Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 18 (30.4.1855)
- Date
- 1855-04-30
- Page
- Seite 226 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3225931-3225950--14557-3300208- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
226 Gemälde deS neueren Judenthums zu geben, bedarf eS eines andern Standpunktes und eines weiter reichenden Blickes. Die großen Anstrengungen, das historische Judenthum in engerer und weiterer Fassung zu erhalten, die immer bestimmter hervortretcnde Erscheinung, das geklarte Judenthum auf seinen Grundinstitutionen zu conserviren, alles Dies bedurfte der Zeichnung und Würdigung. Jndeß würden wir dem Verfasser alles Dies noch vergeben, wenn er nur irgendwie vermocht oder versucht hätte, die positive Seite des neueren Judenthums anzuerkennen. Für ihn ist nur die Negation vorhanden, nämlich die Frage, waS vom alten Judenrhume aufzugcben sei, um in die europäische Culrur aufzugehen? Die nächstgelegene Frage wäre nun gewesen: was ist die Aufgabe des Judenthums innerhalb der europäischen Cultur? Diese Frage hätte sogar in der Rcformgenoffenschaft noch ihren Boden, da diese noch immer kein Christenthum ist. Der Verfasser mußte daher in seine selbstgestellte Aufgabe, die Resormgenoffenschaft und ihre Herren zu schildern, gänzlich versteckt sein, um jene positive Frage ganz und gar außer Acht zu lassen. Die große Aufgabe des Judenthums, welche so viele neuere Redner mit Begeisterung verkündet und Denker ausgesprochen und formulirt haben: die reine Gottlehre als geoffenbarres Wort und auf dem Boden der Geschichte zu verkünden und zu erhalten, also den Deismus nicht als rationalistisches Product, sondern als geoffenbarte und geschichtliche Lehre, als Harmonie der Offenbarung, Geschichte, Verstandes- und Empfindungswclt des Menschen zu lehren und zu erhalten, diese Aufgabe, diesen von Mosche an bis jetzt bethätigten Inhalt des Judenthums deutet der Verfasser nicht mit einem Worte an. Wir können nicht glauben, daß ein so unterrichteter Mann keine Kcnntniß davon habe, daß dieser Gedanke von allen neueren Kanzeln des Judenthums ertönt, in jeder Religionsschule selbst der einfachsten Dorfjuden ausgesprochen wird, und daß hierin vielmehr der Schwerpunkt des Judenthums in der Neuzeit zu suchen ist, als in allen Cultus- und Ceremonialfragen. Vom Standpunkte dieses Hauptgedankens aus erscheinen natürlich die Bewegungen im Judenrhume von ganz anderer Bedeutung, Vieles wird kleinlich, was sich als groß spreizt, und auch das Endurtheil über die Satzungen und Ceremonien fällt anders aus, als vom Standpunkt einer zeitweiligen Culturfrage. Aus letzteren beschränkte sich der Verfasser des genannten Aussatzes, und dieser konnte daher nur einseitig ausfallen. So trat hier wieder einmal ein falsches Bild des Judenthums vor die gebildete Welt, und wo es galt, „ein Zeugniß abzulegen vor Königen und Völkern", hat die Parieileidenschaft oder die Parteieitclkeit unrichtig auSgesagt! Weder Ehescheidung vom Standpunkt des Jüdischen Eherechts*). Der preußische Staat ist gegenwärtig von mehr als 220,000 Juden bewohnt. Diese Juden find, wie es sich geziemt, allen Staatsgesctzen unterworfen, und beklagen sich hierüber nicht. Es sind zwar mancherlei Ausnahmen zu ihrem Nachtheil getroffen, z. B. neuerdings wieder der Ausschluß von allen Staatsämtern, zu ihrem V o r t h e i l aber keine, z. B. nicht Betreffs der Verkchrsvorschriften am Sonntage. Wo irgend der Staat ein allgemeines, bürgerliches Gesetz erörtert und normirt, können und wollen wir Juden keine besondere Berücksichtigung verlangen. Wir drängen wahrlich uns da nicht hervor. Wenn aber der Staat religiöse, wenn er kirchliche Grundsätze, sei es zur Basis seiner gesetzgeberischen Verhandlungen, sei es als Motive, heranzicht, wenn er religiöse, wenn er kirchliche Interessen und Institute in Betracht zieht: ist es dann gerecht, uns Juden gänzlich zu übersehen? gerecht, über unsere Eristenz hinwegzugehen, als wäre sie nur von gestern? ist cs in solchem Falle, fragen wir, gerecht, wenn man über unser Loos entscheidet, ohne jemals uns nur eines Hinblicks zu würdigen? Jenes altfränkische Voruriheil, als ob Alles, was dem Judenthumc entsprossen, abgeschmackt sei, ist von vorurtheilsloscr Wissenschaft längst verurthcilt. Noch mehr: das Jgnoriren des Judenthums hat schon oft genug Denen Schaden gebracht, welche cs zur Schau tragen. Man findet im Judenthumc oft vor Jahrtausenden ausgesprochen, wohin die moderne Welt mit vielem Ringen gelangt ist, was die moderne Vernunft nach vielen Kämpfen erworben hat: und man findet cs da fest und sicher auf dem Boden der Offenbarung und der Geschichte, während die Berechtigung der modernen Vernunft immer wieder in Frage gezogen wird. Ich erinnere, um nur ein Beispiel anzuführcn, nicht blos, daß Folter und Tortur niemals in das jüdische Recht Eingang gefunden haben, sondern daß Oeffentlichkeil und Mündlichkeit zu aller Zeit allein in ihm geltend waren. *) Der folgende Aussatz stand zunächst in der „Nationalzeitung" vom 18. April e. abgedruckt. Seinen Zweck spricht er von selbst aus.