Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 13 (26.3.1855)
- Date
- 1855-03-26
- Page
- Seite 159 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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159 Zeitnngsnachrichten. Deutschland. Audem Mecklenburgischen, im Februar. (Privatmitth.) AlS Pendant zu dem Berichte von hier in Nr. 9. d. Zeit, theile ich Ihnen folgende spaßhafte Anekdote mit, die aber doch, wie Alles, waS sich über unsere religiösen Zustände berichten läßt, ihre tragische Seite hat. Sie wissen, daß das sncien rsgime in allen Zweigen unserer religiösen Angelegenheiten, bis in'S Kleinlichste, ja selbst in Dingen, die daS Familienleben berühren, wieder eingesührt wird. So soll auch unser Gottesdienst aller Formen entkleidet werden, die die Spuren ehemaliger Reform an sich tragen, und wären sie auch nur dem Geiste der Ordnung und des Anstandes entsprossen; der Almemor muß wieder an seine alte Stelle, der geordnete Chorgefang muß dem regellosen Durcheinanderschreien und der Disharmonie Platz machen, ja — um das Maß voll zu machen — auch die Rachegebete sollten wieder in ihr altes Recht oder vielmehr Unrecht eingesetzt werden! Unser Oberralh, der aus Liebe zum Frieden schon so Manches Nachsehen mußte, sträubte sich doch mit aller Entschiedenheit gegen die Emsührung des letzlern Punktes, weil dieser unserm Bewußtsein allzusehr Hohn sprach. Die Orthodorie wandte sich in dieser CultuSfrage an-die christliche Behörde, resp. an den Cultusminister. Diesem schienen diesmal doch die Ansichten des Oberrathes einzuleuchten und auf die Frage an einen Starrorthodoren: „warum man Rache und Strafen vom lieben Gott erflehen wolle?" erhielt er zur Antwort: „Ministerleben, eS hat Ihnen doch bis jetzt nichts geschadet, es wird Ihnen auch ferner nichts schaden." Mit diesem Witzworte war die Sache für die Orthodorie gewonnen. N. Preußen. Berlin, 13. März. (Privatmilth.) AuS unserer großen Gemeinde ist nichts Hervorstechendes mitzutheilen, und dies ist doch wenigstens ein negatives Lob nach Analogie jener bekannten Behauptung, daß diejenige Frau die beste ist, von welcher man am wenigsten spricht, und nach der besondern Erscheinung, daß gerade die Gemeinde Berlins nicht als die beste genannt wurde, als man noch vor Kurzem so viel von ihr sprach. — Unser neuer Vorstand arbeitet in Verbindung mit den Repräsentanten anhaltend an einem Statute, das die Gemeindeverfassung feststellend ordnen soll, und auch sonst soll dieser Vorstand mit gutem Willen, Anstrengung und Glück wirken. Letzteres zeigt sich in der Gestalt der jetzt auf das Bereitwilligste eingehenden erhöhten Beiträge von Seiten bisher zahlungsweigernder Mitglieder. Es sollen schon an 15,000 Thlr. auf diesem Wege in die Gemeindekasse geflossen sein. — In unserm Schulwesen gehen, theilS schon mit nächstem Quartal, große Veränderungen vor; die Knabenschule, welche von Herrn Piek gegründet und seither mit großem Erfolge geleitet wurde, kommt unter die Leitung deS vr. Brahm, eines erfahrenen, gelehrten und energischen ManneS, da Herr Piek nun definitiv an die Gemeindeschule berusen ist. Die Religionsschule der Reformgenoffenschaft verliert dagegen an vr. Stern, der den Ruf als Direktor der Philanthropinschule in Frankfurt a. M. angenommen, sehr viel, und es wird ihr schwer werden, so bald den Ersatzmann zu finden. Berlin überhaupt verliert durch die Auswanderung dieses durch gediegenste philologische und philosophische Bildung, durch Geist und Vortrag ausgezeichneten Gelehrten einen jener Männer, an denen die jüdische Gemeinde keinen Ueberfluß hat. Die im Jahre 1854 gegründete, unter Leitung deS Dr. Rosin stehende Religionsschule endlich wird nicht weiter unter einem Specialcuratorium stehen, sondern, wie alle Gemeindeschulen, unter dem Schulvorstande. Sehr stark spricht man auch davon, daß das im Jahre 1850 aufgelöste Lehrerseminar wieder in'S Leben treten soll, und zwar mit Hülfe der von der verstorbenen Frau Sara Levy der Gemeinde hinterlassenen Fonds. Vom Riemen, im März. (Privatmitth.) Wähfast jeder Winkel der bewohnten Erde in diesen Blättern vertreten ist, bleibt nur unsere heimathliche Provinz — Preußen — insbesondere aber deren östliche Hälfte — Lilthauen — davon ausgeschlossen, bildet gleichsam daS „Stiefkind" in der großen Familie, indem nur höchst selten eine magere Notiz über unsere jüdischen Zustände sich einmal hierher verirrt. I Wir müssen leider bekennen, daß unsere Juden selbst daran schuld find, indem ihre Indolenz, und, bei der überwiegenden Mehrzahl, der religiöse Jndifferentis-