Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 21 (21.5.1855)
- Date
- 1855-05-21
- Page
- Seite 273 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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273 Trotz seiner großen Gelehrsamkeit ist er einer der schlauesten russischen Diplomaten, und ich möchte von ihm sagen, er ist durch seine Gelehrsamkeit ein Europäer, durch seinen Stand ein Russe. Er trug ein reiches Morgengewand, und indem ich mich vor ihm verbeugte, kam er auf mich zu, schüttelte mir die Hand, und redete mich auf Deutsch an: „Ich schätze mich glücklich, Doctor, Sie in Petersburg zu sehen, Ihr Minister hat Sie warm empfohlen, und Sie sind im günstigen Augenblick gekommen. Der Kaiser hat so eben ein Minister - Comitö errichtet, um den jetzigen Zustand der Juden in Rußland in Erwägung zu ziehen. Ich bedurfte eines Mannes, wie Sie sind, und ich hoffe, Ihre Dienste werden Ihren Brüdern eben so nützlich, wie der Regierung willkommen sein." Indem ich ihm für diesen freundlichen Empfang dankte, überreichte ich ihm das Empfehlungsschreiben der russischen Gesandtschaft zu München. Er las es aufmerksam durch, und sich dann wieder zu mir wendend, sprach er: „Graf Severin bestätigt den Brief Ihres Ministers, und ich zweifle nicht, daß Sie in Rußland Ihr Glück machen werden." Nachdem er mich über meine Geburtsstadt befragt hatte, über die Universität, auf welcher ich meine Smdien vollendet, über die Facultät, in welcher ich promovirt habe, und nachdem er die Zeugnisse durchgelesen hatte, welche ich ihm überreicht hatte, fuhr er sott: „Nun wohl, Doctor, kommen Sie morgen Abend zu mir, dann werde ich Ihnen meine Ideen über die Reform der jüdischen Erziehung mirtheilen, und Ihre Meinung darüber anhören; Sie müssen einige Zeit in Petersburg verweilen, che Sie Ihr Amt in Riga antreten; Ihre Zeit wird nicht verloren sein, und ich werde Ihnen helfen, dieselbe aufs Beste zu verwenden. Warten Sie einen Augenblick; ich werde Ihnen eine Empfehlung an den Minister des Innern schreiben, welche Sie demselben sogleich überbringen sollen, und er wird erfreut sein. Sie kennen zu lernen." Während er sich niedersetztc, um den Brief zu schreiben, beschaute ich mir den glänzenden Saal. Die Wände waren mit rother, reich gestickter Seide bedeckt, und mit einer Menge meisterhafter Gemälde geschmückt. An der Südseite befand sich ein großes ftanzöfischrs Kamin, mit einem prasselnden Holzfeuer, welches der Minister selbst zu unterhalten liebte. Das Kamin war mit einem ungeheuren Spiegel und allerlei köstlichen französischen Kunstgegenständen geschmückt. In der Mitte deS Zimmers stand der große grüne Amtstisch, um ihn herum allerlei bequeme Svphas und Lehnstühle; der Minister saß in seinem AmtSscffel, mir selbst war ein anderer angeboten. Wie schlicht sind die deutschen Beamtenzimmer, im Vergleich zu diesen Sälen! Die Macht und der Reichthum Rußlands ist in der Hauptstadt in jedem RegierungSgcbäude zu erkennen. Der Minister übergab mir den Brief, welchen er versiegelt hatte, mit den Worten: „Bringen Sie ihn sogleich zum Grafen Stroganoff, Doctor, und stellen Sie sich morgen Abend sicher ein, wir müssen besser bekannt mit einander werden." Ich ging, und war von diesem Empfange so überrascht und von dessen» Erfolge so dankerfüllt, daß ich in der Freude meines Herzens alle Psalmen, welche ich auswendig wußte, recitirte. Mein Schlitten hielt an der Ecke des nächsten Platzes, und als ich deS Ministers Ädief vorzeigte, ward ich unverzüglich vor den Grafen Stroganoff geführt. Nun war mir nicht mehr so ängstlich zu Muthe, und ich betrat muthig den Salon. Der Graf, welcher zwei Jahre später seines hohen Amtes entkleidet wurde, war ein von Uwaroff ganz verschiedener Mann. Er war weniger Staatsmann als General, und ich war sehr erstaunt, einen Minister des Innern in militairischer Uniform und mit großen Generals-Epauletten vor mir zu sehen. Ich konnte nicht begreifen, wie ein General die bürgerlichen Interessen des Staates verwalten könne; aber die meisten Minister sind Militairpersonen, sogar der Präsident des höchsten Geistlichen Hofes der Synode, Graf Prutusoff, ist Husarengeneral; doch Rußland wird mehr nach militairischer Disciplin, als nach Grundsätzen der Gerechtigkeit regiert, und so läßt sich diese Verschiedenheit zwischen Europa arnd Rußland leicht erklären. Der Graf war ein Mann in der Dlüthe des Lebens, schlank gebaut und von fteicn, offenen Manieren. „Ich fteue mich. Sie zu sehen", redete er mich auf Französisch an, „cs soll und muß Etwas für die Wiedergeburt Ihrer GlaubcnSbrüder geschehen; Sie sind ftemd hier und kennen die Lebensweise Ihrer Glaubensgenossen nicht; thun Sie Ihr Bestes, um mit der kaiserlichen Regierung zusammen zu wirken, und Ihre Dienste werden dankbar anerkannt werden. Doch halten Sie Ihre Aufgabe für keine leichte, Sie werden große Schwierigkeiten zu überwinden haben, aber vertrauen Sie auf die gute Sache, und wenn Sie meines RathcS bedürfen, so holen Sie sich denselben jeder Zeit ohne Umstände ein." Dann richtete er einige andere Fragen an mich, und entließ mich, indem er mir sagte, daß er mir einige Fragen zusenden würde, auf welche ich ihm von Riga aus 21