Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 17 (23.4.1855)
- Date
- 1855-04-23
- Page
- Seite 212 (sequence 4)
- Language
- German
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212 Tode ihres VaterS und wenn kein Sohn da ist, erben konnte wie die Töchter von Zelaphchad. Wir sehen aus dem Beispiel und der Geschichte der Debora, daß dem Weibe die Gabe der Prophetie zugetraut wurde. Wir sehen es endlich zur höchsten sittlichen Würde und zu großer Herrschaft am häuslichen Herde im letzten Capitel der „Sprüchwörter" erhoben: „Das brave Weib, wer findet es, denn ihr Werth übertrifft den Werth der Perlen!" u. ff. bis zu dem bekannten Spruche: „Anmuth ist trügerisch, Schönheit vergänglich, ein gottesfürchtig Weib bestehet!" Ohne Zweifel ist dies nur ein Ideal in einer Gesellschaft, wo Vielweiberei und Verstoßung des Weibes stattfand. Aber man wird vergebens ein gleiches Zdeal in dem übrigen Morgenlande, und selbst in Griechenland suchen, wo die Gottesfurcht, vollständig unbekannt, nichts war vor der Schönheit und Anmuth, die Alles waren. Indem Moses den gemeinsamen Ursprung aller Menschen und die Brüderlichkeit in materieller Hinsicht proclamirte, ist er auch der Erste, der das große Princip der moralischen Brüderlichkeit gelehrt hat. Er will, daß alle Menschen vereinigt seien, nicht blos durch die Bande der Gerechtigkeit, sondern auch durch die der Liebe; liebe, sagt er, deinen Nächsten, wie dich selbst. Und wie sollte eS anders sein, da er seinem Volke gelehrt und vorgeschrieben die Liebe zu Gott? „Du sollst den Ewigen, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Vermögen." Man hat vergeblicher Weise versucht, den Sinn jener eben angeführten Vorschrift falsch auszulegen; man hat vergeblicher Weise behauptet, daß dies sich nur auf die Hebräer beziehe. Moses hat gesagt: „Der Fremde sei für euch wie einer aus eurer Mitte, der in eurem Lande geboren; liebe den Fremdling wie dich selbst, denn ihr seid Fremdlinge gewesen in Aegypten." Er begnügt fich nicht damit, die Liebe zum Fremdling vorzuschreiben; er will sogar, daß man seinen Feind liebe, oder was dasselbe ist, daß man ihm in der Noch helfe. Man liest in dem 2. B. Mofis (Cap. XXXIII, V. 4 u. 5): „Wenn du begegnest dem Ochsen deines Hassers, oder seinem verirrten Esel, führe ihm denselben zurück. Wenn du den Esel deines Hassers unter seiner Last erliegen stehest, hüte dich, ihn fich selbst zu überlassen, sondern hilf ihm seine Last erleichtern." Was sollen wir noch von der Gerechtigkeit im engern Sinne sagen, vor welcher, nach Moses, Alle gleich sein sollen, der Reiche so wie der Arme? Was noch von dem Schutze sagen, der sich über die Wittwe und die Waise, über den armen Arbeiter, der vom Erttag seines Tagelohns zu leben gezwungen ist, und dem man seinen Lohn nicht bis zum andern Morgen vorcnrhalten soll, ausbreitct? Kann man sagen, daß diese erhabenen Gesetze und Lehren durch die jüdische Gesellschaft alle in Ausübung zetteten und von ihrem Gesetzgeber selbst zur Grundlage ihres ganzen bürgerlichen Rechts gemacht worden find? Nein, meine Herren, ich habe es schon bei Erwähnung des Verhältnisses über das Weib gesagt; es giebt einen bedeutenden Unterschied zwischen den Civilgesetzen eines bestimmten Landes und den allgemeinen Gesetzen der Sittlichkeit. Die Civilgesetze müssen, um ausführbar zu sein und um in der Nation, für die sie bestimmt find, Wurzel fassen zu können, die Bedürfnisse dieser Nation und einen Theil ihrer Leidenschaften berücksichtigen. Also, obgleich Moses die Gleichberechtigung der beiden Geschlechter proclamirte, und er selbst nur eine einzige Frau zum Weibe nahm, erlaubte Moses die Verstoßung und die Vielweiberei. Obgleich Moses den gleichen Ursprung und die moralische Gleichheit aller Menschen proclamirte, verfolgte er dennoch die Völkerstämme, die dem seinigen am meisten Böses zugefügt, d. h. die Kananiter, die Ammoniter und die Moa» biter mit seinen Verwünschungen und seinem Haffe. Diese haben keinen Theil an der Barmherzigkeit, dem Schutze, den er dem Fremden bewilligt; diese können auf keine Weise in die Versammlung des Herrn eintteten. Obgleich er am Menschen das Siegel der Intelligenz und der göttlichen Freiheit anerkennt, läßt er die Sklaverei zu. Aber wie ist diese Institution durch ihre Gesetze gemildett! Nur der kananitische Sclave allein ist verurtheilt, immer zu dienen; aber der hebräische Sclave, der gezwungen war, seine Subsistenz um den Preis seiner Freiheit zu erkaufen, soll nur sechs Jahre dienen. Auch wurde er ftei durch jede Gewaltthat, die man gegen ihn anwendete, wenn man ihm ein Auge ausschlug oder einen Zahn ausbrach oder ihm sonst irgend eine andere Leibesbeschädigung zufügte. Die junge Sclavin. die durch ihren Herrn oder den Sohn ihres Herrn verfühtt ward, wurde dadurch sein Weib und er ist verpflichtet, ihr alle diesem Titel zukommenden Vorrechte zu bewilligen. Derjenige, der durch das Gesetz zur Freiheit berufen ist, und diese ausschlägt und ihr die Dienstbarkeit vorziehet, verfällt der größten Schande und weihet fich der allgemeinen Verachtung. Bedenken Sie außerdem noch, daß das Verhältniß des Sklaven durch die vom Gesetz vorgeschriebene Verpflichtung, mit ihm die Ruhe des SabbathS und aller großen Feste zu theilen, eine große Milderung er-