Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 9 (26.2.1855)
- Date
- 1855-02-26
- Page
- Seite 103 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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103 teien, um den Ehrgeiz und den Eigennutz der Personen handelt. Was man auch von der Geschichte Frankreichs in den letzten 66 Jahren meine, das ist daselbst daraus hervorgegangen als von allen Parteien geehrfurchteteS Princip: die Gleichheit der Culte und aller Bürger vor dem Gesetze. Und dies einzige Factum beweist, daß die Bewegung im großen Ganzen eine principielle gewesen. Wie anders in Spanien! Wir theilen hier die Berichte in den öffentlichen Blättern mit. Der Indvp. beige schreibt man aus Madrid vom 7. Februar: „Der auf die Religionsfrage bezügliche Art. 2. der Verfassung wurde vorgestern, obwohl nur provisorisch, von der Tagesordnung zurückgezogen. Wie verlautet, sieht sich Las Cabinet durch Einwirkungen höchsten OrtS genöthigt, die Commission zu möglichster Beschränkung der Freiheit der Glaubensbekenntnisse zu veranlassen. Man hat nämlich der Königin ein so entsetzliches Gemälde von den Folgen dieser Glaubensfreiheit entworfen, daß sie die lebhafteste Unzufriedenheit über die Geneigtheit der Commission, religiöse Duldung zuzngestehen, ausgesprochen haben soll. Das Ministerium und mehrere Mitglieder der conservativen Partei, unter Anderen Pidal und Heros, haben biS jetzt noch nicht die Dorurtheile zu besiegen vermocht, welchen die Camarilla im Palaste die Oberhand zu verschaffen trachtet." In der Sitzung vom 8. Februar wurden die Verfassungs-Debatten fortgesetzt und zwei Amendements zum Artikel über die Staats-Religion verworfen, welche lauteten: „In Betreff der Freiheit der Culte sind die in der Hauptstadt der christlichen Welt bestehenden Grundsätze in Geltung", (also wie in Rom!) und das zweite: „Das Gesetz gewährleistet die Freiheit der Culte und deS Gewissens". Für letzteres Amendement stimmten 73, gegen dasselbe 139. Der Agentur Havas wird aus Madrid vom 8. Februar geschrieben: „Die Minister des Krieges und des Auswärtigen waren vorgestern in Dienstsachen bei der Königin, die ihnen bei diesem Anlässe den bestimmten Wunsch aussprach, daß man in dem die Religion betreffenden Artikel der Verfassung weder direct noch indirect die Freiheit der Glaubensbekenntnisse proclamiren, vielmehr die strenge Auftechthaltung der katholischen Einheit in Spanien feststellen möge. Beide Minister erklärten, dies sei auch ihre Ansicht, weil es die allgemeine Meinung des Landes sei, glaubten jedoch nicht, eine Cabinetsfrage daraus machen zu dürfen, wie aus dem Artikel über die Königl. Sanction. In der Sitzung vom 10. wurden die Debatten über die Gewissensftciheit fortgesetzt. Ein Amendement Corradis, das für die Ausländer völlige Cultus - Freiheit und für die Spanier „Entbindung von aller Verantwortlichkeit in Folge ihres Glaubens" wollte, wurde u. a. von Olvzaga und dem Minister deS Aeußeren bekämpft und mit 132 gegen 115 Stimmen verworfen." Also bis jetzt — verworfen. Aber den ersten Tag mit 139 gegen 73 Stimmen, den dritten Tag mit 132 gegen 115 Stimmen. Und so hegen wir durchaus keinen Zweifel darüber, daß der Tag kommen werde, wo die Stimmenmehrheit die Gewissensfteiheit votiren wird. Das Ministerium Espartero aber wird sich nach beiden Seiten hin abnutzen, und seine Dienste einst belohnt finden. Aphorismen. Der judenfeindliche TacituS (60 nach d. gew. Zeitr.) sagt bekanntlich von unS: apuä ipsos ödes obstinate, misericordia in promtu (hist. lib. V. c. 5.) „unter einander üben sie beharrlich Treue und find stets zur Wohlrhärigkeit bereit." In diesen Tagen fanden wir von dem, gerade drei Jahrhunderte später regierenden Kaiser Julian Apostat« in einem Briefe an den Priester von Galaria, Arsacius, da er die heidnischen Priester wegen ibrer Gleichgültigkeit gegen die nothdürftigen Glaubensgenossen radelt, den AuSspruch: aucr/QOvv yuQ it tGjv fiiv yIovd'ai'(ov ovditg niTatTii' „ist dies nicht eine Schande für uns, wenn wir von den Juden Keinen betteln sehen?" — (ed. Spanh. f. 430.) Der Zusammenhang lehrt, daß der Kaiser sagen will: die Juden unterstützen ihre dürftigen Glaubensgenossen so sehr, daß Niemand von ihnen zu betteln braucht. Dies wiese auf einen sehr schönen Zustand hin, welcher nicht wenig zur Erhaltung des JudenthumS in jener kritischen Zeit beitragen mußte, wo eben die christlichen Kaiser die Juden um ihres Glaubens willen von allen Ehrenstellen, Staats- und städtischen Acmtern und endlich von den meisten Gewerben auszuschließen, und sonst noch in mannichfacher Weise zu schikaniren angefangen. Wir sagen „um ihres Glaubens willen", denn, wie wir schon öfter bemerkt, die Kaiser gaben den Juden hierbei in ihren eigenen Erlassen die schönsten Ehrenerklärungen, (Cod. Theod. Lib. XVI. Tit. VIII. Lex 24. u. a. O.) und sobald sic sich taufen ließen , waren sie aller Bedrückung ftei. Neulichst saß ich bei einem jüdischen Mahle neben einem christlichen Arzte. Es war sehr natürlich, daß er 9*