Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1855-02-05 · Heft 6 (5.2.1855) · p. Seite 67

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
19 (1855)
Issue
Heft 6 (5.2.1855)
Date
1855-02-05
Page
Seite 67 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3225931-3225938--14386-3300019
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

67 ich zum Danke dafür verpflichtet, daß er gestern ausführlicher darüber gesprochen hat. Er hat gesagt, wer hier bei den wichtigsten Angelegenheiten des Staates urtheilen will, der muß fühlen und handeln, wie die Mehrzahl der Einwohner, die Christen, fühlt und handelt. So hat er die Sache aufgefaßt. Wenn, meine Herren, dieser Grundsatz richtig wäre, daß man Diejenigen, die nicht so fühlen und handeln, wie die Majorität im Staate fühlt und handelt, so müssen Sie vor Allem jede. Minorität ausschließen. Sie müssen aus jeder Versammlung Jeden ausschließen, der nicht so fühlt und handelt, wie die Majorität. Als neulich der Antrag bezüglich der Aufhebung der §§. 48 und 49 der II. Vcrfassungsbcilage in die Kammer gebracht wurde und Veranlassung zu einer der interessantesten Debatten gab, die ich je in diesem Hause erlebt habe, da waren die sämmtlichen geistreichen Mitglieder, die fich daran bctheiligt haben, darüber einig, was christlich, was christliches Princip sei. Einig waren sie aber nicht darüber, ob die Mitglieder dieser Rcligionsgescllschaftcn auch ohne äußeren Zwang den ihnen als Christen obliegenden Pflichten gehörig Genüge leisten. Darüber wurden verschiedene Anfichten laut. Einige nämlich haben behauptet, fie werden diesen Pflichten auch freiwillig Nachkommen, es brauche keinen Zwang dazu. Andere haben dem widersprochen und ich möchte fast sagen, die Anficht dieser ist durch den darauf erfolgten Kammerbeschluß gewissermaßen sanctionirt worden. Damals habe ich ganz lebendig daran gedacht, ob denn die Principicn, nach denen die Mitglieder der jüdischen Religionsgesellschaften fühlen und handeln, um mich des Ausdrucks eines geehrten Redners, wie schon erwähnt, zu bedienen, so verschieden seien von dem, was man hier als Pflichten des guten Christen aufstellt. Ich habe es nicht finden können, im Gegcntheil, ich habe gefunden, daß die Vertreter der christlichen Principien darüber uneinig waren, ob cs bei Mitgliedern der privilegirten Kirchengesellschaften nothwendig sei, einen Zwang für die Pflicht einzuführen. Dieses wäre bei Juden nicht nöthig; der Jude übt freiwillig und thatsächlich das, was als eine moralisch - christliche Pflicht geschildert wurde. Jeder, der Gelegenheit hat, fich um jüdische Verhältnisse zu kümmern, wird mir Recht geben. Ueberhaupt, meine Herren, mögen Rcligionsgesellschaften noch so viele neben einander bestehen, fie leben alle untereinander. Alle die guten Eigenschaften »der einen müssen nothwendig auf die andern einwirkcn, und ich habe die volle Ueberzeugung, und recht Viele in diesem Saale werden fie mit mir theilen, daß zwischen einem guten Nichtjuden und einem guten Juden am Ende kein großer Unterschied fei. Wäre das richtig, daß nichts destowcniger das Princip des Christenrhums fich auch in diesem wichtigen Gesetze aussprechen müsse, so würden wir zu endlosen Kämpfen und Resultaten kommen. Sie müßten fich vor Allem fragen: „Sind alle Christen gut?" Ein schlechter Christ ist am Ende nicht besser, als ein schlechter Jude, und der soll hier sogar besser sein, als ein guter Jude!? Es giebt überhaupt verschiedene Religionsgesellschaften auch im Christcnthum. Es giebt verschiedene, von denen jede daS Richtige zu haben glaubt. Sie alle streiten in Dogmen unter einander. Das wird so bleiben, so lange die Welt steht, aber ich würde es eine Anmaßung nennen, für eine Genossenschaft, wenn fie behauptet: „Wir haben allein das Gute," und wenn fie in ihrer Majorität behaupten wollte, die Minorität müßte ausschciden. Wohin würde Las führen? Das würde zu Kämpfen der Confesfionen selbst in der christlichen Kirche führen, die, ich bosse es, nach einem dreißigjährigen Kriege doch als beendigt zu betrachten find. Wer solche Grundsätze der Ausschließung hat, wie kann der jenes „heilige" Rußland anklagen, welches Alle für nicht berechtigt erklärt und unterdrückt, die nicht die Lehren bekennen, welche im orthodoxen Rußland ausgestellt find. Das „heilige" Rußland zieht in diesem Augenblicke ins Feld: „Den Stahl in der Faust, daS Kreuz an der Brust," um die „Ketzer" zu bekriegen; ihm find Ketzer alle christlichen Einwohner des übrigen civilifirten Europa's. Diese Grundsätze des christlichen Princips in einer solchen Zeit auszusprcchen, ich finde es nicht für rathsam. Wir leben in einer Zeit, von der man nicht weiß, was der nächste Tag bringt. Es ist möglich, daß wir in der nächsten Zeit alle Kräfte aufbieten müssen, um dieses „heilige" Rußland zu bekämpfen und uns seiner Glückseligkeit zu erwehren. Ich glaube, meine Herren, wenn die Mittel hiezu geschaffen, wenn die Soldaten gesammelt werden, die ihr Blut in diesem, ich sage, heiligen Kampfe zu vergießen haben, man wird die Juden nicht ausschlicßen, man wird ihre Steuern annchmen, ihre freiwilligen Beiträge, die vielleicht so groß sein werden, als die ihrer Nichtzlaubcnsgenossen. Man wird die jüdischen Soldaten auch nicht ausschlicßen, und wenn ich überhaupt noch im Zweifel wäre über das Resultat der Beantwortung dieser Frage, ich bin überzeugt, die Minister der Finanzen und des Kriegs würden diesen Zweifel losen. Also, meine Herren, es ist möglich,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.