Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1855)
- Date
- 1855-03-19
- Page
- Seite 150 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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150 sehr ehrenvoll gedacht. Der Meister vom Stuhl einer hiesigen Freimaurerloge wieS auf die Weihrede hin, welche der Prediger der hiesigen Gemeinde bei der Grundsteinlegung der Synagoge gehalten hatte. Der Architekt, der den Bau derselben leitet, ein Jude, hielt vor Kurzem einen Vortrag im hiesigen Verein der Schriftsteller und Künstler. Fast jede jüdische Familie hat einen ausgedehnten Kreis von Bekannten und Freunden unter Christen. An dem hiesigen modernen Gesammtgymnasium, sowie an der Handlungsschule find Juden als Lehrer angestellt. So geht hier im Stillen eine herrliche Saat des modernen Bewußtseins auf! — Ihr projectirter Literatur-Verein wird hier Theilnahme finden. Nur wünscht man, daß er auch wissenschaftliche Specialitäten, die gleichsam die Grundsteine des wissenschaftlichen Gebäudes auSmachen, durch seine Mittel fördere. — Bei Gelegenheit der Gastrollen deS berühmten Schauspielers Dawison wird in einem hiesigen Blatte die Bemerkung gemacht, daß die besten Darsteller Hamlets Juden waren und sind: Rotr, Deffoir, Baison und Dawison. — Von einem jüdischen Dichter, vr. Wolfs oh n in Dresden, wurde ein neues Drama: „Nur eine Seele" mit vielem Beifall hier gegeben. — Berthold Auerbach verlebte mehrere Tage in unserer Mitte. Dieser im gewöhnlichen Umgang höchst liebenswürdiger Schriftsteller recirirt heute noch aus jedem beliebigen biblischen Buche lange Stellen in der Ursprache. Treffend ist die Inschrift, welche nach seiner Meinung daS Standbild des unvergeßlichen großen Kaisers I o sep h in Wien tragen sollte, nämlich: immat-r Nb am rnsr« rpv* taD*»i! Worms, im Februar. (Privatmitth.) Als besonderer Abdruck mehrerer Artikel in den Jahrgängen 1853 und 1854 der „Archive israSlites“ ist erschienen : Du paup€risme chez les juifs, de ses causes et des moyens d’y rem6dier“, von Gerson Levy*); angehängt sind: „Projets de fondation d’une colonie agricole, pour r£pandre et populariser le gout de Fagriculture parmi les isra6lites de l’Alsace‘%**) von Leon Werth. Da diese Schrift eine der bedeutsamsten socialen Fragen behandelt, die daS *) „Von der Armuth unter den Juden, ihren Ursa eben und den Mitteln, ihr abzuhelfen." **) „Von der Gründung einer landwirthschastlichm Colonie, um den Geschmack am Landbau unter den Israeliten des Elsasses zu verbreiten." deutsche Judenthum vermöge seiner numerisch weit größern Population noch mehr als daS französische interesfiren muß, so mag nachstehender Bericht in diesem vielgelesenen Blatte nicht überflüssig erscheinen. Die Philosophie und die Politik, die Oekonomie und die Religion, und vor Allem die Humanität beschäftigten sich zu allen Zeiten mit der Frage deS PauperiSmuS. Die mannichfachsten Systeme, Projecte und Versuche sind im Uebermaß debattirt und verwirklicht worden; man hat Hospitäler, Colonien und andere WohlthätigkeitSanstalten ins Leben gerufen, doch Alles dies blieb bis jetzt nur ein Palliativmittel; daS Uebel vom Grunde aus zu vertilgen, und dies zu erreichen, wird so lange ein utopischer Traum bleiben, bis man die Ursachen auffindet und beseitigt, die jenes Uebel zur Folge haben. Als solche Ursachen bezeichnet Herr Levy nachbenannte sechs Umstände: erstens die verfrühten und unbedächtig geschlossenen Heirathen; in der rnn ri-,L verwirklicht sich daS Ideal, wahrlich ein charakteristischer Name, der aber nur allzusehr die eigentliche Misere für die Gegenwart und die Zukunft bezeichnet. Als Beispiel der erstaunlichen Population führt Herr Levy an, daß 1567 nur vier jüdische Familien daS Jndigenat erhielten, in Metz sich niederzulaffen, und im Jahre 1718 zählte die Gemeinde daselbst nicht weniger als 480 Haushaltungen. — Der Verfasser verweist auf den Talmud, der erst die Gründung eines HauseS und dann erst die Verehelichung empfiehlt; hierin hat derselbe Recht, doch in demselben Satze erklärt Herr Levy gegen den Talmud, die Worte 1. B. M. 1, 28 als ein Segnen und nicht als Gebot — es liegt hierin jedenfalls eine Jnconsequenz. — Die zweite Ursache ist die Asketik, daS contemplative und mystische Studium, während Mischnah und Talmud so sehr ein praktisches Leben, die Thatigkeit, insbesondere die Profession empfehlen. Diese Ursache ist aber, wie Herr Levy selbst es andeutet, nur in sehr beschränktem Maße wirksam, die Opfer, die ihr verfallen, sind nur wenige, und heut zu Tage ist sicherlich nur wenig Grund, jenen Grund zu beklagen, der arge Materialismus hat nur allzugenau das talmudische Wort Nbi am mm® am mm® befolgt, man hält daS Wissen als „die Blüthe des Lebens, doch darf ihm daS Leben nicht verblühen." — Die dritte Ursache ist die überwiegende Vorliebe zum Handel. ES ist diese Erscheinung allerdings die traurige Entwickelung socialer