-21
Page
Seite 275 (sequence 11)
Language
German
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275 Ieuteit zu bilden, ernstlich angegeben werden, und es ist nicht zu bezweifeln, daß die begabten Zuden bald den Ackerbau lieben und verstehen werden. „Die Commisston," erwiederte der Minister, „erörtert ernstlich diesen wichtigen Gegenstand und hat beschlossen, irgend einen Plan aufzustellen. Doch wir haben schon so oft fehlgegriffcn, daß ich zweifle, ob wir zum Ziele gelangen werden, ohne außerordentliche Mittel anzuwenden." Jedes Hinderniß, erwiederte ich mir Eifer, würde leicht überwunden werden, wenn Seine Majestät den Juden auf einmal eine vollständige und gänzliche Emancipativn bewilligen würde. Dies ist die einzige Lösung deS Räthsels, welches so viele bedeutende Staatsmänner zu enttäthseln suchen. Frankreich bewilligte zur Zeit der Revolution den Juden ohne irgend eine Beschränkung oder Bedingung alle bürgerlichen Rechte, und die Juden, obgleich sie im Elsaß noch sehr zurück waren, amalgamirten fich gänzlich, sie sind französische Bürger durch und durch, bekleiden hohe und glänzende Stellen sowohl im Civil- und Militairdienst, wie auch als Mitglieder der höchsten wissenschaftlichen Vereine. Dagegen in Deutschland, wo die Emancipation der Juden versprochen und niemals verwirklicht ist, wo ein Theil der Regierungen die Liberalen spielt, während der Landtag die Rolle der Intoleranten übernimmt oder vice versa, wie sollten sich die Juden da nicht tief gekränkt fühlen? Möge der Kaiser auf einmal die Emancipation der Juden proclamiren, und möge er dann irgend einen Ukas erlassen, welcher, um das Werk der jüdischen Reform ernstlich zu beginnen, das ausschließliche Studium des Talmuds kurz abschneidet, und so unbekannt ich auch mit dem Charakter der russischen Juden bin, so wage ich es doch, zu verbürgen, daß sie nach Verlauf von zehn Jahren die kühnsten Erwartungen der kaiserlichen Regierung werden überttoffen haben. Der Kaiser ist nicht durch die lästigen Beschlüsse eines Parlaments behindert, sein Wille ist Gesetz, möge er für Europa ein erhabenes und fteifinniges Princip aufstellen, er wird den Beifall aller guten Menschen haben und der Wohlthärer unseres Stammes genannt werden. Er ist Selbstherrscher, weshalb sollte oder könnte er es nicht thun? Der Minister, überrascht und erfreut von meiner Begeisterung, hatte aufmerksam zugehört, aber er erwiederte: „ES ist wahr, der Kaiser ist Selbstherrscher, doch selbst der Kaiser darf nicht thun, was ihm beliebt; Jedermanns Handlungen werden durch die Umstände bestimmt. Doch, Doctor, Ihr Enthusiasmus bringt keinen Nutzen. Die Juden müssen den Anfang machen, sie müssen die Gunst deS Kaisers zu gewinnen suchen, ihre Hoffnungen und Wünsche werden in diesem Lande der absoluten Regierung eher, in Erfüllung gehen, als in irgend einem andern Lande." Ich seufzte und schwieg; ich sah ein, daß das alte Spiel hier auch gespielt werden sollte. Ich sah ein, daß alle Energie, Vorsicht, Biegsamkeit und Geschmeidigkeit des jüdischen Charakters nöthig sein würde, um zum gewünschten Ende zu kommen, und daß daneben die Abneigung und der Widerwille der Juden selbst zu besiegen sei. Jndeß unterbrach der Minister meine stumme Betrachtung und fuhr fort: „Ich halte es für das Beste, daß Sie Ihre Gedanken schriftlich auffetzen; ich beaufttagte den RathSherrn Dukztu-Dukschinski, dieselben inS Russische zu übersetzen; gehen Sie nächsten Montag zu ihm, er ist in der Abtheilung auf der andern Seite meines Palastes, er spricht fließend Englisch und Deutsch, und er wird, wo Sie es bedürfen, Sie unterstützen. Ist dies geschehen, so kommen Sie wieder, ich werde immer bereit sein. Sie zu empfangen." Mit diesen fteundlichen Worten entließ er mich und ich eilte heim. Ich fühlte mich sehr unbehaglich und unbefticdigt. Ich wußte, daß die Juden noch nicht auf so hoher Smfe der Civilisation standen, um der Regierung einen Vorwurf über ihre Verweigerung einer vollständigen Emancipation machen zu können. Andrerseits nahm ich wahr, daß die russischen Juden im Allgemeinen nicht unter der Stufe der Gesittung, welche das russische Volk einnimmt, sondern sogar höher standen, und ich sah ein, daß Grund genug vorhanden sei, um das Mißtrauen meiner Glaubensgenossen zu rechtfertigen. Jedoch, Macht geht über Recht, und ich wußte, daß ich mich zu einem hatten Kampfe zu rüsten habe. Anzeigen. Bei hiesiger israelitischer Gemeinde ist daS Amt eines Religionslehrers, Predigers und zeitweiligen Vorbeters vacant. Dasselbe kann sofott angetreten werden und gewährt außer ftcier Wohnung und Heizung ein Fixum von 300 Thlrn. Preuß. Crt. per Jahr. Geeignete Reficctanten belieben ihre Zeugnisse über wissenschaftliche Bildung und sonstige Befähigung dem Unterzeichneten zugängig machen zu wollen. Güstrow in Mecklenburg, Mai 1855. Der Vorsteher ZR. Maß.

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