Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 16 (16.4.1855)
- Date
- 1855-04-16
- Page
- Seite 197 (sequence 3)
- Language
- German
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197 lehrte und Forscher möchte den Andern aus dem Gedächtniß der Menschen verwischen, in den Bahnen des Staates, der Stadt und des Dorfes, selbst im Schoße der Familie, wo cs Einer dem Andern abgewinnen will! Das Recht, der Anspruch — überall wollen die Menschen sein, was sie nicht find, und haben, was nicht das Ihrige, sie wollen gelten und herrschen, so viel sic nur an sich raffen können, ob durch eigene Kraft, das ist gleichgültig, durch Geburt, Stand, Reichthum, die Gewalt der Verhältnisse — wie selten beschrankt sich Einer auf das, wozu er berechtigt, wie selten gilt Einer das, was er wirklich ist! Und zweckmäßig? Treibt doch der Mensch viel mehr das, was ihm schadet, als was ihm nützet, was ihm Vergnügen gewährt, ist gerade das Schädliche, und das Maß weiß er nur schwer zu halten — und wie viele Menschen leben für den höhern Zweck des Lebens? wie viele gedenken dessen, denken dies ernstlich? wie Viele thun nicht das gerade Gegentheil?... O, in der Welt Gottes ist Alles Friede, Recht und Zweck — in der Menschenwelt Krieg, Unrecht und Zweckwidrigkeit! So ist in der That die Welt Gottes der hohe, blaue Himmel, der sich über uns wölbet voll leuchtender Sonnen, glänzender Monde, funkelnder Sterne, aber die Menschenwclt, die dunkle, schmutzige Erde, umgeben von grauem Gewölke — ach, selbst der Rasen und das Laub an ihr ist nur von dunkler Farbe, und wenig und kurz die hellen, duftenden Blumen und weißen Dlüthcn! 4) Aber jener Gott, der seine Welt geschaffen, und den Menschen gestattete, die ihre hineinzubaucn nach „ihren Gedanken und ihren Wegen" — er hat auch in dieser den Menschen nicht verlassen, er ist der Gott der Wahrheit und des Rechts, des Friedens und der Einheit, und darum hat er die Religion Israelis aus seiner in die Menschcnwelt gesendet, um, wenn auch in langsamer Entfaltung, diese beiden Welten zu versöhnen, die beiden Welten auszugleichcn. Er hat die Sonne gezündet, deren Strahl das dunkle Gewölk der Menschenwelt durchdringe, daß sie hell werde, er hat den Luftzug angewehct, der den Dunstkreis dieser Menschcnwelt reinige, daß er nicht stocke. Ja, denn er hat zuerst durch die Religion Jsrael's der Menschheit die Wahrheit verkündet, daß sie die Götzenaltäre zertrümmere, die doch nur der Mensch sich selbst und seinen Leidenschaften erbauet, daß sie den einigen, einzigen Gott lehre, welcher in unendlicher Vollkommenheit ist und wirket, nnberübrt vom Menschen, aber den Menschen zu sich erhebend, den Gott, der dem Menschen ein höheres Leben zicbt, und aus dem Staube aufrichtet, den Gott, der zuletzt auch innerhalb des kleinlichen Treibens der Mcnschenwelt seinen großen Zweck, sein erhabenes Ziel verfolget, die Menschenwclt der Gotteswelt zu nähern und zu verbinden! Fürwahr, damit find die Gedanken des Menschen zu den Gedanken Gottes erhoben, damit haben wir etwas Anderes außer uns, was größer, höher, herrlicher ist als wir, etwas, was unser Leben erhöht, erfüllt, wohin wir streben, ohne daß es eitel und nichtig sei! Und dann — hat er dem Menschen durch die Religion Jsrael's das Recht verkündet, welches dem Egoismus, der schnöden Selbstsucht des Menschen Schranken setzt, welches ihm sagt. Du hast ein Recht auf Dein Können und Thun, aber alle Anderen haben dasselbe Recht auf ihr Können und Thun, und darum muß Jedes Recht anerkannt werden, und das ist das höhere Recht, das über dem gemeinen Recht des Einzelnen steht, daß Dein Können und Thun nicht hinübergreife in das irgend eines Andern, daß Du Dich selbst beschränkst, damit Du das Recht Deines Nächsten nicht verletzest, und das nicht, weil Strafe darauf steht, weil es offenbar und gerächt werden wird, sondern weil es Dein Gott heischet, Deine höhere Bestimmung, die Deftiedigung Deines höhern Wesens. Und dann — hat er dem Menschen durch die Religion Jsrael's die Liebe verkündet, denn sie sprach es aus: Gott zu lieben mit ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzem Vermögen, seine Nächsten zu lieben wie sich selbst, den Fremdling zu lieben, den Dürftigen, die Wittwe, die Waise zu lieben, die Gattin zu lieben, den Bruder, die Schwester — o und daß diese Liebe dem Thaue gleichet, der vom Hermon fließet, daß, wo Liebe ist, Segen Gottes, Leben auf immer ist! Und das ist wahrhaftig schon die ganze Welt Gottes mitten in der Menschenwclt, und wenn wir in dieser streben, die Wahrheit zu erkennen und das Recht zu üben und von der Liebe uns erfüllen zu lassen — dann ist ja unendlich und ewig und Frieden und hoher, heiliger Zweck unser ganzes Dasein! So forschet doch, was Ihr von der wahrhaftigen Religion Jsrael's, wie sie von Moscheh an durch alle Zeiten reichet, ohne das Zuthun und die Satzung der Menschen, wisset, ob nicht Alles in ihr, jede Lehre, jedes Wort, jedes Gesetz diese Wahrheit, dieses Recht, diese Liebe Predigt! 5) Wenn aber die ganze Religion Jsrael's zur Ausgleichung beider Welten in die Menschcnwelt gekommen, so ist es insonders das Fest, welches wir heute feiern, das den Gedanken an beide Welten, und daß wir mitten in der Welt der Menschen nicht der Welt Gottes ver- 16*