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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1855-05-07 · Heft 19 (7.5.1855) · p. Seite 239

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
19 (1855)
Issue
Heft 19 (7.5.1855)
Date
1855-05-07
Page
Seite 239 (sequence 3)
Language
German
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239 ständige Negation des Positiven, in den völligen Materialismus und in Atheismus vertieft Hai, daß diese Richtung sowohl populär in den Geistern der Massen und Gebildeten, als auch wissenschaftlich in den Naturwissenschaften und der Philosophie außerordentlichen Boden gewonnen und mit der Wucht, welche aus einer unermeßlichen Entwickelung des Lebens und des Geistes, aus den Ergebnissen einer zerfressenden Kritik, und aus den Zerstörungen, die ein Jahrhundert langer Kampf zurückgclassen, von selbst sich crgicbt, sich im innersten Dasein der Neuzeit einen weiten Grund geworfen hat. Daß inmitten dieser großen Gegensätze das Judenthum berufen sein mußte, auch seinerseits eine hervorragende Stellung einzunchmen und eine bedeutende Aufgabe zu übernehmen, ist um so mehr selbstredend, als Juden und Judenthum längst nicbr mehr abgeschlossen, sondern lebendige Glieder des mcnschcngcschlechtlichen Organismus in kräftiger Wechselwirkung geworden sind. Daher auch im Judenthume ein großer Umschwung. Während in der Zeit vor 1848 die sogenannte Reformftazc den Vordergrund einnahm und im Rester der Zeit die Umgestaltung der äußern Erscheinung in den mannichfaltigsten Nüancirungen, bis zur Beseitigung aller geschichtlichen Form, als Hauptaufgabe getrieben und anerkannt wurde — ist seitdem diese ganze Bestrebung in die zweite, ja dritte Linie gerückt, auch bei uns hat sich die Frage aus der Verneinung erhoben, und eine große positive Aufgabe ist daraus erstanden. Seinem ganzen inncrn Wesen nach hat das Judcnthum inmitten jener großen Gegensätze die Aufgabe übernommen: den gcoffenbartcn Deismus zu vertreten, d. h. die einfache Gottlehre, nicht wie sie der Rationalismus, die Vernunftreligion und dergleichen mehr aus willkürlichen Voraussetzungen ausgestellt hat, den Hauptinhalt dem Judenthume in demselben Augenblicke entnehmend, in welchem sie dieses verleugneten und verhöhnten, sondern wie diese Gottlehre aus unfern heiligen Schriften erfließt, durch unsere Geschichte bewahrt und bewährt ist, und ihre Uebereinstimmung in der Vernunft und dem Herzen des Menschen nach den Gesetzen des Geistes findet. Dieser geoffenbartc Deismus mar stets der Inhalt und Zweck des Judenthums, ihn im großen Kreise der Menschheit und vor den Augen dieser zu vertreten, muß aber vor Allem die Aufgabe des jetzig en Judenthums sein, nachdem dies aus seiner Absonderung herausgetreten. Indem wir dies als einen Umschwung bezeichnctcn, wußten wir wohl, daß jener ganze Gedanke schon seit Jahrzehnten gäng und gebe ist; daß aber die ganze Energie des Judenthnms sich darauf werfe, daß cS um dessentwillcn Synagoge und Schule, Gemeinde und Institute, vor Allem aber die Literatur aus neuen Gesichtspunkten ergreift, ja daß cs von diesem Standpunkte aus selbst die Satzung und formale Erscheinung im neuen Siebte erschaut, und daß cs vor so großen Momenten Vieles vergißt. waö noch vor so kurzer Zeit so wichtig erschien — das ist ein bedeutender und wesentlicher Umschwung. Verfolgen wir Dieses noch weiter. Fitcraturbericht. III. Wenn in der jüngsten Zeit die biblische Ercgese auch bei uns Juden wieder in Flor gekommen, und rhcilS allgemeine, thcils Specialarbeiten von Werth ans Licht getreten, so können wir nur unsre Befticdigung darüber aussprechen. Wir müssen aber hier folgende Bemerkung vorausschicken. Es ist noch nicht lange her, daß man zweierlei An Vorwürfe und Klagen, oft mit bitterem Nachdruck, hat vcrlautbar machen müssen. Zuerst, daß die christliche Welt von den Arbeiten der jüdischen Gelehrten gar keine Notiz nahm, daß eine Würdigung jüdischer Leistungen in christlichen Kreisen eine Seltenheit war. Wir ftcuen uns, anerkennen zu müssen, daß dieser Vorwurf nach und nach veraltet. Es ist Bresche geschossen, und dann ist die weitere Annäherung nicht zurückzuhalrcn. Wir persönlich haben in dieser Art uns zu beklagen am wenigsten Ursache. Ein anderer Vorwurf traf und trifft die neueren jüdischen Gelehrten selbst, welche, in fast komischer Weise, von der Sucht geplagt wurden, die Werke christlicher Gelehrten zu citircn, die Arbeiten ihrer jüdischen Cvllegen aber völlig zu ignvriren. Wir haben noch jetzt Schriften aus den letzten und vorigen Jahren vor uns, welche auf jeder Seite christliche Autoren benutzen, in ihrem ganzen Umfange aber keinen einzigen jüdischen nennen und berücksichtigen, obgleich sich hundertfach die Gelegenheit bot. Wir wünschen, daß diese letztere Unart eben so bald verschwinde. wie der obige Vorwurf gegen unsre christlichen Genossen im Abnehmen begriffen ist. Dahingegen müssen wir nun mehr gegen eine gerade entgegengesetzte Art der Abschließung zu Felde ziehen. Wir find im Begriff, über zwei ganz verdienstvolle Arbeiten zu berichten, eine neue englische Bibelübersetzung und eine Geschichte der Schriftauslrgung. Beide Werke haben sich aber strengstens auf die jüdischen Eregeten beschränkt, und nirgends (im er- 19*

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