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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1855-01-29 · Heft 5 (29.1.1855) · p. Seite 52

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
19 (1855)
Issue
Heft 5 (29.1.1855)
Date
1855-01-29
Page
Seite 52 (sequence 2)
Language
German
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52 pflichtungskraft dessen, was man Tradition mit ihrem Zubehör zu nennen pflegt, oder aber des Talmuds, der Rabbinen und Minhagim, sei. Von diesem Standpunkte aus hat nun die gesammte Richtung, welche wir der Kürze wegen das moderne Iudcnthum nennen wollen, sehr verschiedene Wege eingeschlagen. Beginnen wir von innen heraus, so heben wir zuerst diejenige Richtung hervor, welche den Grundsatz der geschichtlichen Entwickelung zu ihrem wesentlichsten Inhalte macht. Dieselbe will von dem bis dahin bestandenen Judenthumc durchaus nicht abschneiden, sie will fich nicht mit Ueberspringung der Jahrtausende auf den Boden des Prophetismus oder des Mosaismus zurückversetzen, sie will nicht das Antitalmudische, weil es wider den Talmud ist; sie will vielmehr die ganze Vergangenheit adoptiren, das Bestehende in seinen wesentlichen Formen erhalten, und angemessene Umbildung in seinem Bestände verjüngen, und ihm durch Entfernung alles Ueberstüsfigcn, Veralteten und Abgestorbenen neuen Raum zu kräftigem Wachsthum schassen, fie hat eine tiefe Achtung vor dem geschichtlich Herangcbildcten, nicht aber, weil es durch den Buchstaben vorgeschrieben, sondern weil es lebt, und so lange es lebt, cs ist ihr aber eben mehr darum zu thun, daß die religiöse Uebung Ausdruck der Gesinnung und des Gedankens sei und diese pflege und kräftige, als daß jene ihr Selbstzweck wäre — mit einem Worte: ihr ist das lebendige Bewußtsein der Religion die Hauptsache, der Geist und die That sollen corrcspondiren, und da dies, nachdem die Judenheit aus der Jsolirung herausgetreten und Bildung, Wissenschaft und allgemeines Leben in sich ausgenommen, innerhalb des Princips der Orthodorie und seiner Folgen nicht mehr möglich ist, so hat fie sich von demselben ftei gemacht, immer aber das geschichtliche Judenthum mit Kraft festhaltend. — Es ist nicht zu verkennen, daß diese Richtung im Einzelnen an Unsicherheit und Schwanken leidet. Sie wird in Detail eben so oft irgend ein Formales festhaltcn, weil eS einen tüchtigen Gedanken enthält, als auch ablehnen, weil dieser Gedanke abhanden gekommen. Aber diese Schwierigkeit besteht nur in der theoretischen Consequenz, während fie gerade vorzugsweise praktisch befähigt ist, daS Judenthum fortzuführcn, indeß die Extreme durch schroffes Verneinen die Eristenz des Ganzen gefährden. Es wird ihr gerade möglich sein, den Lehr- und Gcdankeninhalt des Judcnthums durchzuarbeiten, weil fie ihn nicht vernachlässigt, wie die vrthodore, noch ihn verflüchtigt, wie die ultrareformistische. Sic vermag es, das Judenthum mit der Begeisterung des Herzens aufzufassen, weil fie fich mit Geist und Leben in Uebereinstimmung weiß, und eben so weit von falscher Romantik, wie von humanistischer Nüchternheit ist. Gehen wir von dieser Richtung der geschichtlichen Entwickelung gleich zu ihrem Gegensätze im modernen Judenthume über, zur Ultra re form: so müssen wir noch folgende Erwägung anstellen. Auf orthodoxem Standpunkt ist das Judenthum vorzugsweise Gesetz, und dieses nach dem geschriebenen Buchstaben unbedingt verbindlich. In der eben gezeichneten Ansicht ist das Gesetz nur Ausprägung und Bethätigung des Gedankens, und hat nur Werth, in wie weit der Gedanke wirklich darin vorhanden ist; das Gesetz ist demnach im Allgemeinen der Strömung des Gedankens unterworfen. Sie erkennt aber wohl an, daß hinwiederum der Gedanke ohne Bethätigung vermittelst des Gesetzes weder Kraft hat, ein religiös-sittliches Leben zu erwirken, noch dauernden Bestandes sich crfteucn kann. Sie erkennt ferner an, daß die Offenbarung im Mosaismus sofort für die gcoffenbarte Lehre und deren Strömung tiefe Betten abgesteckt hat, welche niemals verlassen werden dürfen, ohne die Lehre zu gefährden und zu verkümmern, daß demnach die großen Gesetzesrichtungen der Schrift nicht aufgegcbcn, sondern in jeder Phase des Judcnthums zu neuer und kräftigerer Geltung geführt werden müssen. Ganz anders nun die Ulrrareforur, welche jedes religiöse Gesetz verwirft, wenn sie auch dem Individuum Dies oder Jenes zu halten gestattet, welche den Inhalt der Religion nur in der allgemeinen Lehre und dem allgemeinen Sittcngesctz findet, aber auch diese der modernen Kritik unbedingt überweist. Selbstredend hat ihr das bestehende Iudcnthum nur den Werth, daß aus ihm als Boden jene allgemeinen Lehren formulirt herausgewachsen, und da fie der Religion alle bestimmte Einwirkung auf Leben, Gesellschaft und Staat abspricht: so steht fie der ganzen Geschichte des Judenthums nicht minder wie dem Mosaismus selbst geradezu feindlich gegenüber. Mag fie daher in einer Zeit religiöser Erschlaffung mehr Personen befassen, als fich äußerlich zu ihr bekennen, so steht fie doch aller religiösen Belebung so weit ab, daß fie so wenig wie die stabilorthodore Richtung ftir die Zukunft des Judenthums eine große Bedeutung hat. Innerhalb dieser beiden Gegensätze im modernen Judenthum findet fich nun noch mitten inne stehend eine dritte Richtung, welche man vorzugsweise die ästhetische nennen könnte. Wenig Principielles enthaltend, ist es dieser vor Allem zu thun, das Judenthum von jenem Geschmackwidrigen zu befteien, *unb es überall geschmückt

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