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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1855-03-26 · Heft 13 (26.3.1855) · p. Seite 160

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
19 (1855)
Issue
Heft 13 (26.3.1855)
Date
1855-03-26
Page
Seite 160 (sequence 6)
Language
German
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160 muS, sie das Bedürfniß gar nicht fühlen läßt, ihre l Interessen öffentlich und an paffender Stelle besproi chen zu sehen. i Brechen wir einmal „dieses räthselhafte Schweigen"; — und gestatten Sie uns, Ihnen zuvörderst eine kleine Skizze der jüdischen Zustände Tilsits, der Hauptstadt LitthauenS, zu entwerfen. — Der Ort zahlt bei einer Einwohnerzahl von 15,000, etwa 600 Seelen jüdischen Bekenntnisses. Die Gemeinde erlangte im Jahre 1840 CorporationSrechte, und dieErlaubniß zum Bau einer Synagoge. Solche wurde denn auch 1841—42 hergestellt, und zwar mit einer Größe und Pracht, wie man fie bei einer gleichen Mitgliederzahl wohl so leicht nicht wieder findet. — Gedenken wir jener schönen Zeit, wo die Mitglieder in Opferfreudigkeit und Hingebung für den edlen Zweck — daS Gotteshaus — miteinander wetteiferten — fo überkommt uns eine Wehmuth, wenn wir sehen, daß die edle Saat keine bessere Frucht getragen. — Denn seitdem — es find nun 13 Jahre verflossen — ist in der hiefigen Gemeinde auch nicht der geringste Schritt zu irgend einer Verbesserung oder Veredlung, sei eS im Gottesdienst, sei eS im Jugendunterrichte, geschehen. — Wir besitzen daS schönste GotteShauS — haben aber den schlechtesten Gottesdienst. — Keine Predigt, kein Chorgesang, ja nicht einmal die allernothwendigste Ruhe und Andacht find in unserer Synagoge vorhanden! — Wenn Sie einmal dem hiefigen Gottesdienste beiwohnen, so finden Sie ganz daS Unwesen der alten „Schulen", dasselbe Geschrei, Hin- und Herrennen, Geplauder — Alles wie vor fünfzig Jahren, nur ohne die individuelle Innigkeit und Andacht, die damals noch herrschten; so daß man beschämt wird, wenn ein Ungeweihter hineinrritt. — Daß unter solchen Umstanden an eine Erbauung, besonders der jüngern Generation und des weiblichen Geschlechtes, deren Ansprüche ganz anderer Art sind — nicht die Rede sein kann, leuchtet ein; weshalb solche denn auch selten ober niemals dem Gottesdienste beiwohnen. Eben so arg sieht es mit dem Jugendunterricht auS. ES befinden sich im Orte zwar zwei jüdische Lehrer, die Tüchtiges leisten könnten, allein die Gemeinde selbst schenkt ihrem Wirken nicht die geringste Beachtung. Ob Religion gelehrt wird, oder nicht — eS ist vollständig gleichgültig! Lesen wir dagegen auS andern Gemeinden, mit welchem Eifer, selbst bei geringer Mitgliederzahl, für Veredlung und Ver, besserung deS Gottesdienstes, für wahrhaftes Gedeihen deS Jugendunterrichtes gewirkt wird — so können wir nur mit einem Gefühl von Beschämung an unsere heimischen Zustände denken! Fragen Sie nach den Ursachen dieses traurigen Verhältnisses — so müssen wir leider „persönliche Animosität und HalSstarrigkeir" alS solche bezeichnen. In den Jahren 1844—45 wurde von einem Theile der Mitglieder mit Eifer dahin gestrebt, für die Gemeinde einen Prediger und Religionslehrer anzustellen, den Gottesdienst zu veredeln, überhaupt Verbesserungen jeder Art im Gemeindeleben einzuführen; — ein anderer Theil aber wirkte mit allen Kräften dagegen, und hat leider sein Ziel erreicht. Welche Mittel dabei angewandt wurden — wie Drohungen und Einschüchterungen, Verunglimpfung unschuldiger Personen, Wahlumtriebe der niedrigsten Art nicht gescheut wurden— darüber wollen wir den Schleier der Vergessenheit ziehen!—Es ist ein Jahrzehend seitdem verflossen, und jene Partei hat die Genugthuung, als Frucht ihres damaligen GebahrenS, Tilsit zur unehrenvollen Ausnahme unter den Gemeinden Israels hingestellt zu sehen; fie findet ihren Lohn in der unwissend und ohne Religion aufwachsenden Jugend, in der Verödung deS GotteStempelS, in dem gemüthlosen Gemeindeleben, welches hier herrscht! Binnen Kurzem soll hier die Gemeindeverfassung nach dem Gesetze vom Jahre 1847 eingeführt werden; damit tritt die Verpflichtung für jeden Juden, der Gemeinde anzugehören, ein; — hoffen wir, daß dann auch ein anderer Geist in daS Gemeindeleben einziehen werde, ein Geist, der sich seiner Aufgabe: für Veredlung, Verbesserung und Kräftigung deS JudenthumS nach allen Seiten hin zu wirken, bewußt ist, und den persönlichen Widerwillen dem allgemeinen Besten zu opfern nicht anstehen wird! — Mil diesem Wunsche will ich meinen heutigen Bericht schließen, und bemerke noch, daß ich Nachrichten über andere Gemeinden LitthauenS — wenn Ihnen solche genehm — Nachfolgen lassen werde. Bretzlau, 7. März. (Privarmitth.) Die Bestätigung unferS neuen Synagogen-Gemeinde-Vorstant des Seitens der Behörde ist nunmehr erfolgt und hat ' dieser sich provisorisch unter dem Vorsitze deS Herrn

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