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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1855-01-22 · Heft 4 (22.1.1855) · p. Seite 40

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
19 (1855)
Issue
Heft 4 (22.1.1855)
Date
1855-01-22
Page
Seite 40 (sequence 2)
Language
German
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40 Orthodoren zahlt, ohne in ihrer Intelligenz dahin zu gehören. Sie ist vorwärts geschritten, aber in ihrem Innern bedauert sie dies; sie hat ein Maß neuerer Formen angenommen, aber sie hat von Zeit zu Zeit Gewiffensbissc darüber, weil ihr Gefühl am Alten hängt, und weil sie ahnt, daß der Strom der Neuerung, ist ihm nur die geringste Oeffnung gewährt worden, nicht zurückgehalten zu werden vermag. Sie hat sich daher vorzugweise nicht auf die Geschichte, denn diese versteht sie nicht zu begreifen, sondern auf die Literärhistorie geworfen, auch hier nicht begreifend, daß die am Einzelnen geübte Kritik sich bald auch an das Große und Ganze wagt. Es versteht sich von selbst, daß diese Richtung, in ihrem Schwanken und Formlosen, während sie nach der Anerkennung Aller strebt, von Allen verleugnet wird, wenn auch ihre Produkte im Einzelnen, wie billig, gewürdigt werden. — Abscitcns dieser nun finden wir, immer noch auf orthodorcm Gebiete, noch zwei sich widersprechende Richtungen. Die eine ist cs, welche neuerdings mit dem . Namen „Neuorthodorie" belegt worden. Es ist die Orthodoxie im Glacehandschuh, mit weißer Eravatte, wohl: rafirt und mit frifirtem Haar. Sie will noch ein alte-; reS Judenrhum, als däS alte, talmudischer sein. alS der Talmud, und den Schulchan - Aruch mit noch einem Schulchan-Aruch umgeben; sie will dabei einen neuen Geist in: die alte Satzung senken und statt diese einfach zu üben, sie auf ein Martcrbett der Interpretation strecken, daß der kleinste Brauch nicht mehr als eine Verästelung des gro-! ßen Gesetzstammes, sondern als eine Offenbarung des Welt-: geistes erscheine, wenn sie sich am Chol hamond nicht' zwickt, so soll dies nicht ein einfacher abgeleiteter Brauch sein, sondern eine Offenbarung der festen Männlichkeit und tugendhaftester Beharrlichkeit. — So schwillt unter ihren Händen die einfache, demüthige Orthodoxie zu einer Welt voll Schwulst, gespreizten Dünkels und barocker Phan-: taste an. Alles dies verhindert aber nicht, daß sic nicht' mit allem Glanz der Welifitte, mit allen Genüssen und! Praktiken deS LebenS sich versieht. Alles moderne Leben? verleugnend, will sie doch modern leben, alle Bildung ver-l werfend, will sie doch gebildet erscheinen, und läßt'sich; die-Erzeugnisse der Bildung wohlschmecken. Diese Rich-i tung ist cs, welche sich neuerdings zu eurer Partei gemacht, welche, sich als die alte Orthodoxie vorgebend,; und als die Stütze der Religiosität sich vorschiebend, nach' politischer Macht strebt, polizeiliche Gewalt zu erlangen sucht, und Zwangsmaßregeln' aller Art nicht scheut, ' ttmi alle Andersdenkenden zu unterdrückendiese isteS,' welche^ den alten Wahlspruch: „Wer nicht mit mir ist, ist wider mich," angenommen, nichts danach früge. Tausende aus dem Judenthum hinauszudrängen,üdipse, welche das.Schwert jener alten Zeloten fhhren "mochte^ das in dem von^Römern umlagerten Jerusalem unter den eigenen Stammesbrüdern wüthete. Es wird daher gar nicht auffallen, wenn diese Partei sich eine Menge Anhänger gefallen läßt, die in ihrem persönlichen Leben auch nicht im Entferntesten den Grundsätzen und Vorschriften derselben Nachkommen, sondern aus den verschiedensten Motiven ihr nur helftn, ihre Gegner zu bekämpfen. Aber wir sind hiermit noch nicht zu Ende. Gerade dieser Neuorthodorie gegenüber steht noch eine andere Richtung, die wir kurz mit dem Schlagwort bezeichnen können: „Alles mit dem und nichts ohne den Talmud." Diese Ansicht glaubt auf dem Boden des Talmuds und mit Hülfe desselben reformiren zu können. Sie will in ehrlichster Weise das talmudische Judenthum festhaltcn, indem sie aber nachwcist, daß die bis jetzt gültigen Formen nicht die alleinigen sind, welche der Wortlaut deS Talmuds fordert, indem sie sich überhaupt in die Zeit versetzt, wo die Formen noch flüssiger waren, will sie, mit dem Talmud in der Hand, andere Formen, welche unserer Zeit mehr entsprechen, autorisiren. Es ist nickt zu leugnen, daß sich hier manches überraschende Resultat finden läßt; aber eben so wenig ist zu verkennen, daß noch öfter dem Geist und der Tendenz des Talmuds Zwang angethan wird. Man wird mit dem Buchstaben billigen, was dem Gedanken widerspricht. Man erweist;. B., daß der Talmud das Orgclspiel am Sabbath beim Gottesdienst buchstäblich nicht verboten habe; kann man aber erweisen, daß Instrumentalmusik bei unserm Gottesdienste und Musiciren am Sabbath den bisherigen Einrichtungen und geltenden Ansichten nicht widerspreche? Und ist man noch orthodox, indem man so vollständig mit der bisherigen Denk- und Fühlsweise bricht?... Ueberhaupt ist eS eine mißliche Sache, fortzuschreiten, indem man sich auf den Boden ftüherer Jahrhunderte zurückversetzt, und die moderne Bildung mit Ueberspringung dazwischenliegender Jahrhunderte an die Vorzeit zu knüpfen. (Schluß folgt.) Wer Wiedereintritt der Juden in Spanien. In diesen Tagen erhielten wir direct von Madrid eintn 'Brief, datirt den 1. Januar, unterzeichnet vr. D.

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