Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 16 (16.4.1855)
- Date
- 1855-04-16
- Page
- Seite 203 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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203 genseitige Unterstützung ist, beging am vorgestrigen Tage das Jubelfest ihres fünfzigjährigen überaus segensreich wirkenden Bestehens durch Generalversammlung und Festmahl im Locale der Therbusch'- schen Ressource. Das seltene Fest gewann dadurch noch ein lebhafteres Interesse, daß es noch elf von den Mitgliedern, die die Gesellschaft gestiftet, vergönnt war, demselben beizuwohnen. Die Reihe der Toaste bei dem Festmahl wurde durch den auf Se. Majestät den König und daS gesammte Königshaus eröffnet. Posen, im März. (Privatmitth.) Vor Kurzem haben wir hier einen herben Verlust zu beklagen gehabt. ES ist nämlich der den Lesern dieser Zeitung gewiß bekannte Oberlehrer Di*. Löwenthal, welcher seit zwei Jahren an der hiesigen städtischen Realschule als Lehrer der Mathematik und Physik fungirte, am 28. vorigen MonatS plötzlich verschwunden. Er hatte deS Morgens noch vor Tagesanbruch, wie er dies häufig zu thun pflegte, seine Junggesellen-Wohnung verlassen, um fich im Freien zu ergehen und kehrte nicht mehr wieder. Bisher ist auch keine Spur von ihm aufgefunden worden. In ihm hat die hiesige jüdische Gemeinde eine wahrhafte Zierde verloren, da er sowohl seiner bedeutenden vielseitigen Gelehrsamkeit wegen, als um seines außerordentlich biedern Charakters willen der höchsten Achtung aller hiesigen Einwohner fich zu erfreuen hatte. Wie sehr ihn sein nächster Vorgesetzte, der Director der hiesigen Realschule, und seine Collegen schätzten, geht aus folgendem Nachrufe hervor, den ich aus dem diesjährigen Schulprogramm der Realschule hier wörtlich copire: „Seit dem 28. Februar wird der Oberlehrer Dr. Löwenthal vermißt. ES ist wahrscheinlich, daß er verunglückt ist, bis jetzt weiß man aber noch nicht wie. Seine Verhältnisse waren auf das Beste geordnet, er sah einer glücklichen Zukunft entgegen, indem er damit umging, fich unter günstigen Verhältnissen zu verheirathen*). Seine amtliche Wirksamkeit zeugte von eben so viel Treue als Tüchtigkeit, und fand er überall eine verdiente Anerkennung. Er war von seinen Collegen geachtet und stand mit allen in dem besten Vernehmen. Seine Schüler hatten seinen Unterricht gern *) Er hatte auch Alles bereits zu seiner Verheirathung, die in wenigen Wochen stattfinden sollte, vorbereitet. und machten die besten Fortschritte. Er hat fich stets als ein Mann von seltener Befähigung für Sprachen und Wissenschaften bewährt, von großer Vielseitigkeit und doch Gründlichkeit, z. B. trieb er in den letzten Jahren mit großer Vorliebe Chemie und beschäftigte sich zugleich mit ästhetischen Studien. Seinen klaren Kopf und eindringenden Scharfsinn hat er noch bis zum letzten Tage vor seinem Verschwinden bewiesen, indem er die Revision von der Correctur obiger*) mathematischer Abhandlung freundlichst besorgte und den Verfasser durch seine treffenden Bemerkungen überraschte. Nur den letzten Nachmittag (27. Februar) fühlte er sich außer Stande, die Revision zu übernehmen, schien auch körperlich sehr angegriffen, so wie er auch in der letzten Zeit öfter den Unterricht wegen Unwohlseins hatte aussetzen müssen. — Wir werden nie aufhören, deS geistig befähigten Mannes, des geistreichen und gewissenhaften Lehrers und des wohlwollenden Collegen in Liebe zu gedenken." — Diese auS christlicher Feder geflossenen Worte thun gewiß jedem jüdischen Herzen wohl, lassen aber den Verlust um so schmerzlicher empfinden, und rechtfertigen eS, wenn wir hier eine ganz kurze Biographie Löwenthal'S mittheilen, die in dem vorjährigen Schulprogramm unter den Biographien der anderen dafigen Lehrer fich befindet: „Vierter Oberlehrer: Di*. Naumann Löwenthal, mosaischer Confession, geboren in Schmiege! den 25. Februar 1819, besuchte von 1832 bis 1837 das Gymnasium zu Lissa, studirte von Ostern 1837 bis Michaelis 1841 in Berlin und Breslau vorzugsweise Philosophie, Mathematik und Naturwissenschaften, promovirte im Herbste 1841 in Halle und bestand 1844 in Berlin die Prüfung pro facultate docendi, privatisiere sodann in Berlin, Posen, Triest**) bis zum Juli 1849, verblieb als Hülsslehrer an dieser Anstalt bis zu seinem Uebertritt zur Realschule, Michaelis 1853. Schrieb außer mehreren Abhandlungen in verschiedenen Zeitschriften: Die Physiologie deS freien Willens, Leipzig 1843." Schließlich will ich noch bemerken, daß, obwohl eS der obengenannten Anstalt an einem tüchtigen Lehrer der deutschen Literatur fehlte und Vr. Löwenthal die facultas hatte, auch darin zu unterrichten, wurde *) Die im Programm fich befindet. **) Dort arbeitete er am Lloyd mit. 16