Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 16 (16.4.1855)
- Date
- 1855-04-16
- Page
- Seite 196 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3225931-3225948--14525-3300174- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
196 tung Leider Welten neben einander. Ihr werdet es schon inne werden, warum heute.' — — 1) Die Welt Gottes ist vor Allem spö -,-rr unendlich und aVi* ewig. Alles ist in ihr aus dem Unendlichen und auf die Ewigkeit berechnet. Das ist das Göttliche in dieser Well Gottes, daß sie aus lauter Endlichem besteht, aber dies in unendlicher Fülle; Raum ist ein Endliches, aber die Welt unendlich an Räumen, jedes Wesen ist endlich, aber unendlich ihre Zahl; das ist das Göttliche, daß Alles in ihr immerfort in Wandel begriffen, darum in der Zeit, aber nach unwandelbarem Gesetze, darum ewig. Aber die Menschenwelt? o da ist Alles auf den Augenblick! Alle Erscheinungen in ihr für den Augenblick, kaum waren sie, so find sie entschwunden, alle Bemühungen auf den Augenblick gerichtet, den wir Gegenwart nennen, aller Erwerb, aller Genuß, alles Werk für den Augenblick — ja. welche Thoren sind wir, wenn wir es anders meinen und wollen, denn wie anders kommt es doch am morgenden Tage, als wir cs heute erwogen — und wie ist da Alles endlich, begrenzt, beschrankt, auf's Engste gewiesen, und nur die Kraft leistet Etwas, die sich auf den kleinsten Punkt wirft — und was find unsre Gesetze, was die Marksteine des Rechts, die wir Menschen einsetzen? treibend wie der Schaum der Welle, jeder Tag ein Andres, das Heute fühlt sich vom Gestern gefesselt und sucht vergebens das Morgen zu meistern.' — Ja, unendlich ist die Welt Gottes und ewig, die Menschenwelt endlich und augenblicklich. 2) Die Welt Gottes, m. Fr., ist zweitens ein großes Ganzes, ein unendlich gegliedertes All svns ttbn bbo, in welchem alles Einzelne genau in cinandergreift. So wie das Weltall besteht, indem jeder einzelne Weltkörper auf alle anderen eine anziehende Kraft ausübt, so daß sie sich in den Lagen, Bahnen, Größen und Gestalten erhalten, in welche sie der Schöpfer gebracht: so ist auch jedes Einzelne für das Ganze nothwendig, nichts überflüssig, Eines kann ohne das Andere nicht bestehen; das Thier nur durch die Pflanze, diese zumeist durch das Thier, oft bedingt eine Pflanze oder ein Thier in einem Klima das Dasein aller Wesen daselbst. Und das ist wieder das Göttliche in dieser Welt Gottes, daß, obgleich jedes Einzelne für sich ist, es doch nur die Bedeumng hat, inwiefern es Glied des Ganzen ist, und obschon jedes Ding um seinetwillen ist und lebt, dennoch alles Einzelne immerfort der Erhaltung des Ganzen dienet und geopfert wird. Und nun werfet einen Blick in die Menschenwelt! Die ist aufgebaut aus Egoismus; fraget Euch, ob nicht jeder Einzelne er selbst der Mittelpunkt der Welt, der Zweck Aller ist, ob nicht Jeder da ganz allein für sich lebt, strebt, schafft, und nur nebenbei noch mit für Andere; alle Verhältnisse bezieht er auf sich selbst, von da aus würdigt und beurtheilt er sie; und wenn in dieser Menschenwelt auch ein Jneinandergreifen ist, so ist es nur durch das Bedürfniß und wegen des Bedürftnsses selbst, aber wo ist die innere Gliederung? Was dem Einen nützet, schadet dem Andern, was der Eine gewinnt, hat ein Anderer verloren, und zuletzt fallt der Einzelne nicht als ein Opfer für das Ganze, sondern als des Einzelnen, seines Wvllens und Vcrfehlens! O es ist dies ganz wahr, wenn auch viel Schein und Prunk cs zu verhüllen suchet. Die Welt Gottes ist ein Ganzes, aus allem Einzelnen gegliedert, die Welt des Menschen eine Sammlung Einzelner, nur durch ihr Bedürfniß zusammcngehalten. 3) In der Welt Gottes ist Alles zweckmäßig, und Alles einet sich zu höhcrm Frieden und Rechte. Zweckmäßig, denn in ihr ist Jedes alles Das, was cs nur sein kann, jedes Einzelne, worauf cs seiner Natur nach Anspruch hat; und wie auch Eines das Andre zu bekämpfen scheint, so lösen sich dock) alle scheinbaren Gegensätze in die höhere Einheit auf, in den ewigen Bestand. Gegensätze? wo find Gegensätze in der Welt Gottes? Hitze und Kälte find keine Gegensätze, sondern beide ein und dasselbe, nur in verschiedenem Grade, trocken und feucht, fest und flüssig, dunkel und hell, alles nur Eines in verschiedenem Maße, selbst der Tod ist nicht Gegensatz des Lebens, sondern Umwandelung des Daseins. So wie das Toben der Wellen nur in der Oberfläche des Meeres stattfindet und nur wenig in das Innere, in die Tiefe reicht, so wie der Sturm nichts als die Ausgleichung der Lustverschicdenheit ist: so ist Alles in der Welt Gottes Eines, Ein Dasein, Ein Recht, Ein Friede, eine Einheit. Aber in der Welt der Menschen? Da ist Krieg, innerer Krieg im Großen und Kleinen, im Offenbaren und Heimlichen. Wüthet der Löwe gegen den Löwen? zerfleischt der Tieger den Tieger? aber des Menschen Triumph ist es, Menschen und ihr Glück vernichtet zu haben; der heißet der Große und Erhabene, der Dies im größten Umfang vollbracht, und eine neue Kunst, Menschen und ihre Werke zu zerstören, wird reich gerühmt und belohnt! Aber ist nur Krieg zwischen den Völkern? O, auch unter allen Einzelnen, in allen Wegen. Im Handel und Wandel immerwährender Krieg, Vortheil über den Andern zu gewinnen, und über den Ruin von Hunderten zur Höhe für sich zu gelangen, in der Wissenschaft, denn jeder Ge-