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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1855-05-14 · Heft 20 (14.5.1855) · p. Seite 253

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
19 (1855)
Issue
Heft 20 (14.5.1855)
Date
1855-05-14
Page
Seite 253 (sequence 3)
Language
German
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253 nicht delikat und parfümirt genug finden; sie darf ihren CultuS nicht nach den Wünschen Llasirter Herren und Damen hingeben — um so weniger, da all Dies nicht einmal dahin führt, fie auf die Länge, d. h. etwas tiefer als höchst oberflächlich festzuhalten - - fie darf ferner ihre Schulen und ihre Literatur nicht blos darum erhalten, weil die Schulen jetzt spccifisch-christlich, und die Literatur entweder spccifisch - christlich oder völlig heidnisch ist, sondern fie muß fie mit ihrem cigenthümlichsten Geiste, mit der ganzen Fülle ihres historischen und intellcctuellen Werthcs durchdringen; ihre Literatur insonders muß so sprechen und wirken, wie Jeschajah II. zu den Juden in Babel, voll Erleuchtung, voll Lehre, aber auch voll entschiedener Energie und israelitischen Wesens, voll Bewußtseins des Berufes und seiner Erfüllung. Dies ist der eine Standpunkt. Wir sagen aber auch „in ihrer Gliederung durchzuarbeitcn." Wir wiederholen cs immer wieder: der Schwerpunkt deS Judenthums will Jdentificirung der Lehre und des Lebens. Es ist keine philosophische Schule, welche einige Lehrsätze zur Welt gebracht hat, und diese den Menschen zur beliebigen Benutzung überläßt. Was man in neuerer Zeit von Trennung des Religiösen und Politischen im Judenthume gesprochen, beruht aus einer völligen Verkennung seines Grundwescns. Das Judenthum kann gar keine Trennung im Leben zugcbcn, denn das Leben ist ihm ein Ganzes. Der Mosaismus befaßt den Geist, den Leib, die Familie, den Staat, die ganze Menschheit, die ganze Welt. Er führt seine Lehren und Vorschriften auf die Liebe zu Gott und die Gottesfurcht, auf die Heiligung der Seele, auf die Rcinigkeit des Leibes, auf den Bestand der Familie, auf das Recht zwischen den Bürgern des Staates, auf die großen Momente der menschlichen Gesellschaft (Eigenthum re.), auf die Gleichheit aller Menschen und die allgemeine Liebe, auf die Thiere und bis auf die Pflanzen. Für alle diese Beziehungen gicbt uns der Mosaismus theilS Lehrsätze, thcilS specielle Vorschriften, in welchen letzteren uns aber doch vorzugsweise die allgemeinen Gesetze geoffenbart werden sollten*). Hiermit war und ist der Mosaismus die Grundlage des Judenthums für alle Zeilen. Die Zeiten änderten fich, die Verhältnisse wurden ganz andere; der größte Theil der mosaischen Vorschriften konnte nicht mehr so, in ihrer Wörtlichkeit, ausgeführt werden, ein anderer Theil mußte *) Gerade über diesen höchst wichtigen Punkt werden wir in nächster Zeit Ausführlicheres aussprechen. materiell modificirt werden — ach! allzuoft veränderte fich hiermit auch der geistige Gehalt — der Talmudismus war ein neues Gebäude auf jener Grundlage, um unter ganz anderen Verhältnissen das Leben des Juden immer noch zu einem total religiösen zu machen, und Lehre und Leben identisch zu erhalten. Und wer könnte behaupten, daß ihm dies mißlungen wäre? Ob ihm die Criminaljusti;, später auch meist das Civilgericht entzogen ward, ob er dem bürgerlichen Recht der Staaten, den Steuern und Ausnahmsgesetzen derselben unterworfen ward — was that dies; das Leben des Juden blieb in seiner Totalität religiös, für den verlorenen Theil traten andere Elemente, die im mosaischen Leben noch fast gänzlich fehlten, namentlich ein reiches cultuellcs Leben, besonders im Hause, in solcher Fülle ein, daß der Verlust von keiner Bedeutung blieb. — Wohlan, die Zeilen haben fich abermals geändert, durch den Eintritt der Judcnheit in das Leben der Völker, durch ihr Aufgchen in die ganze Cultur der civilifirtcn Welt, durch die dadurch erwirkte Verminderung desLebens in den cultuellcn Formen, durch alles Dies ist Stellung, Geist und Leben der Juden so verändert, daß die religiöse Existenz nicht davon unberührt bleiben konnte. Hier nun von einer Trennung des Religiösen und Polirischcn zu sprechen, das Religiöse auf ein Paar Lehrsätze und ein Paar willkürlich beibehaltcne Festtage, an denen ein wenig Gottesdienst gehalten wird, zu beschränken, alles Andere des Judcnrhums aber für Politisches zu erklären und in die Runipelkammer zu verweisen — das klingt beinahe wie Ironie. Nein', im Judenthume gab es nie Politisches — denn was wir seit Plato und Aristoteles so nennen, das war im Judenthume auch religiös!... Die Aufgabe ist großartiger, die wir haben: es gilt die Totalität des Lebens zu retten, umzusormcn, wiederherzustellcn — nicht wicderherzustellcn, indem wir theils mit Gewalt, theils mit Donnerwort die Juden in das alte cultuclle Leben, das größtentheils verloren gegangen ist, wieder zurückzwängen wollen — was auch niemals gelingen wird-der talmudische Umbau hat mit Esra und Nechemja begonnen und hat über ein Jahrtausend gedauert: fassen wir uns in Geduld, wenn der Neubau des Judenthums morgen noch nicht fertig ist. Synagoge, Schule, Wohlthatigkeitsinfiitute, Literatur — fie werden alle das ihrige rhun, alle vier belebt von der Energie des israelitischen Geistes, der nur erst angefacht sein will!.... Wie Dem aber sei, man fiehr bald ein, daß von diesem Standpunkte aus 20*

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