Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1855-01-15 · Heft 3 (15.1.1855) · p. Seite 36

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
19 (1855)
Issue
Heft 3 (15.1.1855)
Date
1855-01-15
Page
Seite 36 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3225931-3225935--14352-3299982
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

oder des Schneewassers hinauf, droben stehet ein Thurm mit 140 Stufen, wir ersteigen ihn, endlich treten wir auf die Plattform hinaus. Welch ein Rundblick.' Ich stehe auf dem Auslauf des Schwarzwaldes, den der Neckar vom Odenwalde trennt. Nach Osten zu schau' ich hinein in ein unendlich Gewirre von bewaldeten Höhen bis in die rauhe Alp, den Katzenbuckel, die höchste Spitze des Odenwaldes, den Meliböus, den höchsten Punkt der Bergstraße. Nach Westen aber liegt der ganze Rheingau vor mir, von Straßburg an verfolgt mein Blick seinen Lauf bis Mannheim, ich sehe den Neckar in den Rhein münden, ich erblicke die Thürme von Speyer, den Donnersberg jenseits des Rheines — ich schaue tief unter mir: Heidelberg, wie seine Straßen und Häuser zwischen dem Fuße des Höhenzuges und dem Ufer des Neckars fich hindurchdrängen, die schöne Brücke spannt ihre Bogen über die Silbergluth des breiten Flusses — nur ein Glanzpunkt Heidelberg's ist von den niederen Höhen verdeckt, seine Schloßruine_ Sicher, ihr guten Deutschen, wenn ihr schöne, reiche Landschaften mit Höhen und Niederungen, mit Seen und Strömen genießen wollt, ihr brauchtet die Grenzen der deutschen Zunge nicht zu überschreiten. Und nun, lebe wohl, mein Leser, habe Dank für Deine Nachsicht — ich wollte, es wäre die Aussicht da. Dir bald mit anderen Skizzen aufwarten zu können. vr. Lilieuthal's Aufenthalt in Rußland. II. New - Aork. Wir traten durch die Thore der mächtigen Festung, gingen an einer langen Reihe von Soldatenhäusern vorüber und traten in einem derselben in das Zimmer des Gabbai, welches in dem ersten Stockwerk lag. Das Zimmer überraschte mich in jeder Hinficht. Ich vcrmuthcte einen armen Mann zu finden, der, mit 18 Rubel jährlichem Einkommen, unfähig war, außergewöhnliche Ausgaben zu bestreiten. Aber gerade das Gegentheil; das Zimmer war reich geschmückt, silberne Becher zum Kiddusch, silberne Löffel und Gabeln zierten den Tisch, welcher mit einem reinlichen und feinen Tischtuch gedeckt war; die Frau des Soldaten trug Juwelen um den Hals, war sehr nett gekleidet und Alles zeigte Wohlhabenheit und Freundlichkeit. Es darf aber nicht angenommen werden, daß dies bei allen jüdischen Soldaten in Rußland der Fall ist, größtentheils find sie mit solchem Lurus unbekannt, aber die Frau unseres Gabbai (die russischen Soldaten find meistens verheirathet) war sehr unternehmend, sie hatte einen Haufirhandel mit einigen aristokratischen Häusern und hatte ein Vermögen von einigen tausend Rubeln Banco erlangt. Nachdem wir ein sehr reichliches Mahl eingenommen hatten, zeigte uns der Gabbai die Bücher der Gabronimgesellschaft und die Siegel, auf welchen die hebräischen Buchstaben b 'n 'n einzegraben waren, welche zu entziffern er unfähig war. Ich erklärte es ihm als N2L?b sbn, welche Erklärung ihn und die andern Soldaten, welche fich während unseres Abendessens versammelt hatten, in so hohem Grade erfreute, daß sie mich zu der Hochzeit eines Soldaten einluden, welche nach talmudischcm Gebrauch am folgenden Mittwoch statt hatte, und daß sie mich am nächsten Sabbath zu einer ihrer Synagogen führen wollten. Ehe ich das Tisch-Gebet sprach, hatte ich ihnen ein Capitel aus der Mischna zu erklären, in welcher einige von ihnen ziemlich bewandert schienen. Nach dem Abendessen begann eine Unterhaltung über einige biblische Gegenstände, und als von dem Messias die Rede kam, rief Einer in seiner Begeisterung, daß in dieser fernen, glorreichen Zeit ein Jude fähig sein würde, eine ganze Armee mit seinem kleinen Finger zu tödten. Dieser Ausruf zeigte deutlich genug den Grad auf dem religiösen Barometer der russischen Juden. Ich verließ meinen Wirth sehr befriedigt, welcher beiläufig mich vor zwei Monaten in New-Nork besuchte, denn er war nach Amerika gegangen, nachdem er seine Frau verlassen hatte. Ich erwartete den nächsten Mittwoch mit großer Neugierde, und um 6 Uhr Abends besuchten mich zwei Soldaten von der kaiserlichen Garde, um mich zu der Hochzeit zu begleiten, welche in den Häusern des Brebraskenki-Regimentes stattfand. Der Oberst hatte freundlich einen der großen Säle zu der feierlichen Gelegenheit gegeben, in welchem ich 50 — 60 Soldaten von den verschiedenen Regimentern der Hauptstadt in ihren verschiedenen reichen Anzügen fand. Eine gute Mufikbande, aus Soldaten bestehend, spielten einige schöne Stücke, ehe die Ceremonie begann. Dann schwieg die Musik, ein Soldat, welcher den Ceremonienmeister machte, trat hervor, von einem Soldaten, der die Fiedel spielte, begleitet. Er begann eine lange Predigt in Versen an die Braut gerichtet, welche unter den gegenwärtigen Frauen auf einem Backttog saß, als Symbol zukünftigen Reichthums und Ueberflusses. Die Predigt ermahnte die Braut, die schönen Tage, welche sie als Jungfrau verlebte, zu ver-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.