Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1855)
- Date
- 1855-01-22
- Page
- Seite 42 (sequence 4)
- Language
- German
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42 der Gemeinde verhinderte. — Wir wurden Bet der Lesung deS Berichtes in den öffentlichen Blättern hierüber lebhaft an daS erinnert, was wir zu einer Zeit, als die sogenannten freien Gemeinden im höchsten Flore waren, auf's Bestimmteste in diesen Blättern auSsprachen. DaS Princip unbedingter Geltung der Individualität kann dem Individuum als solchem nicht streitig gemacht werden, aber als Princip einer Gemeinsamkeit ist eS ein reines Unding. Die Gemeinsamkeit setzt etwas Gemeinsames voraus, und dieses Gemeinsame muß in bestimmten, von Anderen sich unterscheidenden Sätzen bestehen; wenn nun solche die sogenannten freien Gemeinden aufstellen weder wollen, noch können, so ist offenbar ihre Gemeinsamkeit nur eine äußerliche, welche nothwendig in kürzerer oder längerer Zeit zur Auflösung führen muß. Man hat nämlich gesagt, daß diese unbedingte Geltung der Individualität daS Princip ihrer Gemeinsamkeit sei — aber dies ist eben die Kurzsichtigkeit, denn diese Freiheit an sich ist inhaltslos, und sobald sie bestehenden Einrichtungen und Gesetzen gegenüber durchgefochten ist, ist sie nichts mehr, und muß die Frage nach irgend einem Inhalte nothwendig kommen, eine Frage, deren Beantwortung die Sclbstauflösung jener Gemeinden ist. ES ist daher nicht einmal eine Ironie auf jenes fingirte Princip, daß der Atheist Sachse, also der weitestgehende Verfechter jenes PrincipS. den am Worte „christlich" festhaltenden Uhlich zum Austritt aus der freien Gemeinde nöthigen will, sondern die uothwcndigste Folge: der noch christliche Uhlich kann eben so wenig mit dem Atheisten Sachse, wie der Atheist Sachse mit dem noch christlichen Uhlich in einer Gemeinsamkeit sein. Da jedoch zwischen Sachse und Uhlich noch eine Menge Mittelstufen find, so ist cS klar, daß auch diese mit der Zeit sich geltend machen und abscheiden müssen. — Dies war es ungefähr, was wir damals sagten und was sich durch die Thar bestätigte. Nur noch eine Bemerkung. Wir müssen hinsichtlich unsrer religiösen Ueberzeugung nie vergessen, daß wir sie entweder einer geschichtlichen Gemeinsamkeit verdanken, oder aber nichts dafür haben, als die Erweise unsrer eignen schwachen und schwankenden Vernunft. Es kann daher bei allen gewissenhaften Menschen, denen Selbstüberhebung ein Dorn im Auge ist, keine Frage sein, daß eS auch für das Individuum von höchster Bedeutung ist, eine große Gemeinsamkeit sstr seine religiösen Ueberzeugungen zu haben und sich ihr vertrauensvoll hinzugeben, so weit die Individualität, deren sich Niemand ganz entäußern kann, gestattet. Dies ist die Beweiskraft, welche in einer viertausendjährigen, ununterbrochenen Geschichte beruht, daß man sich nicht bloS auf sich selbst stellt, sondern sich in der Gemeinsamkeit der Anschauungs- und Gefühlswcise mit diesen zahlreichen Geschlechtern weiß. In diesen Tagen erhielten wir direct per Post daS Werk eines 94jährigen Greises, des Vicepräsivcntcn vr. jur. Schaab zu Mainz: „Diplomatische Geschichte der Juden zu Mainz," welches er so eben vollendet. In dem Vorwort spricht er sich in bemerkenswerther Weise über die Juden aus, und wenn er auch, wie sich von selbst versteht, zuletzt zu christlichen Schlüffen kommt, so find doch einige seiner Sätze auch hier am rechten Orte. Er beginnt: „Wem es noch nicht klar geworden ist, daß die Weltgeschichte erst ihr rechtes Licht und Verständniß unter dem religiösen Gesichtspunkte gewinnt, der dürfte dies doch nicht wohl bei der Geschichte der Juden abzuleugnen vermögen; ja diesen Standpunkt ausgeschlossen, bleibt ihre Geschichte völlig unbegriffen." Man erinnere sich, wie oft wir eine solche Mahnung denen zuriefcn, welche jüdische Geschichte schreiben. — Er fährt fort: „Beispiellos steht das Volk der Juden in der Weltgeschichte da, und, obwohl klein an Zahl, ist es dennoch groß durch seinen erhabenen Beruf, als vorzugsweiser Träger der höchsten Wahrheit, mitten durch das Dunkel der von Jrrthum und Laster umnackteten Völker des Alterthums, groß durch seine Verfassung, groß durch seine humanste aller alten Gesetzgebungen, groß durch das zähe Festhalten an seiner Ucberzeugung, ausdauernd in Bedrückung, Verfolgung und Drangsalen aller Art." — „Dem tiefen, redlichen Forscher dürfte nicht leicht entgehen, daß die Geschichte der Juden die Geschichte der Menschen und für die Menschheit von höchster Bedeutung sei. Wohl führt Gott alle Völker, aber nirgendswo leuchtet der leitende Faden der Vorsehung so augenfällig, so stetig durch, und bei keinem Volke liegt die göttliche Führung so urkundlich nachweisbar der Menschheit vor, als bei dem auserwählten, auserwählt zu hoher Bestimmung." — Ferner: „Wir finden die Abrahamiden unter Druck und Leiden ihre Geschichte im fremden Aegypten beginnen, aus welchem sie der allgewaltige Jehova wunderbar heraus-, einer höhern, einer doppelten Bestimmung entgegenführte. Einmal der der eigenen Erziehung und Bildung, weiterhin aber und vorzüglich in Aufbewahrung und praktischer Durchbildung der reinen Erkenntniß des Einen urlebendigen, urwesentlichen Gottes und aller damit verknüpften beglückenden Wahrheiten, um solche durch dieses Volk der verirrten und tiefgesun-