Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 5 (29.1.1855)
- Date
- 1855-01-29
- Page
- Seite 59 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3225931-3225937--14377-3300009- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
59 keinem Mitglieds der jüdischen Gemeinde der willkürliche Austritt aus der Gemeinde gestattet werden könne, so lange er Jude und im Orte wohnhaft ist; daß die Entlassung eines Rabbiners ohne Mitwirkung der Regierung nicht erfolgen könne und daß die Vorschriften hinsichtlich der Verträge über Handlungen nicht unbedingt auf daS Verhältniß eines Rabbiners Anwendung finden, derselbe vielmehr einem Beamten gleich stehe, namentlich auch in sofern, daß ihm daS auSgefetzte Gehalt voraus zu zahlen sei; daß endlich die einzelnen Mitglieder einer jüdischen Gemeinde dem Dritten, welchem sie sich verpflichtet hat, pro rota haften, wenn gleich sie unter sich nach Verhältniß ihrer Verpflichtung zu den Gemeindebedürfniffen beizutragen haben. (Wir werden daS Erkenntniß in extenso mittheilen, da es von großer Wichtigkeit ist. Red. d. A. Z. d. I.) OesterreichLscher Kaiserstaat. Wien, 18. Januar. (Privatmitth.) Ich habe Ihnen gar nichts Neues mitzutheilen. Es bewegt sich nicht das leiseste Lüftchen, außer den Stürmen in der Natur, dem Wind, dessen Reich der Winter ist. Alles wartet, Alles hofft, die Einen auf Krieg, die andern auf Frieden; der Eine glaubt noch den Champagner zu trinken, um den er gewettet hat, für den Fall Sewastopols, der Andere lacht sich ins Fäustchen und zeigt auf daS, waS bis jetzt geschehen, oder eigentlich nicht geschehen ist. Wir Juden, wenn auch nicht hoffen, erwarten das Judengesetz. Die Einen mit Zuversicht auf die Weisheit der Regierung, die Andern mit Bangen vor den Elementen, die sich geltend machen können. ES ist nicht meine Sache, Conjecluren anzustellen, ich will Ihnen nur einen Zug aus der Situation mittheilen, in der sich das Publikum befindet. Seit längerer Zeit wünscht man bei der Regierung, daß eine jüdische Volksschule hier errichtet werde. So viel aber ist gewiß, daß die hiesigen Volksschulen, wie sie bisher bestehen, nicht als vortrefflich gepriesen werden können, und man könnte die Ueberzeugung haben, daß eine neu gegründete Volksschule viel besser würde.- Und wenn sie auch nur die negativen Vortheile besäße, daß sie den Fehlern aus dem Wege gehet, an denen die jetzigen Volksschulen laboriren, so wäre schon sehr viel gewonnen. Es liegt keine Eitelkeit und keine Anmaßung darin, wenn ich sage, daß wir Juden viel praktischer, einsichtsvoller und herzlicher zu Werke gehen. Es sind dies- Eigenschaften, die uns unsere Feinde selbst zugestehen, warum sollten wir sie leugnen? Es kommt ein zweiter wichtiger Grund dazu, der dafür spricht, und das ist der confessionelle Punkt. Die hiesigen Volksschulen find katholisch. Die Lehrbücher find katholisch, der ganze Geist, der da weht, ist katholisch. Wir Juden bieten als Antidot nichts mehr als drei Stunden Religionsunterricht in der Woche. Das Leben im Hause ist bekanntlich nicht vom jüdischen Geiste durchweht. Der Reiche lebt nicht jüdisch seines ReichthumeS wegen, und der Arme wegen der Armuth rsr-!«'' rw errrior-is arrb rrrp und sie halten sich daher an den Spruch von R. Akiba rin ‘jrao nar. Die Religionsschule aber kann mit dem besten Willen nicht mehr Zeit in Anspruch nehmen, weil die Schüler ohnedies durch daS Hin- und Hergehen viel Zeit vergeuden und die Stunden sich nicht in der Art anschließen, wie es wünschenswerth wäre. Dazu kommt noch, daß die Kinder durch den Besuch der katholischen Schulen vollgepfropft mir christlichen Anschauungen werden. Die Lehre von der Erbsünde, vom Teufel u. s. w. ist gang und gäbe. Ich habe mir erlaubt, blos zwei Punkte anzuführen, aber ich könnte noch eine ganze Masse hinzufügen, und doch ist die Stimmung in der Gemeinde dagegen und will nichts früher von jüdischen Volksschulen wissen, als bis sie von der Regierung befohlen werden. Die Ursache ist, man fürchtet den Separatismus und man will durchaus nicht die Hand dazu bieten, daß auch nur im Entferntesten von Seile der Juden eine Kluft angebahnt werde. Man macht wohl auch einen zweiten Punkt geltend, und das sind die Kosten. Aber der ist um so weniger stichhaltig, wenn man bedenkt, daß hier durchs Jahr Tausende an Arme verausgabt werden, da sind wohl „die Armen am Geiste" nothwendiger. Wie ich höre, soll nach unserem Pesachfeste der ConcurS für die Functionaire des neu zu erbauenden Tempels in der Leopoldstadt ausgeschrieben werden. Wenn ich recht unterrichtet bin, so soll in Betreff deS Predigers eine Reihe von Männern, die man dazu berufen halt, zu Probepredigten eingeladen werden. IST. 8. Wenn ich recht unterrichtet bin, so hat