Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 18 (30.4.1855)
- Date
- 1855-04-30
- Page
- Seite 232 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3225931-3225950--14563-3300214- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
SSL u me Izhon jadenu; dieser Kinder, die sie nirgend zn dem Gewohnheits-Bettel, zu der tausendgestaltigen pelite Industrie unausgesetzt benutzen, um ihnen ja die Schulstunden nicht zu verkürzen, dieser Töchter, für deren möglichst anständige und legitime Ausstattung sie ganz selbstverständlich Alles, Alles hergeben, den letzren Pfennig, den letzten Rock, den letzten Stolz: den Stolz, keines Menschen Hülfe zu bedürfen — daS sind, mit unbedeutenden Ausnahmen, daS sind die armen Juden in Deutschland. Arme, sorgenerfüllte Männer und Frauen, aber keine Proletarier. Treffe sie ein befeuchtender Guß auS FortunenS Gartenkanne, und ihr könnt sehen, wie sie aufleben, wie sie die Segenstropfen benutzen, wie der dürre Zweig so zu grünen und zu blühen anfängt, daß ihm nach kurzer Zeit die trübe Vergangenheit nicht mehr anzusehen ist. Ja, Armuth haben wir, und an manchen Orlen recht viel; aber keinen Pauperismus, keine eingewurzelte, fortgeerbre, aussichtslose Maffenarmuth. Um diese einreißen zu lassen, dazu sind unsere Armen nicht angethan, und Gott sei Dank, auch unsere Bemittelten, unsere Wohlhabenden und unsere Reichen find es nicht. Ich spreche freilich nur von den Juden in Deutschland, von diesen Juden, die überall von der „destrucliven" philosophischen Aufklärung und dem „entsetzlichen Ungeheuer" des JndifferentiSmus angefressen sind, und deshalb von den Heiligen VeS Jewish chronicle, deS (Jnivers israelite u. f. w. und gar von den dazu gehörigen Geonim wohl kaum noch zu den Juden gezählt werben. Auch die Rechnungen der hiesigen Gemeinde weisen für das verflossene Jahr eine um drei bis viertausend Thal er erhöhte Ausgabe, meist für das Armen- und für das Schulwesen nach. Im laufenden Jahr wird hingegen das Culrus-Departement und die damit zusammenhängenden Baulichkeiten viel Geld kosten, da die Hauptsynagoge, das RabbinatShaus und die M.knabäder umfassend renovirl werden und daS Mazzothwefen wegen der Theuerung des Walzens einen vermehrten Zuschuß erfordert. Dagegen gewlnnt unsere Gemeinde fortwährend einen Zufluß wohlhabender Contribuenten aus beiden mecklenburgischen Staaten, aus welchen die polltische und eben so sehr die rabbinische Reaktion sie vertreibt. Junge Leute vollends, die einmal heraus sind, mögen um keinen Preis wieder hinein. Frankreich. Straßburg, im April. lPrivatmitth.) Am 12. März erlitten wir, nicht nur die hiesige Gemeinde, sondern auch die hiesige Stadt und noch weitere Kreise einen herben Verlust, welcher noch heute, nachdem der Schmerz der Trennung beruhigt, noch manche Thräne entlockt. Jenes ehrwürdige Haupt, welches wir als unser Aller Schmuck zu betrachten gewohnt waren, ist nicht mehr! Herr LouiS RatiSbonne, 25 Jahre Präsident des ConsistoriumS, zu welchem er immer wieder mit Stimmeneinhelligkeit gewählt ward, Adjoint des Maires, Mitglied deS Handelstribunals, Ritter der Ehrenlegion welcher jedes Jahr, ja jeden Tag mit neuen Werken der Wohlthätigkeit bezeichnete. Aus den vielfachen Vermächtnissen hebe ich heute nur folgende hervor. An seinem Begräbnißtage wurden 9000 Frcs. an Bedürftige der Katholiken, Protestanten und Israeliten zu gleichen Theilen vertheilt, 10 Israeliten erhalten das Sterbejahr hindurch Jeder monatlich 25 FrcS., um Kaddisch zu sagen; der israelitischen Arbeitsschule hinterließ er daS große Haus, worin sie sich befindet, zum Eigenthum, im Werth von 50,000 Frcs.; das schöne HauS, in welchem daS von ihm gegründete HauS einen Flügel inne hat, wurde dem Spitale ganz geschenkt, im Werthe von 100,000 FrcS., wozu 6000 FrcS. ewige Renten kommen. Die Arbeitsschule selbst erhielt 500 Frcs. Renten; außerdem massenhafte Geschenke, denn keine jüdische oder christliche Anstalt wurde vergessen, was auch bei unseren christlichen Mitbürgern einen tiefen und wohlthätigen Eindruck gemacht hat. Das Leichenbegängniß war in Straßburg wohl kaum noch so gesehen. Vom General der Division bis zum ärmsten Bürger war der Zug wohl eine Viertelstunde Weges groß, und eine Stunde weit war Spalier gebildet; im Hause am Sarge sprach der Großrabbine, am Grabe Dr. Hirz, als Mitglied deS ConsistoriumS und vr. Aronson. — Von feinen BruberSsöhnen haben bekanntlich zwei den Glauben ihrer Väter verlassen; der Verstorbene hat sie enterbt, so jedoch, daß er dem Einen 5000 FrcS. Renten lebenslänglich gewährt. — Wer den Verewigten gekannt, dem wird er sicherlich unvergeßlich bleiben. Friede seiner Asche! L. (Auch den Unterzeichneten traf diese Nachricht zu innigem Leide! Roch heute freue ich mich, im vo-