Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 17 (23.4.1855)
- Date
- 1855-04-23
- Page
- Seite 211 (sequence 3)
- Language
- German
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211 Testaments nur ein nationaler Gott, König und Beschützer Israels sei. Nein, er ist der Schöpfer des Himmels und der Erde, nach den Ausdrücken der Bibel selbst: der Gott der Geister, der alles Fleisch belebt, d. h. der Urheber alles Lebens, das auf der Erde und in den Himmeln ist, und vor dem kein anderer Gott ist; er ist das ewige Wesen, daS immer gewesen und immer sein wird, wie dieS fein Name Jehova ausdrückt; er ist das unendliche, unkörperliche Wesen, daS durch irgend ein Bildniß darzustellen verboten ist; er ist sowohl der Richter als auch der Herr der Erde. „Ich allein", sagt er durch den Mund seines Propheten, „ich allein bin. und es giebt keinen Gott neben mir; ich tödte und belebe, ich verwunde und heile, und Niemand ist, der aus meiner Hand befteit." Was haben nach Diesem die anthropomorphischen Bilder, unter denen er uns oft in der Geschichte des jüdischen Volkes erscheint, zu bedeuten, so wie sie im Pentateuch oder in den Visionen der Propheten, die von MofiS bis Zachariam sich folgten, erzählt wird? Mußte man mit einem uncultivirten Volke nicht in sinnbildlicher Sprache reden? Und wenn Hephta zum König von Moab sagt: „Der Ewige, unser Gott, hat unS dies Land gegeben, um eS zu besitzen, wie CamoS, Euer Gott, Euch das Land Moab gegeben, um es zu besitzen", ist dies nicht ein unwissender Soldat, der sich in diesem Augenblick an einen götzendienerischen und barbarischen König wendet? Wie viele andere Beweise könnte man aus der Freiheit. der Allmacht dieses Gottes, aus der unumschränkten Herrschaft, die er über die Materie ausübt, ziehen! Er beugt die Himmel und fährt hernieder. Er verbietet dem Meere seine Grenzen zu übersteigen; er macht die Winde zu seinen Dienern. Er hängt die Erde in das Leere; er breitet sie aus wie ein Gewand, er entrollt die Himmel wie ein Zelt; er zündet die Sterne des Firmaments zum Nutzen des Menschen, seines LieblingsgeschöpfeS. Alles Erschaffene ist in feiner Hand, und er ist es, der es hervorbringt. Kann sich der Gedanke der Persönlichkeit deutlicher und unter einer würdigern Form kund thun? Der Mensch trägt, nach den heiligen Büchern, denselben Charakter in sich; denn er ist im Ebenbilde Gottes geschaffen. Von seiner Geburt an behandelt ihn Gott als ein freies Geschöpf und macht ihn verantwortlich für seinen Ungehorsam, ungeachtet der Versuchungen der Schlange. Als er sein Gesetz seinem bevorzugten Volke gegeben, dem Volke, das die Mission erhalten und getreulich in der Geschichte erfüllt hat, dasselbe der ganzen Erde kennen zu lehren, sagt er zu ihm (5 Mos. XXX, 15 und 19): „Siehe, ich habe dir heute vorgelegt das Leben und das Gute, den Tod und das Böse.... Ich nehme heute zum Zeugen die Himmel und die Erde gegen dich, daß ich heute dir vorgelegt habe das Leben und den Tod, den Segen und den Fluch: wähle daS Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen." Ich wiederhole es, keines der Völker, die wir besprochen, hat so sehr die Freiheit, die Attribute der sittlichen Persönlichkeit, sei eS in Gott, sei eS im Menschen, begriffen. Auch begegnen wir bei keinem unter ihnen den Ideen des Rechts, der Gerechtigkeit und der Humanität, wie wir sic darstcllen werden. Moses ist der Erste, der die Einheit des Menschengeschlechts gelehrt hat; denn wenn derselbe Glaube sich in der Zcnd-Avesta findet, so muß man nicht vergessen, daß Zoroaster höchstens dem 6. Jahrhundert vor unsrer Zeitrechnung angehörr, und daß MoseS ihm 8 bis 9 Jahrhunderte vorangegangen war. Es ist noch ein andrer Umstand zu bedenken: der Mensch in der Zend-Avesta ist nicht ursprünglich daS Werk des Ormuzd; er geht nacheinander aus einem Baume, einem Stiere, einem Stiermcnschen hervor. Das erste Menschenpaar stammt von einem Mitteldinge zwischen Mensch und Stier ab, KaiomorS. und dieses ist aus einem Ochsen, Goschouroun, hrrvorgcgangen. Moses, im Gcgentheil, zeigt uns Adam durch Gott selbst im Ebcnbilde Gottes geschaffen. Ehe er Eva, seine Gattin geschaffen, hat er sie herbeigesehnt, hat er sie mit allen seinen Gefühlen herbeigerufen, nicht aus einem sinnlichen Wunsche, sondern als Gehülfin in der Einsamkeit. Auch lesen wir im 1. B. Mos. die so rührenden Worte: Der Mann wird seinen Vater und seine Mutter verlassen, um mit seinem Weibe zu leben und an ihr zu hangen. Ohne Zweifel wurde dieses Ideal der Ehe nicht ganz in den bürgerlichen Gesetzen Mosis respectirt; aber was sind die bürgerlichen Gesetze aller Völker, wenn nicht eine Vermittelung zwischen der That und dem Recht, zwischen dem Zustand der Cultur, der Moralität, der Civilisation, zu dem eine Nation gelangt ist, und den absoluten Anforderungen des Gewissens und des natürlichen Rechts? Dies hat aber die Frau nicht gehindert, bei den Hebräern selbst unter der Herrschaft des bürgerlichen Rechts glücklicher zu sein, als bei irgend einem andern Volke. Wir sehen sie eine bedeutende Rolle in ihrer Geschichte spielen. Wir sehen, daß sie bei dem 17*