Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1855)
- Date
- 1855-01-22
- Page
- Seite 47 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3225931-3225936--14364-3299995- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
47 Verhandlung dieser Angelegenheit ernannt. ES bestand auS fünf Christen und einem Israeliten, NamenS David von Semo. Obgleich die Geschichtsschreiber dieses Namens nicht Erwähnung thun, ist doch die Thatsache sicher, da das Originalpergament, welches die Concessionen seitens Venedigs an die Insel enthält, den Namen David von Semo in sich schließt. Gegen Ende des fünfzehnten Jahrhunderts flüchteten sich mehrere israelitische Familien, auS Spanien und Portugal verbannt, nach Korfou und hoben den Handel der Insel auf'S Bedeutendste. Die Heilkunst ward fast nur von ihnen auSgeübt. Bei mehren Gelegenheiten bewiesen die Israeliten ihre Anhänglichkeit an ihr neues Vaterland durch die Art und Weise, mit der sie sich seinen Vertheidigern anschlossen, wenn eS angegriffen wurde. Aber nach und nach stellte sich eine Veränderung ein: die Verfolgung und der Druck begannen und daS Schicksal der Juden wurde dasselbe aller anderen unterdrückten GlaubenSgenossenschasten. Dieser Stand der Dinge dauerte bis an das Ende des achtzehnten Jahrhunderts, wo die Franzosen die Insel einnahmen und die Grundsätze der Freiheit und Gleichheit proclamirten. In dieser Zeit übertrug man öffentliche Aemter mehreren Israeliten. AlS man 1815 die Republik der Sieben Inseln wiederherstellte, verloren die Israeliten die Rechte wieder, die sie unter der franzöfischen Herrschaft genoffen. Sie wurden freilich nicht in den Zustand der Knechtschaft zurückgeführt, in welchem sie die fürstliche Republik gehalten, aber sie fühlten nicht weniger peinlich den Zustand der Erniedrigung, in dem sie sich befanden, nachdem sie die Früchte der Freiheit während einiger Jahre gekostet hatten. Die Israeliten von Korfou hatten auch den Haß und die Vorurtheile ihrer griechischen Mitbürger zu erdulden. Die Engländer intervenirten wohl einige Male, aber konnten nicht immer Gewaltthätigkeiten, ohne Grund und Ursache auSgeübt, verhindern. Ihre politische Lage ist ganz ausnahmsweise. Sie find ausgeschlossen von öffentlichen Aemtern, vom Advocatenstande und nicht zulässig, bei den Repräsentanten-Wahlen zu votiren. Man läßt sie übrigens zu als Jnterveniente, eine Classe in der Art der Advocaten und die außerordentlich eifersüchtig auf die Privilegien ihres Gerichtes find. Mehre Israeliten haben dieses Amt mit Ehren bekleidet. Ungeachtet dieser Bedrückungen schreiten die Israeliten vorwärts. Ihre öffentliche Schule, unter der Aufsicht ihres Groß - Rabbinen Im. Kazan, ist in vortrefflichem Zustande. Sie ist von ungefähr 200 jungen Leuten besucht, denen man Hebräisch, Italienisch, Griechisch, Arithmetik u. s. w. lehrt. Die Israeliten allein bestreiten die Kosten dieser Schule. Die Erziehung der Töchter der unteren Classen ist sehr wenig gepflegt, mehr übrigens aus Nachlässigkeit als auS Mangel an hinreichenden Mitteln. Die jüdische Bevölkerung Korfou's beträgt ungefähr 4000 Seelen und bildet beinahe das Viertel der ganzen Bevölkerung. Sie giebt der Stadt nicht den geringsten Gegenstand der Klage. Wir führen als Beweis an, daß niemals ein Israelit eine bürgerliche Bestrafung erlitten. Selten enthalten die Gefängnisse einen jüdischen Gefangenen und seit zwei Jahren hat man keinen unsrer Glaubensgenossen darin gesehen. Der größte Theil der Israeliten von Korfou sind Schneider, Krämer, Trödler oder Lastträger. Man zählt außerdem unter ihnen auch Acrzte, Advocaten, Rechtsconsulenten, Kaufleute und Geschäftstreibende aller Art. ES sind viele Handwerke, von denen sie die Eifersucht der Griechen ausschließt. Die Frauen sind Wäscherinnen oder arbeiten mit der Nadel, stricken Strümpfe und verfertigen Kleider, in welchem letzteren Handwerk sie ein bedeutendes Talent entwickeln. Es giebt unter ihnen auch einige gelehrte Frauen. Die Israeliten von Korfou find in zwei große Gemeinden getheilt, die Griechen und die Italiener; die letztern sind die bei weitem zahlreicheren. Sie haben nur als Gemeinsames die öffentliche Schule und sind vollständig unabhängig eine von der anderen in allen übrigen Beziehungen. ES eristiren auch zahlreiche Vereine zur Hülfe der Armen; waS die Cultuslocale betrifft, so giebt eS deren drei große und zwei kleine; sie find nicht in guter Ordnung. Indessen hat sich neuerdings eine kleine Synagoge gebildet, wo die Mißbräuche, über die man sich beklagte, abgeschafft sind, und die ohne Zweifel die anderen mit erheben wird. Die Gebete werden dort mit Anstand gesagt und man hat daselbst den Verkauf der Mitzvoth abgeschafft, indem der Ertrag durch die Gemeinde aufgebracht wird. — 4