Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 21 (21.5.1855)
- Date
- 1855-05-21
- Page
- Seite 271 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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271 laß den Lehrern zu ertheilende Gratificationen. ES können weder Lehrer noch Schüler mehr thun, als sie zu thun schuldig find, und für seine Schuldigkeit darf man sich nicht ertra bezahlen lassen. Macht man den Kindern den Werth für das praktische Leben deutlich, oder, waS noch besser ist, wird der Unterricht so ertheilt, daß ihnen dieser Werth von selbst in die Augen springt, und stellt man die Lehrer so, daß sie auch ohne Gratificationen bestehen können, so bedarf eS allerdings äußern KrameS nicht. — Der „Lsraelite“ kündigt ein deutsches Beiblatt „Deborah“, den Töchtern Israels gewidmet, an. ES soll dieses Blatt Lesestoff für Damen enthalten, unter Anderm Novellen, Biographien, Gedichte, Nachrichten auS der alten Heimath, Aufsätze über Religion, Erziehung, Synagogenwesen u. s. w. In der That, ein schönes Unternehmen und wir zweifeln nicht, daß diese neue interessante Erscheinung in Amerika allwärtS mit warmer Theilnahme begrüßt werden wird. Unsere Nachbargemeinde Louisville schreitet rasch und blühend voran. Auch dort bildete sich ein Filialverein der „2ion Collegia te Association.“ — Zu den verdienstvollsten Anregungen, welche unser würdiger Rabbiner Dr. Wise aus geistigem Gebiet unter den hiesigen Israeliten hier ins Leben gerufen, gehört die Reihenfolge deutscher und englischer Vorträge, die in der „Allemania“ im Laufe dieses Winters gehalten wurden. Allerdings verlangen die Verhältnisse Amerika'S von Jedem eine energische materielle Wirksamkeit, aber deshalb darf der bessere Theil des Menschen nicht verloren gehen, die edlere Seite des Lebens nicht vernachlässigt werden. Zeige nur daö Publikum durch einen zahlreichen Besuch, daß eS ihm um gediegene Genüsse zu thun ist, dann werden sich solche Vorträge Jahr aus Jahr ein wöchentlich darbieten. Allerdings haben die Vorträge nur eine kleine, geistig strebsame Schaar bis jetzt herbeigezogen, die Menge aber kommt nicht, sie bleibt, auch wenn es keinen Eintritt kostet, hinterm Ofen oder dem Bierkruge und beim Kartenspiel, entweder, weil sie sich einbildet, schon zu viel gelernt zu haben, so daß des Guten zu viel werden könnte, oder weil man einen höheren geistigen Genuß im Bier und der Karte findet. Andere Gründe nachzusuchen, ist überfiüssig, die zwei angeführten find jedenfalls die treffendsten. Den ersten Vortrag in deutscher Sprache hielt Herr Dr. Wise über das Thema: Nutzen der Vereine, insbesondere der wissenschaftlichen Vereine. Der Vortrag, in einer schönen, edlen Sprache abgefaßt, verfehlte seinen Eindruck auf die Hörer nicht. Den zweiten Vortrag hielt Herr J. Wolf. Thema: „0n the life and works of William Shakespeare“, der sehr gut und gelungen sein soll. Wir waren durch Berufsgeschäfte verhindert, dem Vortrage beizuwohnen. Den dritten Vortrag hielt Dr. Rosenfeld „über Naturwissenschaften und deren Einfluß auf unser Zeitalter." Nirgends kann namentlich das Studium der Naturwissenschaften lohnender sein als hier, wo man jedes Resultat physikalischer Forschungen sofort in praktische Anwendung zu bringen gewohnt ist. Einen erfreulichen Beweis für die Aufmerksamkeit, welche das Publikum diesem Vortrage schenkte, lieferte die zahlreiche Versammlung, welche den Worten des Redners mit ungetheilter Aufmerksamkeit folgte. Den vierten Vortrag hielt wieder Dr. Wise. Thema: „Juris prudens of theUnited States.“ Der Redner sprach englisch und zeigte, daß er auch auf diesem Gebiete nicht links ist. Den fünften Vortrag (in vier Abende getheilt) hielt wieder Dr. Rosenfeld. Thema: „lieber Friedrich von Schiller und dessen Werke." Literarische Gegenstände in vereinzelten, auf das Zeitmaß einer oder selbst mehrerer Stunden beschränkten Vorträgen, abzuhalten, hat immerhin seine großen Schwierigkeiten, weil sie eben nur im Zusammenhang mit dem Ganzen, in ihrer Wechselbeziehung zu den Verhältnissen der Zeit im Allgemeinen ihren wahren Werth und tiefe Bedeutung erhalten. Alles dies von einem kurzen Vortrag zu erwarten, heißt jedoch offenbar feine Ansprüche zu weit treiben. Was ein solcher zu leisten vermag, bleibt mehr und mehr fragmentarisch. Andeutungen müssen fast immer die Stelle gründlicher Erörterung und Beweisführung vertreten. Wenn die nöthigen Fingerzeige auf verwandte und allgemeinere Verhältnisse geboten, die Anknüpfungspunkte zu weiterem Forschen hervorgehoben, der speciell zu behandelnde Gegenstand aber in seinen Hauptpunkten erörtert, bald hier bald da mit hellen Streiflichtern beleuchtet wird, so ist sicher Alles geschehen, was unter solchen Umständen erwartet und verlangt werden darf. Den sechsten Vortrag hielt Herr Moritz Escales. Thema: „Ueber das Jahr 1848." — Jedenfalls verdient das Streben, literarisches Wissen selbst auf einem seinem Gedeihen minder günstigen Boden hei-