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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1855-02-26 · Heft 9 (26.2.1855) · p. Seite 102

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
19 (1855)
Issue
Heft 9 (26.2.1855)
Date
1855-02-26
Page
Seite 102 (sequence 2)
Language
German
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102 So absolut es auch an sich war, so war eS dennoch zu einem Gegenstände der Entwicklung am Menschen geworden, und alle Erscheinungen, die sich an den menschlichen Entwicklungsobjecten kund thun, treten auch an ihm hervor.' ' Die höchsten Wahrheiten über diesen Modus liegen daher in der Tiefe dieser Begebenheir. Wir sehen die noch nicht einmal vollendete Offenbarung bereits zu einem Gegenstände des Verwerfens und des FesthaltenS, des Loslösens und Vewahrens, des Wankens und Modificirens, der Drohung, Furcht und Nachgebung in der Ma sse (Volk, Leviten, Ahron) geworden, und am Ende dennoch gerade aus diesem Zustande die höchsten Anschauungen deS Einzelnen (die göttliche Erscheinung vor Moscheh) hervorgehen. Wir sehen die Wirren, die sofort nach Preisgegebunz des göttlichen Worts unter den Menschen entstehen, und auS denen dennoch die höchste Erhebung und Erhellung des Geistes entspringt. Wir sehen, wie die Wahrheit sofort in der großen Masse sich wieder verdunkelt, von einer geringern Zahl (Leviten) aber festgehalten, und von Einzelnen (Moscheh) zur höchsten Erkenntniß gebracht wird, um von Diesen allmählig auf die Masse sich wieder zu verbreiten und diese zuletzt dennoch zu gewaltigen. So hat zwar im Augenblicke des Empfangniffes die göttliche Wahrheit ganz Israel gebändigt, findet aber in ihm, nachdem der Zauber jenes Augenblickes geschwunden, denselben harten, störrigen Stoff, wie in der ganzen Menschheit, den jene erst in der Zeit und Entwicklung überwinden soll. Wie daher bis zum Sinai die Entwicklung Israels zur Offenbarung stattgefunden, so beginnt mit dieser Stunde die Entwicklung Israels in der Offenbarung, eine Entwicklung, die bis heute noch nicht vollendet ist, und in unendlich mannichfaltigen Formen sich bewegte und bewegt. Daß dies an demselben Orte schon stattfand, wo die göttliche Erscheinung vor sich gegangen, ist daher durchaus nicht zufällig, sondern liegt in der Natur der Sache, und ist der ganze Vorgang so auch äußerlich ein kräftiges Zeugniß für die Wahrhaftigkeit alles Berichteten." — Wir haben hier also schon die zwei großen Momente: die Geschichte der Offenbarung selbst und die Geschichte des Verhaltens Israels zu der letztern. Ueberblicken wir die erstere, so können wir zwei große Phasen nicht verkennen. Denn während in der Verkündigung durch Mosche Lehre und Gesetz, vorwiegend aber letzteres, gegeben wird, blicken die Propheten höchst selten auf das Gesetz und wirken überall auf den Sieg der Lehre. Es kann uns eben so wenig entgehen, daß neben den Propheten die heiligen Scribenten das Verhältniß deS einzelnen Menschen zur Religion, die subjective Religion, durcharbeiten. Andrerseits ist es selbstredend, daß Israel im Laufe seiner Geschichte theils von innen heraus, theils durch die Einwirkung der äußeren Verhältnisse sehr verschiedene Geistesrichtungen entwickeln mußte. Die Zeit des ersten und deS zweiten Tempels, die Zeit der Griechen und des Talmudismus, die Zeit der Araber und der Rabbinen, die Zeit Mendelssohns und die gegenwärtige, sie alle zeigen so verschiedene äußere Verhältnisse und Einwirkungen, wie Phasen deS israelitischen Geistes. So find die bewegenden Kräfte, die Motive und der Inhalt des geistigen Lebens im Zudenthume nach einander sehr verschieden gewesen, und nicht minder gestalteten sich die Cultus- und Lebensformen der Juden in mannichfalttgster Weise. Alles Dies in seinem innersten Zusammenhänge und in seiner chronologischen Folge macht das „geschichtliche Judenthum" ans. Der Inhalt desselben ist: wie zu aller Zeit das geoffenbarte Wort unter der obwaltenden Geistesrichtung und den gegebenen Verhältnissen in Israel zur Auffassung und zur Verwirklichung gelangte. Das „geschichtliche Judenthum" unsrer Zeit ist also nicht etwa ein Ertract aus allen früheren Perioden, nicht eklektisch zusammengewürfelte Brocken der Vergangenheit — sondern es ist das aufrichtige und lautere Streben und Ringen, das geoffenbarte göttliche Wort auf dem Boden des bisherigen geschichtlichen Judenthums innerhalb der Geistesrichtung und derVerhältnisse derJetztzeit zurAuffassung und zur Verwirklichung zu bringen. Es steht demnach sowohl dem stabil - orthodoxen Judenthume gegenüber, welches das Judenthum der letzten Jahrhunderte in seinem ganzen Umfange als das unwandelbare, am Sinai geoffenbatte Judenthum anfieht — als auch dem sogenannten Reform -Judenthume, welches einige allgemeine Begriffe der jetzigen Menschen, die mit dem Judenthum übereinstimmen, an die Stelle des ganzen geschichtlichen Judenthums setzen will. Wie Cultusfrriheit in Spanien. So ist denn auch in Spanien die „Judenfrage" der Prüfstein der Aechtheit und Wahrhaftigkeit Dessen, was jüngst dort vorgcgangen, gewesen, und gerade sie hat gezeigt, daß es sich daselbst nur um die Selbstsucht der Par-

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