Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 19 (7.5.1855)
- Date
- 1855-05-07
- Page
- Seite 238 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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2S8 Wohlandas jüdische Publikum ist der Sache mit gutem Vertrauen entgegengekommen; mit vollem Vertrauen haben wir ihr eine anstrengende und beharrliche Bemühung geschenkt: so mögen denn die jüdischen Autoren auch uns ein unbedingtes Vertrauen schenken, und uns in jeder Weise in unsren schönen Zwecken unterstützen! — Wir haben nur noch wenig hinzuzufügcn. Wie schon wiederholt erklärt worden, soll grundsätzlich Nichts ausgcschloffen werden, was auf das Iudcnthum Bezug hat, mit alleiniger Ausnahme der Politik und Polemik. Allerdings ist zu berücksichtigen, daß der bei weitem größere Theil der Theilnehmer nicht streng wissenschaftlich gebildet ist, und daß ein Hauptzweck des ganzen Instituts ist: das geistige Leben auf dem Gebiete des Judenthums und gerade in der großen Masse zu nähren und zu wecken; es ist daher vor Allem nothwendig. die Aufmerksamkeit auf solche Schriften zu wenden, welche das Interesse der großen Masse zu fesseln, und unterhaltend und belehrend in sie einzudringen vermögen. Abseitens dessen sollen auch solche Schriften gegeben werden, welche eine wissenschaftlichere Tendenz haben, dennoch aber so beschaffen sind, daß sie dem größeren gebildeten Publikum verständlich, brauchbar, anziehend sind. Dann wird auch an Schriften streng wissenschaftlicher Forschung gedacht werden, und hieran schließen sich endlich Schriften in hebräischer Sprache aus der ältern Epoche unserer Literatur, welche jn der ersten Zeit nur von geringem Umfange sein dürften,- bis sich unser Institut erst so bewährt und in der Gunst des Publikums festgestcllt hat, um ein Weiteres wagen zu können. Um die Autoren vor jeder Bcnachtheiligung, uns vor jeder Beschuldigung zu schützen, bitten wir die Schriftsteller, ihre Werke nicht mit ihrer Namensunterschrift, sondern nur mit einer Devise versehen, einzusenden. Sobald der Entschluß über die verschiedenen Werke gefaßt ist, werden die Autoren unter Angabe der Devise durch diese Zeitung aufgefordert, mir uns über ihr Manuscript in weitere Verhandlung einzutretcn, oder dasselbe zurückzufordern. Der vorläufige Schlußtermin zur Einsendung der Manuscripte ist auf den 1. Juli c. fcstgestellt; doch wird es auch genügen, zuerst nur einen solchen Theil deS Manuscriptes einzusenden, aus welchem hinlänglich Tendenz, Geist und Form des Ganzen, das aber vom Autor vollständig ausgearbeitet sein muß, zu erkennen wäre. Die Einsendung geschieht an den Rabbiner Dr. Philippson in Magdeburg. So wäre denn hiermit der letzte der vorbereitenden Schritte zur festen und sichern Gestaltung deS neuen Instituts zur Förderung der israelitischen Literatur geschehen, und wie bis hieher sichtlich der Segen Gottes darüber gewaltet, so führe dieser uns auch weiterhin zu schönen, gedeihlichen Zielen.' Möge somit ein neuer Wetteifer unter allen Israel angehörigcn Geisteskräften entstehen, eine Aera der Literatur des Judenthums zu begründen, welche den gerühmtesten unsrer langen Geschichte nicht nachsteht! vr. A. Jellinek in Leipzig, vr. I. M. Jost in Frankfurt am Main, vr. Ludwig Philippson in Magdeburg. Der große Amschwung. I. Wir sprachen vor Kurzem von dem großen Umschwünge, der auch auf dem Gebiete der jüdischen Theologie seit dem Jahre 1548 stattgefunden. Erklären wir uns hierüber deutlicher. Von welchem Standpunkte man auch ausgeht, das genannte Jahr hat einmal wieder in der Menschengeschichte bewiesen, daß mit plötzlichen Ausbrüchen gar nichts vollbracht wird, sondern daß vielmehr nach ihnen sich der Kampf erst recht vertieft, fein oberflächliches Wesen und Schaumtreiben verliert, und dafür sich innerlich mit wahrhafter Energie des Geistes durchficht und zu Ende lebt. Alle jene eitlen Phantasmagorien, mit welchen Phantasie und Schwatzhaftigkeit die Welt umzugestalten vermeinten, verflogen vor dem Ernste wie Schatten, und die längst bestehenden Gegensätze allein find es, die ihr Dasein von Neuem bethätigen, um die Menschheit wcirerzuführen. Diese Sätze in ihrer Wahrheit auf allen Gebieten der Mcnschenwelt nachzuwcisen, wäre ein Leichtes, gehört aber nicht hierher. Aber alle jene leichten Machwerke der Zeit, wie dort die vielen socialen und politischen Theoremen, so hier die Lichtfreunde, der Deutsch-Katholicismus, die fteien Gemeinden, sie sind geschwunden und ihre Spuren hatten sich so wenig tief eingedrückt, daß man nach kurzer Zeit sie kaum noch zu finden vermöchte. Hingegen hat sich auf der einen Seite die Kirche wieder mit einer außerordentlichen Energie erhoben; sie entwickelt eine Conseguenz, wie seit Jahrhunderten nicht; mit außerordentlichem Scharfblick und Tact weiß sie Alles zu erfassen, was ihr dient; vor Allem sucht sie sich der Jugend zu bemächtigen, also der Zukunft. Von der andern Seite kann man aber nicht verkennen, daß nicht minder Alles, was ftüher der Kirche gegenüber stand, sich in die voll-