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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1855-05-21 · Heft 21 (21.5.1855) · p. Seite 266

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
19 (1855)
Issue
Heft 21 (21.5.1855)
Date
1855-05-21
Page
Seite 266 (sequence 2)
Language
German
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266 meine innerste Ueberzeugung, daß, so nothwendig, so unentbehrlich, so heilig der Cultus in allen seinen Zweigen ist, so innig in der Religion Alles mit einander verwachsen ist, daß ich Loch einen größer» Verfall der Religion in dem Schwinden der mit religiösem Bewußtsein geübten werkthätigen Liebe in Israel finden würde, als in derVerminderung der Uebung der Cultussatzungen. Die religiöse Idee ist in die Welt gekommen, um den heidnischen Egoismus, den groben der Barbaren und Römer, wie den feinen der Griechen, zu bekämpfen. Der Mosaismus hat die Liebe als religiöses Gesetz, als Aufgabe und Inhalt des menschlichen Lebens, als höchstesZiel desLebens, in dieWelt gebracht. Der Egoismus, welcher entweder ganz grob und materiell das eigne Volk, die Kaste und das Individuum als alleinigen Zweck betrachtete und in den sinnlichen Genüssen seine Erfüllung sah, oder fein und gebildet in dem guten Verhalten mit seiner Umgebung und in dem von Kunst und Wissenschaft durchwürzten Genuß des körperlichen und geistigen Menschen, dieser Egoismus, der das Schwert des Römers eben so wie den Griffel seiner Rechtslehrer, den Meißel des Phidias wie den Zirkel des Archimedes und den Stift des Aristoteles führte, er war und ist der Lebensmittelpunkt des Heidenthums, und als dessen Gegensatz und Bekämpfung sandte Gott sein Wort, die religiöse Zdee in die Menschheit. Der Streit ist ein langer, ununterbrochener, aber siegreicher. (S. unsere Vorlesungen über „die Religion der Gesellschaft.") Wohlan! so hat es sich uns ja wie von selbst gegeben, was ganz besonders im Judenthume zu pflegen, zu neuer Blüthe, zu neuem Wachsthum zu bringen. Wenn das Eingehen in die socialen und geistigen Verhältnisse und Zustände der civilisirten Welt die Juden in der Uebung der Cultussatzungen so sehr abschwächt, wenn diese Satzung, selbst in neuem und bedeutendem Lichte geschaut und ästhetisch geklärt, dennoch nur in sehr mäßigem Maße in Uebung verbleibt: so haben wir um so mehr den modernen Juden zu lehren, daß die mit religiösem Bewußtsein geübte werkthätige Liebe — natürlich nicht blos in der Darreichung einiger Thaler, dieser Brosamen vom Tische eines Reichen bestehend — auch Judenthum und ein großes Stück Judenthum ist, daß sie sich durch diese als Juden bethätigen, als treue Söhne der Lehre Moscheh's bewähren, daß sie durch diese das Heil und die Versöhnung von Gott erlangen. Dies ist in der That eine Wahrheit, und sie ist von außerordentlichem Erfolge, von Erfolg für die Treue in der Religion, von Erfolg für Leben in der Religion, von Erfolg für die Thuenden, von Erfolg für die Empfangenden. Man wird sich erinnern, daß die „Allg. Zeit, des Jud." seit langer Zeit einen großen Raum zur Einregistrirung von Spenden, Stiftungen, wohlthätigen Vereinen und Werken weiht; man wird auch wahrgenommen haben, daß in der neuern Zeit — gegen das vorhrrgegangene halbe Jahrhundert genommen — der Eifer hierin unter den Juden wieder sehr gewachsen.... wohlan, begrüßen wir dies als einen „großen Umschwung", würdigen wir es in seiner ganzen Bedeutung, befördern wir eS mit aller Macht! Fitcraturbericht. IV. Vor wenigen Jahrzehnten hätte wohl Niemand geglaubt, daß in der Veröffentlichung alter hebräischer Schriften eine so außerordentliche Energie entwickelt werden würde. Wir erinnern an die schönen Ausgaben des Talmuds in Prag und Wien, des Maimonides, und der vielen früher niemals gedruckten Schriften, sowie an die wiederholten Auflagen, Uebersetzungen und Bearbeitungen des Cusri, Bechai, Albo u. s. w. Wir haben nicht aufgehört, darüber Bericht zu erstatten, und fahren darin getreulich fort. — Beginnen wir aber heute mit dem Abdruck jüdischer Geisteserzeugnisse, welche nicht dem Pergament oder Papier anvertraut waren, sondern in harten Stein gegraben, der Nachwelt die Stätten bezeichnen, wo die Vorvordern ihren Leib der Verwesung übergeben haben. Nachdem Zunz im ersten Bande „Zur Geschichte und Literatur" (Berlin 1845) Seite 390, die ersten Linien einer jüdischen Grabschriftenkunde entworfen, und die bis dahin vorhandenen Notizen gesammelt hatte, hat die jüngste Zeit uns zwei ergänzende Schriften aus Worms und Wien gebracht, welchen eine dritte, vielleicht wichtigste, aus Prag folgen soll*). Wir überschätzen den Gewinn nicht, welcher aus diesen Veröffentlichungen erfließt, müssen aber doch die mancherlei Notizen zur Geschichte der Literatur und Gemeinden, die sich da ergeben, sowie den Sinn der Pietät, der *) Jndeß ist nicht zu vergessen, daß schon 1-841 Luzzatto 76 Epitaphien aus Toledo (ynat •'Da« Prag, 1841) veröffentlichte.

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