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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1855-05-14 · Heft 20 (14.5.1855) · p. Seite 254

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
19 (1855)
Issue
Heft 20 (14.5.1855)
Date
1855-05-14
Page
Seite 254 (sequence 4)
Language
German
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254 die Satzung eine ganz andere Bedeutung hat, als man ihr in der letzternZeit einräumen wollte. Sie erscheint als eine Manifestation der israelitischen Weltanschauung, als ein Ausdruck und Träger derselben, und ist damit von einer ganz andern Wucht, als wenn sie dem Volke als eine unabänderliche Vorschrift Gottes, deren Uebertretung unnachfichtlich schwere Sttafe nach sich zieht, gelehrt ward. Und wenn diese letztere Ansicht bei einer so großen Zahl Juden in Westeuropa und Amerika gewichen ist, so wird sie durch jene gerettet und zu neuem Leben geweckt. Die Erhaltung der Selbstständigkeit und das Vedürfniß des Ausdrucks und der Erscheinung für die israelitische Weltanschauung, so wie das in der letzter» überwiegende Moment, Lehre und Leben zu identificiren, machen auch die Nothwendigkeit der Satzung aus. Allerdings ist mit diesem Standpunkt auch die Kritik gegeben. Diese Kritik übt aber das Leben besser als der Theologe aus, dieses Leben, welches bereits die zersetzende Reform von sich abgewicsen hat, und welches eben so die mystische Willkür, die in verkehrte und veraltete Bräuche eine ganze Welt von Ideen hineinpressen will, lächerlich gemacht hat, dieses Leben, welches in hundert Beispielen gezeigt hat, daß der religionslose Jndifferentist wie der spukende Mystiker in ganz gleicher Weise verloren ist*), dieses Leben, welches vom Ideologen so sehr verachtet wird, und das ihn zu aller Zeit in herrlichen und dauernden Schöpfungen zu Schanden macht:.... Man weiß, die Alten wollten von den ms» ,,rr£3 nichts wissen, und diese mxn find doch vielfach Rettungsanker derselben. (Fortsetzung folgt.) Literaturbericht. (Schluß von HI.) DaS zweite Werk ist: „nr>272 Praktische Einleitung in die heilige Schrift und Geschichte der Schriftauslcgung. ein Lehrbuch für die reifere Jugend, ein Handbuch für Gebildete. Von Leopold Löw, Oberrabbiner zu Szcgcdin. Erster Theil. Allgemeine Einleitung und Geschichte der Schriftauslcgung. Groß-Kanischa, 1855." Unter der Voraussetzung, daß es eigentlich Geschichte der *) Das neueste Beispiel hierfür gaben die Herren Theodor Creiznach und Selig Cassel, welche beide jetzt keine Juden mehr sind, nachdem jener gegen die Orthadorie für den Frankfurter Rcformverein, dieser gegen den Frankfurter Rcformvcrein für die Orthvdorie geeifert hatte! jüdischen Schristauslegung heißen sollte, wird Jedermann eine solche Erscheinung als eine höchst willkommene begrüßen. Die Verarbeitung des ungeheuren Materials, welches hier vorliegt, ist längst ein Bedürfnis, und da diesem bis jetzt noch nicht im Geringsten Befriedigung zu schaffen versucht worden ist, so kann man dem Verfasser für diesen Gedanken und dessen Ausführung nur Glück wünschen. Beschreiben wir zunächst die Ockonomie des Buches. Nach einer Einleitung über die Quellen der Gottcserkcnntniß, die, weil flach, wir weggewünscht hätten, handelt der erste Abschnitt über Theile, Inhalt, Sprache, Schrift, Handschriften, Ausgaben und alte Uebersetzungen der heiligen Schrift; der zweite über die Targumim, Septuaginta u. s. w., über Peschat und Derasch; der dritte über die erste Periode der Schriftauslcgung bis R. Saadia Gaon (900), namentlich die Mischna, die beiden Talmude, die Midraschim in ihren drei Epochen, die Griechen; der vierte Abschnitt über die zweite Periode bis R. Isaak Abravanel (1500), namentlich die Karäer, die Religionsphilosophen, die Nordaftikaner, die spanische, französische und deutsche Ercgetenschule, Moses Maimonides und seine Schule, die rationalistische und die kabbalistische Schule, die Schriftausleger in Frankreich; der fünfte Abschnitt über die dritte Periode bis Mendelssohn 1750, die italienischen Grammatiker und Ercgetcn, die holländischen Schriftgelchrten, die Karäer im Orient und in Polen, die rabbinischen Schristauslcger im Orient und in Polen, die deutschen Schriftausleger und Ucbersetzer; der sechste Abschnitt über die vierte Periode bis auf die neueste Zeit (1850), über Mendelssohn, die Diuristen, Luzzatto, die neuesten Eregetcn; hieran schließt sich der siebente Abschnitt: „die Pflege des göttlichen Wortes in Synagoge und Schule", die Predigt und ihre Geschichte, der Jugenduntcrricht in seinen verschiedenen Perioden. — Aus dieser Ueberficht ersieht der Leser, daß der Verfasser es wohl verstanden hat, den ungeheuren Stoff zu überwältigen, scharf zu sondern und angemessen zu ordnen. Es ist eine große Skizze der Jahrtausende, und wohl erhebt sich aus ihr der Gedanke mit ftischer Kraft, wie alle Geisteskräfte, alle Emsigkeit und alle Opfer Israels sich um das große Kleinod der Welt, die heilige Schrift, legten. Der Verfasser hat somit das Verdienst, die Bahn zur Bearbeitung dieses großen geschichtlichen Stoffes gebrochen, und nicht minder, unsrer studirenden Jugend ein geordnetes Tableau geliefert zu haben, wo sie früher nur mit großer Mühe einzelne Notizen sich sammeln konnte. Hierbei aber müssen wir stehen blei-

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