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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1855-03-05 · Heft 10 (5.3.1855) · p. Seite 124

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
19 (1855)
Issue
Heft 10 (5.3.1855)
Date
1855-03-05
Page
Seite 124 (sequence 10)
Language
German
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124 Neue berührt. Diese Erörterung ist allerdings nicht abgeschlossen, wie der Verfasser selbst sagt; aber eS ist auffallend, daß die eigentlichen Unterscheidungslehren des ChristenthumS von dem Judenthume: die Trinität, die Erbsünde n. s. w. gar nicht berührt werden, um so mehr, als sie bei einem Lavater so natürlich find, und den Andern, einem Mendelssohn und selbst Leffing gegenüber, dem Streite ein baldiges Ende, jedenfalls eine andere Wendung gegeben hätten. Wenn der Verfasser einmal dieses Thema in diesem Kreise behandeln läßt, so durfte er als Jude die vom Standpunkte deS Judenthums schärfsten Waffen nicht unbenutzt lassen, oder er mußte, wenn gereckte und verzeihliche Rücksichten von dem Gebrauche derselben zurückbielten, diesen Streit überhaupt unter Männern wie Mendelssohn und Lavater nicht vorführen, um so weniger, als auS dem Schreiben Mendelssohns an Lavater (Werke Th. 3.), aus welchem, so wie aus der Antwort Lavaters und auS Mendelssohns „Nacherinnerung" und aus dessen Jerusalem der Verfasser ganze Stellen wörtlich aufnahm, deutlich hervorgeht, daß gerade diese Scheu vor der Widerlegung dieser Unterscheidungslehren, d. h. die Religion deS herrschenden Theils zu bestreiten, zwar der Grund war, warum Mendelssohn in keine öffentliche Religionsstreitigkeit sich einlassen wollte, die innere Bestreitung derselben aber auch wieder den Grund seiner Treue gegen daS Judenthum bildete. Den Streit also vorfuhren, und nicht, wie es Mendelssohn gethan, ihm auSweichen, ohne den eigentlichen Grund der Entscheidung des Streites anzufuhren, d. h. die Wahrheit so in suspenso unter solchen Männern zu lassen, scheint uns eben so historisch wie künstlerisch, und, wenn uns die Bemerkung erlaubt ist, vom Standpunkte des Juden selbst moralisch ungerechtfertigt. Der Verfasser hat das Christenthum sogar gewissermaßen con amore behandelt, und wenn die jüdische Jugend nach dem Lesen des Buches in keinen Zwiespalt geräth und keinen Zweifel an ihrem Glauben empfindet, so trägt der Verfasser keine Schuld daran. Freilich find die positiven Stützen, die Lavater für sein Christenthum heranbringt, sehr gebrechlich; aber was Ephraim sagt von dem Leben, daS sich in der Gemeinschaft weiß u. s. w., ist so glänzend und so bestechlich für die Jugend, daß es weder von seinem Grunde, weshalb er im Judenthume bleibt, den er selbst nur für einen subjectiven anerkennt, noch von dem, was Mendelssohn lehrt, ausgewogen wird. Wir müssen gestehen, daß unS diese Erörterung höchst unerquicklich schien. Wir vermissen hier sowohl den denkenden Schriftsteller, als den austichtigen, offenen Freund der Wahrheit, die wir sonst in dem Verfasser finden, und er bietet hier der Kritik Blößen, die wir nur andeuten wollten. Wir übergehen viele interessante Scenen. die zu nützlichen Bemerkungen Veranlassung geben möchten und eilen zum Schluß. Ephraim hat durch vielerlei Leidenschaft, einige Fehltritte und mannichfaches Geschick Schiffbruch gelitten an Allem. Seine Habe ist verloren, seine Geisteskraft erschüttert, sein Bewußtsein verdüstert. Furchtbar und ergreifend ist die Schilderung Ephraims von seinen innern Leiden. Wir zittern bei der Schilderung seiner Furcht vor dem Wahnsinn und fürchten selbst jeden Augenblick, den wirklichen Wahnsinn an ihm hervorbrechen zu sehen. Indessen Maimon, der scharfsinnige und zugleich witzige Philosoph kommt von Berlin, und an dieser gesunden Natur gesundet auch der kranke Geist Ephraims. Ephraim hatte auch noch die Freude, daß eine Auswahl seiner Epigramme von Ramler im „deutschen Museum" abgedruckt wurde. Er fand dadurch Anerkennung von außen und Beruhigung von innen. Er fühlte sich nun nicht mehr so zurückgestoßen vom Leben und er konnte sich nun sagen, daß er auch etwas gethan und der Zwiespalt in ihm, der in dem Glauben, „wie viel Kräfte in ihm ruhen, die alle ungenutzt vermodern", „als Jude" besonders für Staat und Gesellschaft vermodern mußten, ihren hauptsächlichsten Grund hatte, begann sich zu versöhnen. Zwar konnte er nie vergessen, daß er „Jude sei", und das Bangen, das er von seiner ftühesten Jugend an der christlichen Gesellschaft gegenüber bei jenem Bewußtsein empfand, verließ ihn nie ganz, „er konnte das Bewußtsein nicht überwinden , daß er hier nur das gesellschaftliche Gnadenbrod genieße, daß er sich nichts herausnehmen dürft, sondern stets warten müsse, bis man ihm etwas biete". Leider hatte es auch die Gesellschaft nicht vergessen, und dies warf ihn immer wieder in seine trübe Sttmmung zurück. Endlich bricht der längst unterwühlte Bau zusammen. In einer christlichen Abendgesellschaft wird der vor Kurzem erfolgte Tod Friedrichs des Großen besprochen. Er bemerkte, daß dieses Jahr noch ein anderes großes Opfer genommen: Moses Mendelssohn. Es tritt eine Pause ein; Niemand stimmt ein in sein Lob. Ein Officier liest Schubarts Hymne: „Friedrichs Tod" vor. In Ephraim mochte der Gedanke Platz greifen, daß Friedrich mit einem Worte die Fesseln hätte lösen können, an denen er sich selbst zu Tode geschleppt: Friedrich hat nichts für die Juden gethan, nichts für die große Idee

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