Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 18 (30.4.1855)
- Date
- 1855-04-30
- Page
- Seite 231 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3225931-3225950--14562-3300213- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
231 ltchen Kampf an. Hier kann die ganze Erhabenheit jüdischer Weltsendung sich offenbaren und siegreich hervorgehen. So lange es ein Princip „christlicher Staat" giebt, so lange es Geister ziebt, die diesem Gedanken anhängen, so lange ist der Kampf mit ihm nothwendig; ja, ohne Kampf kann Israel seiner Rechte niemals froh werden. Dock die Fehde mit den Philistern ist ein leidiges Verhangniß. Aber nur Mittel ist der Kampf; der Endzweck ist der Friede und die Duldung: und sie werden erscheinen Israel und der Welt. Die Hallen des baierischen Ständehauses sind jetzt geschloffen, die Ehrenwachen entfernt; in dem Saale, wo die Losung der Gerechtigkeit und Humanität ertönte, herrscht Schweigen. Bald aber sollen die neugewahlten Volksvertreter ihren Einzug halten. Wer weiß, wie diese neue Kammer zusammengesetzt, welcher Einfluß darin der vorwiegende sein werde. So viel ist aber gewiß, sie hat eine große Sendung überkommen und große Erwartungen zu rechtfertigen. Heil ihr, wenn sie derselben eingedenk, die Bahn des Rechtes und der Kraft wandelt. — Was die vorige Kammer gewirkt und gestrebt, war nicht vergebens. Nichts ist verloren, was im Namen der Wahrheit erstrebt wird; wenn schon Ideen eine Zukunft haben, und sie haben eine, so haben auch die Worte, ihre körperlichen Leiber, eine solche. Für das Zudenthum war dieser Landtag, war diese ganze Wahlperiode eine geschichtlich merkwürdige. Sie begann mit einem Angriffe und endigte mit einer Rechtfertigung Israels. Zwei unserer Glaubensgenossen saßen unter den Vertretern der Nation: die Herren vvr. Arnheim und Morgenstern. Beide galten für ausgezeichnete, beredte, biedere Männer und genossen das Vertrauen ihrer Gesinnungsgenossen und die Hochachtung aller Parteien. Arnheim war an jenen entscheidenden Tagen durch Krankheit von den Bcrathungen fern gehalten; Morgenstern sprach, wie es seiner Stellung würdig war. So war diese Kammer; ihre Geschichte wird ein edles Blatt ausfüllen in den Jahrbüchern der Humanität. Aber die Namen Lerchenfcld, Lasaulr, Wallerstein u. A. mögen wir immer mit den Namen: Dohm, Mirabeau, Byron, Lessing, Macauly vereinen, und sie segnen, wenn wir die Freunde Israels segnen. Diese Blätter, wie mangelhaft sie auch sein mögen, wir widmen sie eben jenen Freunden Israels. Es giebt nur solche, die zugleich Freunde der Menschheit sind. Wie verspätet auch diese Darstellung erscheint, sie mußte (o kommen, wollte sie etwas mehr sein, als ein ephemeres Blatt. Der Berichterstatter schreibt aus dem Lagerzelte, wie eS täglich um den Kampf stehe; der geschichtliche Darsteller wartet den Frieden ab; jener entwirft im Tbalc seine Skizzen, dieser wartet, bis er von Bergeshöhe Alles besser überschaue. H. Zirndorf. Zeitungsnachrichten. Deutschland. Hamburg, im April. (Privatmirth.) Wenn je, so ist der Conrrast zwischen den verschiedenen Zweigen des jüdischen Stammes sichtbar geworden bei der neulich in dieser Zeitung erwähnten französischen Abhandlung über den Fortschritt des Pauperismus unter den Juden. Also in Frankreich giebt eS, wie in Amsterdam, wie in London, wie in einigen Gegenden Polens einen Pauperismus, also Proletarier unter den Juden'. Aus voller Ueberzeugung sprechen wir es aus: diese Erscheinungen find den Juden in allen Theilen Deutschlands völlig unbekannt. Fehlt uns die oberste Stufe der socialen Leiter, so fehlt uns Gott sei Dank auch die unterste. Wir haben, und hie und da in sehr großer Zahl, arme Leute, dürftige Familien, aber eigentliche Proletarier, d. i. Massen von Familien, die ihr ganzes Leben durch, in allen ihren Gliedern und Bekannten gar nicht weiter denken, als in knappster Nolhdurst su jour Je jour zu leben, und die jeden Tag verschmachren, wo das Nahrungsmanna ausbleibt, die haben wir gar nicht. Gehet in die Wohnungen der ärmsten Juden in den großen Gemeinden, in Berlin, in Prag, in Wien, in Hamburg,- Breslau, in Fürlh, gehet (denn in den mittleren Gemeinden wie Braunschweig, Hannover, Mainz u. s. w. stlid fast gar keine permanent arme Familien), gehet in die kleinen Landgemeinden Schwabens, Frankens, Daierns, selbst Kurhessens: waS werdet ihr finden, wenn ihr die Kranken und Invaliden abrechnel? Sorgenbelasteie Väter und Mütter, die sich quälen und fremder Hülfe bedürfen, um die Mittel zu ihrem Erwerb, um das Material und das Geräth (Geld ist auch ein Arbeitsgerälh) ihres Geschäfts anzuschaffen, um ihren Kindern eine fortgeschrittene zeitgemäße Bildung zu verschaffen; diesen Kindern, auf die sie hoffen, bei deren Wiegen, bei deren Anblick sie jedeSmal denken s«b jenachinenu me onjenu 18