Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1855)
- Date
- 1855-03-19
- Page
- Seite 146 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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146 leicht mehr zurück. Schließlich wiederhole er, daß Alles, was er verlange, ein Act der Gerechtigkeit sei, die man einer Körperschaft zugestehe, welche volles Recht hat, die erbetene Gabe zu beanspruchen. Er hege die Hoffnung, fie werde bewilligt werden. Hierauf erfolgte die Abstimmung, welche folgendes Resultat hatte: Dafür stimmten 20, dagegen 10, Majorität für die Bewilligung: 10. Nnd dennoch ein Sieg in Spanien. Niemals darf man ein Geschehniß nach dem Standpunkte beurtheilen, auf welchem wir stehen, sondern vielmehr nach den Verhältnissen des Landes, welches dabei betheiligt ist. Bezüglich der Personen sagen Dies ja unsere Weisen schon aus: wir sollen uns in des Andern Stelle versetzen. Man hat von Frankreich aus das Votum der spanischen Cortes über die Frage der Religionsfreiheit sehr angegriffen. In Frankreich mag man ein Recht dazu haben — aber wenn wir Juden in Deutschland bedenken, an was für Gesetze wir wieder in Mecklenburg, Bayern, Kurhessen, Altenburg u. s. w., an was für Interpretationen wir wieder in Preußen gebunden find, wenn wir dabei erwägen, daß in Spanien bis heute die strengste Ausschließung der Religion wegen geherrscht hat, und die Volksbildung auf der untersten Stufe verblieben ist, während Deutschland Jahrhunderte lang an der Toleranz und Humanität herumackert, und für Schulbildung, wenigstens bis jetzt, so viel gethan hat — so ist es in der Thal die Frage, ob der in Spanien bereits geschehene erste Schritt so unbedeutend? In den Zeitungen lasen wir: „In der Nacht vom 28. Februar ist endlich der zweite Verfassungsartikel in folgender Form votirt worden: „Die spanische Nation verpflichtet sich, den katholischen Cultus, zu dem die Spanier fich bekennen, und seine Diener zu erhalten und zu schützen. Allein kein Spanier oder Ausländer wird wegen seiner Meinung oder seines Glaubens verfolgt werden, so lange er fie nicht durch religionswidrige öffentliche Handlungen kund giebt." Espartero, der dem Votum nicht beiwohnte, ließ Tags darauf in der Cortesfitzung anzeigen, daß er mit der Majorität gestimmt haben würde. Obschon der genannte Artikel in seiner Fassung nichts weniger als wirkliche Religionssteiheit mit fich bringt, so erheben gleichwohl einzelne moderirte Blätter Klagen und Nothgeschrei, als ob damit der Welt Ende vor der Thür stände." Es ist jetzt bekannt, daß gegen ein weiter gehendes Zugeständniß ankämpften: die Königin, welche jedem andern Votum ihre Sanction zu geben verweigerte, die Geistlichkeit wie natürlich, und die Banquiers und Krämer, welche in den Juden und Protestanten ihre gewandteren Rivale fürchten — Minister und Cortes fürchteten, daß die Gegenpartei dadurch zu viel Chancen erlangen, und ihre ganze Existenz gefährdet sein würde. Ja, es ist weit entfernt von Cultussteiheit — aber erwägen wir den langen Kampf, der im Schoße der Cortes darum gekämpft wurde, durchschauen wir die außerordentliche Elasticität des Artikels, welche im Grunde genommen nicht einmal die Ausübung andrer Culte geradezu verbietet, und gönnen wir der Sache ihre ruhige Weiterentwickelung — so müssen wir diesen Artikel auch in dieser Fassung für einen Sieg ansehen! Daß wir cs allerdings als einen Sieg anzujehen haben, das erweisen insbesondere die mächtigen Anstrengungen der Gegner! Haben doch die Cortes am 6. Marz beschließen müssen, keine Petitionen gegen den votirten Artikel anzunehmen. Aus Valencia allein war eine von 5000 Einwohnern Unterzeichnete Petition gegen Art. 2. eingereicht worden. Der Bischof von Carthagena und Murcia hat bereits eine Protestation in die Welt gesandt, die Bischöfe von Osura und Coria u. m. A. find bereit, diesem Beispiele zu folgen. Man weiß, die Ultramontanen haben in solchen Dingen einen ficherern Instinkt, als die Liberalen. Diese verlangen im Stolze ihrer Anfichten gleich Alles, während jene wissen, wie aus dem geringsten Anhalt zuletzt das Ganze hervorgeht. Die Liberalen in Spanien trösten fich jetzt mit späteren Cortes, und weisen darauf hin, daß die volle Cultussteiheit ja doch nur mit 103 gegen 99 Stimmen in der Sitzung vom 9. Februar verworfen wurde. Was uns anbetrifft, so werden wir nach einiger Zeit, wie wir schon angegeben, eine authentische Interpretation des Artikels vom Ministerium verlangen, und so uns keine, oder eine ungenügende zu Theil wird, gehen wir mit dieser Fordernng an die nächsten Cortes. Die projcctirte israelitische Literatur - Gesellschaft giebt von Tage zu Tage mehr Hoffnung, daß fie fich realifiren werde. Bis heute den 11. März find bereits 150