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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1855-04-23 · Heft 17 (23.4.1855) · p. Seite 214

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
19 (1855)
Issue
Heft 17 (23.4.1855)
Date
1855-04-23
Page
Seite 214 (sequence 6)
Language
German
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214 Herr Religionslehrer M. D. Rosenberg in Mülheim a. Rh. - Obcrrabbincr Landsberg in Nikolai. Wir wiederholen unfern aufrichtigen Dank gegen die vielen würdigen Männer, welche das schöne Werk unter- Fiteralurbericht. I. Nachdem in diesen Blättern die regelmäßigen Berichte über die neuesten Producte unsrer Literatur allzulang geruht, ist es uns ein angenehmes Gefühl, mit einem Meisterwerk anzuknüpfcn, welches einen großen Zweig — bis auf Einzelnes — zum Abschluß bringt. Was da noch zu ergänzen sein wird, findet jetzt leicht seinen Platz. Wir meinen: Die synagogale Poesie des Mittelalters. Von Dr. Zunz. Berlin, 1855. gr. 8. 491 S. Die ungeheure Masse von poetischen Gebeten, welche während des Mittelalters von den Juden nicht blos producirt, sondern auch in den Cultus eingeschaltet worden ist, welche freilich! da einen, gleich Anfangs bestrittenen, später höchst belästigenden Platz eingenommen, den sie jetzt vielfach bat räumen müssen, welche in diesem Kampfe dadurch allseits mißachtet, und erst in der neuern Zeit durch Delitzsch, Zunz, Sachs u. A. wieder zu Ehren gebracht wurde, trennt sich in zwei Gattungen, Pint und Selicha, beide aber wurzeln in einem großen Factum, in den unermeßlichen Leiden, welche unsere Väter im Mittelalter zu ertragen hatten. Diese waren die Quellen, aus denen jene beiden Ströme (Tinte und Thränen zugleich) sich ergossen und immer neue Nahrung gaben, von diesen hatten jene Färbung und Richtung. Die Ockonomie des vorliegenden Werkes besteht demnach einfach darin, daß zuerst diese „Leiden" allgemein und dann chronologisch vom 11. Jahrhundert bis 1543 geschildert werden (S. 9 — 58). Bei genauester Schilderung hat der Verfasser es verstanden, überall einzelne Stellen aus zcitgcnösfischen jüdischen Dichtern cinzustrcuen, und zwar meist in meisterhafter, metrischer Uebersetzung, wodurch das große, rothgefärbte Gemälde doch durch einige Blumen Abwechslung und Reiz gewinnt. Hierauf folgt die Geschichte des Piut und der Selicha (S. 59 —151); der Ursprung des Piut, seine Ausbildung, die verschiedenen Arten: Jozcr, Ofan, Sulat, Keroba in Schackarit und Mussaf, endlich Maarib, und ihre Entwickelung in Form und Inhalt; dann der Ursprung der Selicha, ihr Charakter, dem Piut gegenüber, die Form derselben in ihrer Stabilität und Mannichfaltigkeit; ferner die Art, diese Gebete zu recitiren oder abzufingen; der piutische Styl und seine Eigenthümlichkcitcn werden mit eben so vieler Gelehrsamkeit wie Geist, glücklicher Kombination und Ueberfichtlichkrit behandelt. Hieran schließen sich nun die „Selicha-Dichter". Nachdem die alte Sclicha- Ordnung durch Uebersctzungen charakterisirt ist, folgen sämmtliche Verfasser von Sclichot, mit Jose b. Jose anfangend; die wenigen Nachrichten, die wir über sie haben, werden vorangestellt, und charakterisircnde Beispiele hinzugefügt, im Allgemeinen nach den Ländern in Gruppen zusammengestcllt. So find während 890 Jahren in Italien, Griechenland, Deutschland und Frankreich etwa 1200 Selichot von 250 Verfassern entstanden, während in Spanien allein 5 Dichter (Salomo Gabirol, Jsaac Giat, Mose b. Esra, Jehuda Halevi und Abenesra) 1900 synagogale Gedichte lieferten. Der Verfasser fugt in einem Anhang „zwei neuere Jahrhunderte" eine Uebersichr der Leiden bis 1757, und der Dichter hinzu, die viele Bände füllten, ohne daß ihre Erzeugnisse noch Eingang in den nunmehr abgeschlossenen Ritus finden. 26 Beilagen geben noch über viele Details Aufschluß, namentlich in grammatikalischer und lericographischer Beziehung, und Register erleichtern das Aufschlagen. Es ist ein sehr angenehmes Gefühl, irgend ein bestimmtes Gebiet der Literatur oder des Wissens völlig abgebaut zu wissen. Mag dieses nun von größerm oder geringerm Werthe, von mächtigerm oder leiserem Einfluß auf die kommenden Zeiten sein, man bewegt sich fortan darauf mit völliger Sicherheit. Mag nun der Verfasser in ächt deutscher Conscquenzmacherei dem Ganzen eine Einleitung vorangesetzt haben, in welcher er wie dem Piut die Selicha, dem Weisen den Vorbeter, dem Propheten den Psalmisten gegenüberstellte, als Lehre dem Gebete gegenüber, und eine Reihe von Sätzen aufgestellt haben, welche dem Wesen der prophetischen Rede wie des Psalms Gewalt und Widerspruch anthun — wir kommen nächstens darauf zurück — er hat sonst meist maßvolles Urtheil, keine Ucberschatzung, keine Verherrlichung deS Häßlichen, weil es alt ist, erwiesen, und in allen Theilen Bedeutendes geleistet.

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