Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 20 (14.5.1855)
- Date
- 1855-05-14
- Page
- Seite 252 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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252 Herr Rabbiner Dreifuß in Mühlhausen (Elsaß). - Rabb. Substitut Dr. H. Werner in Adelsdorf. - Rabb. Dr. I. M. Wise in Cincinnati (Ohio). - Cantor Weisler in Prenzlau. - Buchhändler Philipsen in Kopenhagen. - Buchhändler I. Heß in Ellwangen (Württemberg). - König!. Lotterie - Einnehmer I. Levy in Aachen. - Louis Simon in Nottingham (England). - Rabbiner Grünewald in Freudenthal. - Simon Schäfer in Myslowitz. - Lehrer Kutner in Bunzlau. - Rabbiner Dr. Grünebaum in Landau. Per große Umschwung. II. Es wäre durchaus falsch, wenn man annehmen wollte, daß allein die Erstarkung der Kirche und die damit von selbst gegebene christlich-specifische Richtung aller Institute, so wie andrerseits die immer stärkere Prononcirung des atheistischen Materialismus, also von außen her eine neue Lebensbewegung des Judenthums Hervorrufe. Es ist vielmehr ganz dieselbe innere Energie, welche jene zu erneuerter Kraft geweckt hat, die auch im Judenthume treibt und drängt. Die großen geschichtlichen Weltanschauungen find in Frage gestellt, nicht blos durch den Gegensatz, sondern ganz in sich selbst; in fich selbst fechten sie daher den Kampf aus, und kommen da zu einer abermaligen Jntenfivität, welche fie seit langer Zeit nicht besessen haben. Daher ist es die israelitische Weltanschauung, welche nicht minder in ihren Gliedern zu einer Entscheidung und zu einem Siege drängt, und daher auch nach allen den Mitteln sucht, welche fie darin unterstützen können. Wie wir schon oft ausgesprochen: die bis jetzt so genannte Reformftage ist keine Lebensftage des Judenthums mehr; fie ist in die zweite, ja dritte Linie zurückgewichen. Alle Welt will einen anständigen Gottesdienst, will in allen religiösen Formen und Acten Bildung und Sitte; aber jene Feindseligkeit gegen alles Herkömmliche, jene Verachtung alles Altjüdischen, jene Bilderstürmerei gegen das Hebräische und die uralten symbolischen Ceremonien hat aufgehört; ja, man ist zu dem Bewußtsein gekommen, daß in allen Liesen, wenn fie würdig gehandhabt werden, noch eine große religiöse Kraft enthalten ist, und mit dieser muß man in unsrer Zeit sehr sparsam umgehen. Indem wir dieses niederschreiben, haben wir, Gott sei Dank, hiermit nirgends in allen unsren Schriften einen Widerspruch zu beklagen; wir hatten diese Anstchten zu aller Zeit und bethätigten fie in allen unsren Handlungen und Aeußcrungen. Wir haben auch erst in diesem Jahre in mehreren Leitartikeln dieser Zeitung gezeigt, daß die eigentliche Reformfrage ganz wo anders liegt, nämlich in der noch immer obschwebenden Frage über Autorität und Wesen der Tradition. Die Aufgabe unsrer Zeit ist demnächst: die israelitische Weltanschauung in ihrer Selbstständigkeit zu erhalten, in ihrer Bedeutung für daS ganze Menschengeschlecht zur Geltung zu bringen, in ihrem geschichtlichen Verlaufe zu verstehen und darzustellen, und in ihrer Gliederung durchzuarbeiten. Jedermann weiß, daß hiermit das Judenthum nicht in eine ecclesia miliians, in eine „streitende Kirche" gewandelt wird, daß es nichts weiter zu thun hat, als von innen heraus fich auszusprechen, und nur da fich zu vertheidigen verpflichtet ist, wo es absichtlich angegriffen worden. Denn noch heute gilt von ihm, was Jeschaja vom Volke Israel spricht (42, 1 — 4): „Siehe, mein Knecht, den ich stütze, mein Erkorner, an dem Gefallen meine Seele hat: meinen Geist legt' ich auf ihn, das Recht soll er den Völkern bringen. Nicht schreit er, nicht ruft er laut, läßt draußen seine Stimme nicht vernehmen. Geknicktes Rohr zerbricht er nicht, glimmenden Docht verlischt er nicht: mit Wahrheit soll daS Recht er bringen. Nicht müde wird er, nicht entkräftet, bis daß auf Erden er das Recht gegründet, und seiner Lehre die Länder harren." —*) Demungeachtet nehme man die obige Definition in ihrer ganzen Genauigkeit, in jedem einzelnen Worte nachdrücklich zu verstehen. Soll aber die israelitische Weltanschauung in ihrer Selbstständigkeit erhalten werden, so darf fie ihre Erscheinung, und soweit fie diese in intcgrirenden Formen substantiirt hat, nicht an eine blos culturhistorische, ja an eine blos ästhetische Frage preisgeben; fie kann und darf nicht ftagen, ob die Leute in Glacehandschuhen diese oder jene Form *) S. unfern Kommentar zu dieser vielbedeutenden Stelle Bd. II. S. 849 ff.