Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 7 (12.2.1855)
- Date
- 1855-02-12
- Page
- Seite 79 (sequence 5)
- Language
- German
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79 Die Geistlichkeit selbst, welche ein wenig ihren Einfluß durch den Mangel an Kenntnissen und vielleicht an Menschenliebe verloren hat, ist zu einer Toleranz gelangt, welche ihr durch den Geist der Masse der Bevölkerung auferlegt ist. Enthält nicht Catalonien 60,000 Franzosen von allen Culten? Giebt es nicht dergleichen in Madrid? Ist die Halbinsel nicht bedeckt von englischen Etablissements? Giebt es nicht in Leres eine kleine preußische Colonie? Ist nicht der Vertreter des Rothschild'- schen Hauses in Madrid ein Israelit? Hat man den Herrn Krastler aus Straßburg, welcher hier die Brauerei von Santa-Barbara gegründet und ein so großes Vermögen erworben hat, gefragt, warum er Protestant sei? Die Mittelclaffe ist aufgeklärt und liebt den Fortschritt; eö sind in der Bevölkerung gewisser Provinzen noch einige Vorurtheile, welche sie zur Intoleranz treiben, aber sie find durch die Ehrfurcht beherrscht, welche hier immer ein Jeder für die Freiheit, für die persönliche Würde seines Nachbars selbst in den unteren Schichten der Gesellschaft bekannt hat?' — Dieses Schreiben beeilte sich Herr S. Cahen, der Redacteur der „Archives isra^liies,“ zu beantworten, und hat die „Presse" vom 26. Januar diese Antwort ertheilt. Dieselbe ist sehr würdig und geschickt abgefaßt; da sie aber unfern Gedanken nur sehr thcilweise enthält, so müssen wir selbst Folgendes darauf erwiedern: 1) Es ist nickt wahr, daß 50,000 deutsche Israeliten versprochen haben, sich in Spanien nicderzulassen. ES ist dies ein abenteuerliches Gerückt, zu welchem nichts Veranlassung gegeben, und dessen Verwirklichung auch im günstigsten Falle nicht im Entferntesten wahrscheinlich ist. 2j Eine Gewiffensfteiheit, welche darin besteht, sich öffentlich zu feiner Religion nickt bekennen zu dürfen, keines der Hcilsmittel seiner Religion Herstellen und anwenden zu können, ist schwerlich eine Gewissensfreiheit zu nennen: denn die Gedanken konnte selbst die Inquisition nickt todrscklagen. 3) Der Vorthcil, den eine solche Verheimlichung seiner Religion verspräche, ist doch nur Schein, denn das geringste Wiedererwacken des religiösen Fanatismus oder das Aufkommen selbst einer nur schwankenden Partei würde, wenn nicht ein ausdrückliches Gesetz sic schützte, sie sofort wieder reckrslos machen. 4) Ist eö wahr, waS der Briefsteller schreibt, daß die Mittelclasse und LaS Volk in Spanien aufgeklärt seien; ist es wahr, daß der Staatsumändcrung in Spanien eine freifinnige Richtung zu Grunde liegt: so kann es nicht schwer fallen, in die Verfassung einen Paragraphen zu bringen, der die Gewiffensfteiheit unumwunden ausspricht. Sich mit Verheimlichung seiner Religion und ohne seinen CultuS üben zu können, in ein Land einzuschleichen, war nie die Sache der Juden. 5) Wir schließen daher aus dem ganzen Briefe, daß es eben nur wieder die Gcspensterfurcht des erbärmlichen BrodncideS ist, die uns auch in Spanien entgegentreten will. Es ist aber sicher gut, daß die „Zudenftage" auch in Spanien so „große Verhältnisse" angenommen, denn um so mehr wird sie auch dies Mal ein Prüfstein der Freisinnigkeit und des Fortschrittes, die Frage der allgemeinen Glaubensfteiheit! Aphorismen. Daß die Juden keine Tugendhelden sind, wissen wir so gut wie Jeder. Auch daß sie eigenthümliche Fehler haben. Es bleibt aber stets merkwürdig, wie sie, selbst bei der größten Uncultur, heruntergesunken auf die unterste Stufe der gesellschaftlichen Leiter, auch in den Ländern, wo sie selbst materiell dem größten Elend anheimgefallen, wie im Orient, dennoch vor groben Lastern und den scheußlichen Verirrungen der Menschennatur bewahrt geblieben. Jüngst berichteten die Zeitungen über eine, an Zahl große und weitverzweigte Mörderbande, die in Pera sder europäischen Vorstadt Konstantinopels) in jeder Nacht Dutzenden von Europäern das Leben und die Werthsachen nahmen, welche sie bei sich trugen. Nach ihrer Entdeckung erwies sich, daß die zahlreichen Mitglieder der schrecklichen Bande Italiener, Armenier und Griechen waren — aber kein einziger Jude. ES kann nicht zweifelhaft sein, daß die Quelle dieser größeren Sittlichkeit in der von Jugend auf genährten und innerhalb deS Gesetzes stets wach erhaltenen Gottesfurcht zu suchen. Die Vossische Zeitung berichtet über ein JahrcSfest deS christlichen Jeruialem-Vereins in Berlin. Der Divifionsprediger Strauß berichtete über die Wirksamkeit deS Vereins, und bemerkte unter Anderem: „Die Stadt ist in dem letzten Jahre namentlich durch HungerSnoth und Krankheit heimgesucht worden und ein Zchntheil der Einwohner find der Krankheit erlegen. Dessenungeachtet hat die Mission recht erfreuliche Fortschritte aufzuweisen und es find auch wiederum in dem letzten Jahre viele Juden getauft und in die Kirche ausgenommen worden."