Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 21 (21.5.1855)
- Date
- 1855-05-21
- Page
- Seite 272 (sequence 8)
- Language
- German
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272 misch zu machen, damit aber zugleich den Geschmack für daS Schöne und Edle zu fördern und die Urteilskraft zu schärfen, unsere vollste Anerkennung und Unrerstützung. Die Vorträge erfreuten sich von Seite der Elite der hiesigen jüdischen schönen Damenwelt einer Theilnahme und Begünstigung, welche für den mehr und mehr erwachenden wrssenschaftlichen Sinn, für daS rege Streben nach geistiger Ausbildung und Belehrung ein höchst ehrenvolles Zeugniß ablegt. Dr. R.d. Corresporrdenz. Dr. Likieuthal's Aufenthalt iu Rußland. (Nach tbe Israelite.) VII. New-Uork. CS war Freitags Vormittag um elf Uhr, als mein Schlitten vor dem Palaste des Ministers hielt. Als ich die Marmortreppe Hinanstieg, ward mir ängstlich zu Muthe, im Vorgefühl, einem so einflußreichen russischen Großen gegenüber zu treten. Ich war von den russischen Beamten, mit welchen ich bis jetzt zu thun gehabt hatte, auf so unangenehme Weise behandelt worden, daß ich nicht wußte, was ich von dieser so heiß ersehnten Unterredung;u erwarten hatte. Zwei Portiers öffneten alsbald die große Glasthürc; einer von ihnen nahm mir meinen Mantel ab, der andere führte mich in den Salon. Im ersten Vorzimmer fand ich einen Haufen von Courieren, bereit, die Depeschen des Ministers in jedem Augenblicke zu Pferde in die verschiedenen Theile der Hauptstadt zu bringen. Einer von ihnen öffnete die Thür zu dem großen Cmpfangssaal, welcher mit der Bibliothek des Ministers, verschiedenen Gemälden und Karten geschmückt war. Dort bcsindct sich fortwährend ein Schreiber, um dem Minister Diejenigen anzumelden, welche ihn zu sehen wünschen. Er fragte mich in russischer Sprache, was mein Begehren sei. Ich verstand ihn nicht, und antwortete ihm französisch, was ihm wiederum unverständlich war; als ich ihm jedoch den Empfehlungsbrief des baicrischen Gesandten überreichte, nahm er mir denselben höflich ab, und verschwand damit in dem Zimmer des Ministers. Da stand ich denn allein in jener mächtigen Halle, auf der Schwelle meiner künftigen Laufbahn. Ich war mir bewußt, daß mein Schicksal von dem Eindruck abhinge, welchen ich auf meinen künftigen Chef machen würde; unbekannt mit ihm, seinen Ansichten und Meinungen, sollte ich ftei meine Gedanken über die russischen Juden aussprechen, und ich fühlte sehr wohl, daß diese Stunde auf viele Jahre hin mein Schicksal bestimmen würde. Doch da ich gänzlich unbekannt war mit diplomatischen Verhandlungen, und noch niemals mit einem so hochgeborenen Aristokraten zusammcngekommen war, fühlte ich mich sehr unbehaglich; mein Herz schlug laut, und ich setzte mein ganzes Verttauen auf den Gott Israels und auf die gute und heilige Sache, welcher ich meine besten Kräfte gewidmet hatte. Kaum hatte ich zehn Minuten gewartet, als der Dircctor von des Ministers Privatdienst zu mir herauskam, und mich benachrichtigte, daß der Minister mich sogleich enrpfangen wolle. Die Saalthüre wurde geöffnet, und ich stand dem Minister U war off gegenüber. Ich fühlte mich auf einmal leicht und zuftieden und meine ganze Furcht war verschwunden. Anstatt eines russischen Bären, den ich zu sehen erwartet hatte, fand ich einen vollständigen Gentleman, dessen äußerst geistreiche GefichtSzüge den angenehmsten Eindruck auf mich machten. Uwaroff ist ein Mann von mittlerer Größe, schlank und mager; doch seine hohe Stirn, seine durchdringenden Augen, seine griechische Nase und sein feiner Mund, welche zu gleicher Zeit in ihm den Philosophen, den schlauen Staatsmann und den Mann von freundlicher Gesinnung erkennen lassen, gewinnen ihm schnell das Herz einer Jeden, der mit ihm in Berührung kommt*). Seine aristokratische Haltung ist gemildert und geglättet durch seine vortteffliche Erziehung; er spricht die modernen Sprachen so fließend, wie seine Muttersprache, und als er mehrere Werke „über Goethe", „über Erziehung" u. s. w. in französischer Sprache herausgab, gab Alerander Duuias, dieser berühmte ftanzösische Autor, das Urtheil darüber ab, daß kein Franzose sich der Sprache besser bedient hätte. Er ist als clasfischer Gelehrter bekannt, und bei einem Gastmahl, welches ihm die Universität von Dorpat gab, war er der Einzige unter den Professoren, der im Stande war, in griechischer Sprache einen Toast auszubringen und sich fließend darin auszudrücken. *) Wir haben auS jener Zeit Briefe des MinisterS Uwarow an uns liegen, welche Zeugniß von der humansten Gesinnung geben, und einen fast väterlichen Geist athmen. Red. vr. L. PH.