Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1855)
- Date
- 1855-03-19
- Page
- Seite 151 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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151 Verhältnisse, die mit eiserner Wucht auf dem jüdischen Volke durch so viele Jahrhunderte gelastet, doch deshalb nicht weniger beklagenswerth; während der Kleinhändler von dem Verkäufer nicht minder als dem Käufer mit scheelen Blicken betrachtet wird, gilt der Wiederverkäuser einer Rarität an ein Museum, oder einen Kunstfreund als honetter Mann, an den Vermittler, den Juden, denkt man nicht. — Herr Levy äußert seinen Schmerz darüber, daß er junge Leute, die auf philanthropischen und höhern Instituten eine gute Bildung genossen, dieselben später verließen und.... dem Kleinhandel sich Hingaben. Wir können dem Verfasser hierin nur Recht angedeihen lassen: der Handel, gleichviel ob groß, oder klein, ist allzusehr dem Zufall preisgegeben, die Speculation ist mit ein Hauptagens, und gerade hierin giebt der Talmud die praktische Regel: — — «•’b«*’ oib:?b rr» nnn «Tb» fiTEap^sa w->bw rc. — Die vierte Ursache ist das Unpraktische der jüdischen Wohlthätigkeit. Die Almosenspende soll ein Heilmittel für das Elend sein, allein die Präservative Medicin hat einen größern Werth als die heilende, und doch wird jenes Mittel mehr blindlings verschwendet als richtig verwendet. Der Verfasser dringt darauf, in jeder Gemeinde dem drohenden Elend zuvorzukommen und führt die Worte des würdigen Rabbinen Lelio Della Torre an, der da sagt: „Der Reiche begnügt sich, daS unabweisbare und entwürdigende Almosen dem Bettler hinzuwerfen, bemüht er sich aber, daS Elend in seiner Wurzel anzugreifen und auszurotten?" — Nur die Centralisation sämmtlicher Wohl- IhätigkeitSinstitutionen vermag etwas Reales und RachwirkendeS zu schaffen. — Die fünfte Ursache sind die Lücken in unfern Wohlthätigkeitsanstalten. „Wir Alle müssen arbeiten, Bettler und Fürsten, Soldaten und Bürger; nur wer den Boden bearbeitet, dem gestattet der gütige Schöpfer daS Recht, zu essen und sich zu amüfiren", so sprach derjenige König, der in diesem Geiste einen Sohn erzog, den die Geschichte „Friedrich den Großen" nennt. Die Arbeit bleibt der goldene Boden und auf einem solchen müssen jene Institute errichtet werden. Werkstätten müssen die Zufluchtsstätten der Armen sein. Körper und Geist werden in gleicher Weise vortheilhaft beschäftigt, und eine Ersparniß am Lohn konnte dem Armen vielleicht eine bessere Zukunft — als es jedenfalls der entnervende und unbelohnende Bettel ist — bereiten. — Endlich ist die sechste Ursache das Fernbleiben vom Landbau. Nur diese BerufSthätigkeit ist weniger Chancen unterworfen und gewährt ein sicheres und reelles Auskommen, und deshalb schlägt Herr Werth, der verdienstvolle Gründer der Arbeitsschule zu Mulhouse, und Präsident der israelitisch-philanthropischen Gesellschaft des OberrheinS, das Project zur Gründung einer Colonie des LandbaueS llandwirthschaftliche Colonie) vor. In dreizehn Paragraphen werden die Grundzüge einer solchen Gründung gezeichnet. Zuletzt folgt noch ein Brief des Herrn Javal in Sainte-Marie, der den Geldpunkt specialifirt. Die ganze Schrift ist in einer anziehenden und fließenden Sprache geschrieben. Herr Levy citirt eine große Anzahl der pikantesten und schlagendsten Stellen auS Talmud, Midrasch und neuern Schriften, und wäre eS verdienstlich, wenn obige Schrift durch eine Uebersetzung auch dem deutschen Publikum ausführlicher zugänglich gemacht würde. — Von andern Schriften des thätigen Herrn Levy aus neuerer Zeit verdient besonders erwähnt zu werden: Raport sur le projet tendant ä introduire l’orientalisme primitif dans renseignement des facultas des lettres de l’universit6 frangaise. — Dieser Bericht wurde von Herrn Levy in der Sitzung vom 27. Oktober 1853 der kaiserlichen Akademie zu Metz überreicht (Gedr. Metz 1854. 8.). vr. L. Lewysohn. Antiquarische Notiz. Schaab citirt in seiner: „diplomatischen Geschichte der Juden in Mainz" S. 207 folgende, die Wormser Synagoge betreffende Stelle: „Die Juden Synagoga ist 700 und sieben und sechsig Jahr bestanden, anno 1605 Jahr ahn zurückgerechnet, hat sie ein Jude allein auf seine Kosten erbauen lassen. Diese Synagoga ist auff Ostermontag und Dienstag uff den Boden abgebrochen worden, anno 1615, steht noch als verwüstet und ganz zerstöret." — Fügen wir hinzu, daß die Synagoge -iLbri (— 1034, nicht 1060, wie in meinen a-pms nioss S. 106 falsch gedruckt ist) renovirt, rb'b zerstört und ob wiedererbaut wurde (s. Mase Nissim Erz. 9), so lassen sich folgende Data sicher angeben. Die Synagoge ist im Jahre 838 gew. Zeitr. erbaut, im Jahre 1034 renovirt, 1615 zerstört und 1620 wieder erbaut worden; daß die Synagoge 1615 nicht „uff den Boden", d. h. von Grund auS zerstört wurde, bezeugt sowohl Mase Nissim und 12**