Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 18 (30.4.1855)
- Date
- 1855-04-30
- Page
- Seite 230 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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230 Selbst ein Mann aus dem Volke, spricht er glühend und innig wie Keiner für seine politischen Heiligthümer und reißt auch da fort, wo er nicht überzeugt. Denkwürdig ist Alles, was Fürst von Wallerstein, dieser geistvolle Führer der Linken, je sprach. Ueberhaupt hat diese Debatte so viele meisterhafte Vorträge geliefert, daß der Redner wie der Politiker hier in die Schule gehen darf. Auszüge davon zu geben, oder fie skizzenhaft zu zerreißen, wäre ein eben so schwieriges als undankbares Werk; kaum ein Bild davon zu geben, wird gelingen. Am 13. Januar hielt Morgenstern seine denkwürdige Rede, welche Sie, Herr Redacteur, in diesen Blättern bereits ausführlich mitzetheilt haben. Sie hatten Recht, die Stellung dieses unseres Glaubensgenossen eine historisch bedeutende zu nennen. Dies war fie in der That, und beneid cnswerth dazu. An einem Tage war es ihm gegönnt, Israels Ehre zugleich mit der Freiheit seines Volkes zu vertreten. Za, wenn wir ihn hörten, so dünkte uns: ein schöner Traum sei wahr geworden: Israels Rechte gingen Hand in Hand mit denen der Menschheit, sowie cs künftig sich erfüllen muß, wenn die Wahrheit siegt. Schön har auch Ringler, ein ausgezeichnetes Mitglied der äußersten Linken, das Wort geführt. Aus der Rede des Ministerpräsidenten von der Pfordren erwähne ich nur den Satz des Cicero: Viäenäum est in re publica, ne plurima plurimi valeant. Er vertheidigte die Regierung gegen den Vorwurf der Jnconsequenz. Mit Lasaulr bestieg eine der hervorragendsten Gestalten dieses Hauses die Rcdncrbühne. Dieser geistvolle Lehrer unserer Hochschule, dieser feurige Vorkämpfer des christlichen Staates übertrifft stets die Erwartung der Hörer. Von ihm ist man gewöhnt, das Neue und Außerordentliche zu hören. Zündend, blendend, originell ergießt sich das Feuer seiner Rede. Sein Geist greift zurück in die Schatzkammern der Vorzeit, in die Schachten der Geschichte und Literatur; und seine Zusammenstellungen geben der Debatte die Frische der Jugend. Er ist nicht bloS ein Schüler seines Glaubens: in der Schule des Christenthums hat er die Lehren Plato's nicht vergessen, und finnig, wie Keiner, vermählt er die Genien zweier Weltalter mit einander. Ueberhaupt zeigten uns diese Verhandlungen ein seltsames Schauspiel: die Ertreme berührten sich, die Gegensätze glichen sich aus; aus allen Lagern wurde für die gute Sache gekämpft, ja selbst die Partei jenseits der Berge schickte uns streitbare Bundesgenossen. Allerdings war diese edle Richtung bei Vielen nur durch den Vvrtheil, die Nothwcndigkeit der Selbsterhaltung angeregt; aber es zeigte sich doch, wie mächtig diese Partei als Freundin, wie sehr zu fürchten fie als Gegnerin ist. sibv rrr rr-rns -ria« pab ■p „Um meiner Brüder und Genossen willen, feiet’ ich euch den Frieden." Nicht ferne mehr kann die Zeit sein, da Ihr Freunde Israels werdet und erkennen möget, daß kein Unterschied ist zwischen einem edlen Juden und einem edlen Christen. Jeder Haß, jeder Wahn wird und muß enden: der Haß hat nur ein Begrenztes, Irdisches, die Liebe und die Wahrheit eine unbegrenzte, ewige Zukunft. Ja, selbst die Gegner Israels und seiner Rechte führten eine würdigere, edlere Sprache, als je in den Srändeversammlungen anderer Länder, als jemals in diesem Saale vernommen wurde. Es war ein mäßiger, milder Widerstand, gestützt auf Jrrthümcr allerdings, aber auf erhabene, durch die Geschichte geheiligte Heiligthümer. Darum auch Friede und Gerechtigkeit den Gegnern; von solcher Oppofirion besiegt zu werden, gereicht nicht zur Unehrc; nicht nur der Sieg, auch der Kaurpf ist ruhmvoll. Doch wir wurden nicht besiegt; in der 35. (5.) Sitzung vom 17. Januar fiel mit der größten Majorität der Artikel, welcher die Rechte der Israeliten beseitigen sollte. Gegen diese Rechtsschmälerung erhoben sich: Freiherr von Lerchenfeld, Fürst von Wallerstein, Freiherr von Harald, Reinhart, Lasaulr, Crämer u. A. — Für dieselbe brachen: Ruland, Sepp, Westermayer, Allioli, Thinnes ihre Redclanzen. — Dem Freiherrn v. Lerchenfeld gebührt vor Allen die Palme dieses Tages. Mit der bekannten Schärfe seiner Dialektik wies dieser geistreiche Führer des Centrums nach, wie unhaltbar die meisten Einwürfe gegen die Zulässigkeit der Juden sich erwiesen. Das weitere Schicksal dieses Gesetzentwurfes ist bekannt. Er erhielt bei der allgemeinen Abstimmung in der 37. (7.) Sitzung am 19. Januar die erforderliche Zweidrittcl - Majorität nicht, deren er als Verfassungsgesetz bedurfte, und wurde mit 76 gegen 61 Stimmen abgelehnt. Ein großer Erfolg in schwerer Zeit errungen! Welch eine ftohe Aussicht für den Sieg der Gerechtigkeit, wo solche Worte gehört wurden und den Beifall Tausender fanden! Israels Ehre, bis jetzt nur vom deutschen Philisterthum besudelt, hatte hier Ritter zu Vorkämpfern, und Ritter waren auch seine Gegner. Bis' jetzt waren es die ewig wiederholten Abgeschmacktheiten der Krämer und übrigen Philister, welche die Fehde gegen jüdische Gleichstellung unterhielten. Gegen Fliegenstiche nützt kein gutes Ritterschwcrt; das Princip „christlicher Staat" bietet uns einen schöneren, offenen, ritter-