Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 13 (26.3.1855)
- Date
- 1855-03-26
- Page
- Seite 163 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3225931-3225945--14489-3300135- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
163 Versorgung-Verein. Vielleicht dürfte manchem Ihrer Leser dieser Verein unbekannt sein, und so erlaube ich mir zu bemerken: Der selige Herr M. L. Biedermann hat bei seinem 70. Geburtstage 7000 Fl. C.-M. zur Gründung eine- Waisenvereins bestimmt. ES fanden sich bei demselben noch mehrere Mitglieder, außer der Familie des Verewigten, mit Beiträgen ein, so daß derselbe jetzt ein Capital an 26,000 Fl. C.-M. hat. Diese- Capital aber liegt tobt, wie da- TodeSco'sche für Handwerker, weil die Statuten auf die gegebenen Verhältnisse keine Anwendung finden. Ewäre wünfcheu-werth, wenn in dieser Beziehung irgend etwageschehen würde. Die Vorsteher de- TaubstummeninstimteS, so wie der Lehr-Director desselben, Herr Deutsch, haben von Seite de- Unterrichtsministeriums ein BelobungSdecret erhalten. * Wie ich so eben auS guter Quelle vernehme, werden die Herren Hermann Todesco'S Söhne in den österreichischen Adelsstand erhoben. Es werden die vielfachen Verdienste des Vaters im Grabe erkannt. Wie im vorigen Jahre, hat auch der Vorstand heuer den Gemeindebeamlen einen TheuerungSbeitrag gegeben. Italien. Turin. Der König von Sardinien hatte dem Herrn von Rothschild den Orden de- St. Moritz und Lazarus ertheilt. Der Cardinal Antonelli, päpstlicher Minister de- Auswärtigen, hat eine Protestation gegen die ErtheUung dieses Ordens an einen Juden an das Eabinet von Turin gerichtet. Großbritannien. London, vr. Löwe ist zum Director deS zu gründenden jüdischen Seminars in London erwählt worden, und giebt deshalb seine PenfionSanstalt in Brighton auf. Zuvörderst macht er aber noch eine Reise mit Montefiore nach Palästina. Rußland. Warschau, 14. März. Am heutigen Tage fand die Leistung deS HuldigungSeideS Seitens der Juden in allen Synagogen des Reiches statt. Correspondenz. vr. Lilieuthal'S Aufenthalt in Rußland. (Nach lde Israebte.) VI. New-Aork, im Januar. DaS Departement Le« öffentlichen Unterrichts. Russische Beamte. Zu meiner großen Befriedigung ward mir endlich mitgetheilt, daß der Minister des öffentlichen Unterrichts, Herr Sergci Semenowitsch Uwaroff von Warschau zurückgekehrt sei. In Rußland ist man genöthigt, alle diese Vornamen zu behalten; denn sobald man mit Jemandem näher bekannt wird, nennt man ihn nicht bei seinem Familiennamen, sondern bei seinem eigenen Vornamen und dem seines Vaters, an welchen man die Sylbe „witsch" hängt, welche Sohn bedeutet; Sergei Semenowitsch bedeutet also: Sergei, Sohn des Semen. Der jetzige Kaiser wird Nicolai Paulowitsch (Sohn des Paul) genannt; der ihm nachfolgende Großfürst heißt „Cäsarowitsch", Sohn des Cäsar, und so wird ein Jeder, der nicht höheren Ranges ist, iu der Unterhaltung bei diesen beiden Namen genannt. Ich, obgleich ein Fremder, mußte meinen Vatersnamen „Leb" nennen und wurde von da ab gewöhnlich Marim Lebowitsch genannt. Als ich die Rückkehr des Ministers erftrhr, eilte ich zum Hotel des bayerischen Gesandten, welcher versprochen hatte, mich meinem künftigen Chef vorzustellen, von welcher Gnade der Ersolg meiner russischen Laufbahn abhing. Man hatte mir gesagt, daß es in jenem nördlich kalten Lande drei Erfordernisse gäbe, welche die wesentliche Bedingung des zu erreichenden Erfolges seien; entweder eine Empfehlung, eine Frau vom Stande, oder Geldbestechung. Von einem Gesandten empfohlen zu werden, war ein zu günstiger Umstand, als daß ich mich nicht beeilt hätte, Gebrauch davon zu machen. Aber wie groß war meine Enttäuschung, als ich das Gesandtschastshotel geschloffen fand, und hörte, daß derselbe nach Berlin berufen sei. Dies schien mir ein sehr böses Vorzeichen, doch verlor ich den Muth darüber nicht. Ich eilte zu seinem Geschäftsträger, dem Grafen Fahrenheim, welcher mich sehr freundlich empfing, und mir sogleich einen ofsiciellen Empfehlungsbrief schrieb. Mit diesem Briefe und einem andern von dem russischen Gesandten in München versehen, erwartete ich mit Ungeduld den Freitag, welcher deS Ministers gewöhnlicher EmpfangStag war. Mir war nicht wenig ängstlich zu Muthe, als mein 13