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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1855-04-30 · Heft 18 (30.4.1855) · p. Seite 229

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
19 (1855)
Issue
Heft 18 (30.4.1855)
Date
1855-04-30
Page
Seite 229 (sequence 7)
Language
German
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229 aus behauptet, sondern recht wohl eine historisch-positive Grundlage vielfach beanspruchen können! Münchener Arief. April 1855. lurpius est ejici, quam non admitti. Aus LasauIr'S Rcde. Die Hallen unseres Ständehauses sind geschlossen; aber in den leeren Räumen tönt noch wie Geisterhauch manches ergreifend lebendige Wort, das hier vernommen wurde in den letzten Monaten. Unsere Volksvertreter rüsteten sich in der Ruhe der Ferienzeit vielleicht gerade zum erneuten Wort kämpfe, da erscholl das königliche Wort, das ihre Arbeiten für beendet erklärte. Sechs Jahre hat dieser Landtag das Steuer des Reiches geführt, in guten und bösen Tagen ist er der Regierung zur Seile gestanden, hat er das Vertrauen der Bürger besessen. Seine Geschichte zeigt, wie er der Kindheit und Nachgiebigkeit entwachsen, endlich kräftiger und kräftiger, männlicher und männlicher seine Bahn gegangen; wie ihm im Schreiten die Schwingen gewachsen; wie die Gewohnheit freier Rcde seine Brust gestählt, wie er seines hohen Berufes immer bewußter geworden. In seiner Kindheit hat er manches Gesetz allzulcicht, allzuflüchtig schaffen helfen, welches eine Verleugnung der Erwerbungen eines bekannten Jahres aussprechen sollte; aber die allzugroßc Zuversicht der Regierung in seine Nachgiebigkeit waffnete ihn zum Widerstande. Seine Jugend sah noch die Srurmwolken sich zerstreuen und den Kampf halb verhallen; aber die letzten Flocken streuten noch die ungleichartigsten Elemente, die buntesten Gegensätze in seinen Schoß. In der That, nicht leicht war ein Landtag aus verschiedenartigeren politischen Ansichten zusammengesetzt; doch nur sein Anfang war Kampf und Kontrast. Ein Zeitraum von sechs Jahren hat die Gegensätze vereint, die maßlosesten Entfernungen ausgesüllt, gegenseitige Werthschätzung, Vereinigung und Versöhnung in seine Mitte gebracht. Aus Kampf ward Friede, aus Zwietracht Versöhnung, aus schroffem Parteistande Gleichheit politischer Gesinnungen. Die Geschichte dieser Versammlung ist ihr Gericht, und sie hat dieselbe nicht zu fürchten. Nicht leicht hat eine Versammlung der Neuzeit Denkwürdigeres geleistet, länger getagt, kühner ihr Princip vcrlhridigt, einen größeren Abschnitt der Geschichte miterlebt und mitschaffen helfen. Vor Allem aber denkwürdig find die Sitzungen der letzten Monate, und endlich die Berathungen über das Gesetz: die Bildung der H. Kammer. Wie umfangreich auch die Berichte und Actenstücke darüber seien, sie sind lesenswerth von Anfang bis zu Ende. Kaum ein unbedeutendes, mittelmäßiges Wort ist in dieser wichtigen Sacke gesprochen worden; es waren lauter Brandraketen, in die schlummernde Zeit hineingeschlcudert, — ja, es war das Vermächtnis einer sterbenden Kammer an ihre Wähler. Die Geschichten des Alterthums zeigen uns oft, wie die politische Gestalt der Staaten sich plötzlich veränderte, sobald ein Feind sich an den Mauern zeigte. Da schwuren alle Gegner den Haß ab, die innere Fehde rühre, und Alles reihte sich um ein gemeinschaftliches Banner, um den gemeinschaftlichen Feind zu bekämpfen. So war cs hier : Zweig auf Zweig hatten wir fallen gesehen, eine kostbare Blume um die andere hatte der Sturm entblättert oder der schönsten Blätter beraubt; aber der Stamm hielt noch fest, der neue Zweige tragen konnte, die Bildung der ll. Kammer nach dem Gesetze von 1848. — Diesen gegen die feindliche Art zu vertheidigen, boten sich die Rechte, die Linke, das Centrum die Hände. Das von der Regierung vorgelegte Gesetz stand aber auch in zu grellem Widerspruche mit Dem, in dessen ruhigem Besitze man sich glaubte. Dasselbe Ministerium, welches im Jahre 1849 die volle Gleichstellung der Juden verlangt hatte, dasselbe Ministerium nahm diesmal keinen Anstand, die active wie passive Wahlfähigkeit den Juden abzusprechen. Intelligenz und Rechtsgesühl vereinten sich, das Schicksal dieses Gesetzentwurfes herbeizuführen oder abzuwenden. Die hervorragendsten Mitglieder der Versammlung saßen im Ausschüsse. Ihre Namen find: Freiherr von Lerchenfeld, als Vorstand; Professor vr. von Lasaulr; vr. Weis, II. Präsident; vr. Ruland; Fürst v. Oettingen - Wallerstein; Di*. Heigl; Brunk; Nar; Dr. Thinnes; Schäfer; von Schelhorn; Hirchberger; Boos; Wiedenhofer. — In der 1. und 2. (31. und 32.) Sitzung wurde die allgemeine Discussion über das Gesetz zu Ende geführt. Gegen dasselbe erhoben sich: Prell, Domidion, Crämer, Fürst von Wallerstein, Rahl, Morgenstern, Vr. Ringler, Lasaulr, Kirchgessner, Weippert. Für das Gesetz sprachen: von Gombart, Ruland, Pfarrer Westermayer, Lang, Lerchenfeld, Schnitzlein. Crämer ist der Führer einer kleinen politischen Fraction, der äußersten Linken. Er ist ein geborener Volksredner; man muß ihn hören, um zu fühlen, wie der eigentliche Redner doch nur geboren wird.

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