Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 9 (26.2.1855)
- Date
- 1855-02-26
- Page
- Seite 107 (sequence 7)
- Language
- German
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107 Da nahm der wackere CorporationSvorsteher, Herr Jacob Huth, der Gottessache mit Warme sich an, und seinen anerkennungswerthen Bemühungen gelang eS, alle Hemmnisse aus dem Wege zu räumen. Sowohl seine Collegen, als die Repräsentanten-Versammlung standen ihm thatkräftig zur Seite, die Gemeinde brachte schwere Opfer, so daß der Bau des neuen Gotteshauses eifrig begonnen und glücklich ausgesührt wurde. Gestern fand nun die feierliche Einweihung deS im einfachen, aber edlen Style erbauten Tempels statt. — Auf die Einladung der Gemeinde waren zur Verrichtung der geistlichen Functionen der Prediger Herr Pleßner aus Posen und der Obercantor Herr Grünwald auS Krotoschin hier eingetroffen. Als Ehrengäste nahmen die städtischen Behörden und mehrere andere Notabilitäten von hier und auS der Umgegend an dem Feste Theil, welches außerdem auch eine Anzahl angesehener Gäste aus unseren Nachbarstädten herbeigezogen hatte. Die Feier, welche eben so schön als würdevoll war, hat bei Allen, die derselben beiwohnten, einen tiefen Eindruck hinterlassen. Die von Herrn Grünwald und seinem Chor meisterhaft auSgeführten Gesänge übertrafen jede Erwartung und die ergreifenden Melodien stimmten die Herzen Aller, Juden wie Christen, zur tiefsten Andacht. Derselbe hat sich auch bei dieser Gelegenheit als einen würdigen Schüler des rühmlichst bekannten Sulzer in Wien und deS dortigen Conservatoriums, so wie als einen der vorzüglichsten zeitgemäßen, jüdischen Cantoren Deutschlands vollkommen bewährt. Nach dem üblichen Umzuge mit den Gesetzesrollen ttat Herr Prediger Pleßner vor das Allerheiligste und hielt eine auf das Fest bezügliche, eben so gehaltvolle alS tief ergreifende Rede, worauf das Weihgebet und ein Gebet für den König folgte. Referent schließt mit dem innigen Wunsche, daß der fromme Sinn der hiesigen Gemeinde Israels, den sie durch die Erbauung des Tempels so herrlich bekundet hat, in ihr walten möge für und für zum Heil und Segen der spätesten Nachkommen. 8. L. OesterreichLscher Kaiserstaat. Wien, 16. Februar. (Privatmitth. Von einem dritten Corresp.) Sowohl des FactumS als auch der Persönlichkeit wegen, wird eS vielen Lesern dieser Zeitung interessant sein, zu erfahren, daß Se. apostolische Majestät der Kaiser durch allerhöchste Entschließung vom 5. d. M. dem seit etwa iVz Jahren in dem k. k. Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten verwendeten Dr. Carl Weil den Titel und Charakter eines wirklichen k. k. RegierungsratheS mir definitiver Zutheilung zu dem genannten Ministerium allergnädigst ertheilt hat. Diese Beförderung eines Israeliten in den höhern k. k. Staatsdienst (Obristenrang und Auszeichnung) hat hier in Wien und in der ganzen Monarchie als ein Beweis für die Gesinnung der k. k. Regierung und vorzüglich Sr. Majestät des Kaisers auch gegen unsre Glaubensgenossen freudiges Aufsehen erregt. ES ist mit Befriedigung wahrgenommen worden, daß der Regierungsrath Weil an dem auf seine Ernennung folgenden Sabbath in die Synagoge ging und sich gerade zu den Zehn-Worten zur Thora ausrusen ließ. Es ist immer ein seltenes Beispiel, wie in dieser Familie GlaubenStreue und Auszeichnung im Staatsdienste sich vereinigen. Herr Weil war früher Mitglied der württembergifchen israelitischen Oberkirchenbehörde, eifriger Vorkämpfer derEmancipation, wofür ihm 1847 die Gemeinden Württembergs ein Ehrenandenken überreichten; er ist zugleich mit dem Ritterkreuze erster Classe des großherzoglich hessischen Ludwigsordens und mit dem Ritterkreuze der französischen Ehrenlegion geschmückt; sein Schwiegersohn, der gerühmte dramatische Dichter Dr. S- H. Mosenth al, ist k. k. Osficial im Unterrichtsministerium, und neuerdings mit der hannöverschen großen Medaille für Kunst und Wissenschaft decorirt; der einzige Sohn deS Dr. Weil studirt in Wien Medicin, und ist von der Gesammtheit der Medicinstudirenden an dieser Hochschule schon seit zwei Jahren zum Mitgliede des Mediciner-Ausschusses erwählt. Diese Auszeichnungen find hier um so mehr hervorzuheben, alS sie nicht durch Reichthum, sondern durch persönliche Verdienste erlangt worden find. Wien, im Februar. AuS dem uns vorliegenden Jahresbericht deS „allgemeinen österreichischen israelitischen Taubstummen-Instituts" heben wir folgende Sätze hervor: „Die Anstalt hat derzeit 35 Zöglinge, 23 Knaben und 12 Mädchen; von den früheren 35 Zöglingen sind 4 ausgetreten, dafür aber 7 hinzugekommen und ausgenommen worden. An 40 taubstumme Kin-