Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 3 (15.1.1855)
- Date
- 1855-01-15
- Page
- Seite 37 (sequence 11)
- Language
- German
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37 lassen, erinnerte sie an die heiligen und wichtigen Pflichten eines guten Weibes, erfüllte sie mit Vertrauen auf GotteS sorgende Vorsehung; während dieser Ermahnung, die in dem verdorbensten hebräisch-deutschen Jargon gegeben wurde, zerfloß die junge Braut in Thränen. In der Zwischenzeit schnitten die Frauen ihre schönen Flechten ab, schoren ihr Haupt ganz, salbten es mit etwas Honig, hüllten es in eine Art Spitzenmütze und schmückten es dann mit dem gewöhnlichen Turban. Als diese vorläufigen Ceremonien beendet waren, wurde die Chupa in Ordnung gebracht, große Wachskerzen angezündet, zuerst der Bräutigam und dann die Braut wurden unter die Himmeldecke geführt. Die Braut wurde dreimal um den Bräutigam geführt, während die Musikanten eine andere schöne Weise spielten. Die gewöhnlichen Segnungen wurden dann nacheinander gesagt, wonach das Brautpaar, welches den ganzen Tag gefastet hatte, etwas genoß. Das Abendessen wurde dann auf den schön geschmückten Tischen aufgetragen, an deren einem die Männer, an dem andern die Frauen Platz nahmen. Der Officier, welcher die Wache hatte, kam herein und brachte seine Gratulation dar, wodurch der arme Bräutigam sich sehr geehrt ssihlte. Als das Abendessen beendigt war, erhob sich einer der Soldaten auf seinem Stuhl und proclamirte die verschiedenen Geschenke, die dem armen, jungen Paare dargebracht wurden. Zuerst "L«, und da hatten die gutherzigen Soldaten alle zu dem Haushalt einer kleinen Familie gehörigen Dinge beigctragen: Stühle, einen Tisch, Leuchter, Gabeln, Messer u. s. w.; und dann ns«, und die Frauen reichten einige Bcttstücken und Bettzeug. Kleider und Röcke dar, um eine Art von Mitgift für die Braut des armen Soldaten zu verschaffen. Ich fühlte mich sehr gerührt über den Edelsinn und die Wohlthätigkcit dieser jüdischen Soldaten, welche, größtcntheils selbst arm, fteigebig ihr Scherflein zu dem Wohlbefinden ihres Gefährten beitrugen, und sich glücklicher und befriedigter fühlten, als ich seit lange Juden gesehen hatte. Als das Gebet gesprochen war, begann der Tanz. Die Musikbande spielte wieder einige Walzer von Strauß und einige russische Melodien und die ganze Gesellschaft amüfirte sich königlich bis Mitternacht. Dann begann der Brauttanz. Der jungen Frau ist, ehe sie sich zur Ruhe begiebt, erlaubt, zum letzten Mal mit allen gegenwärtigen Männern zu tanzen, und Jeder machte gern von diesem Privilegium Gebrauch. Dieser Tanz dauerte ungefähr eine halbe Stunde, dann zog sich das glückliche Paar zurück, die Gesellschaft zerstreute sich, und ich ging nach HauS, hoch erfreut über das Glück, welches ich unter meinen armen Glaubensbrüdern angetroffen hatte. Alle diese Scenen, auf die ich ganz unvorbereitet war, da ich nichts als das tiefste Elend zu finden erwartet hatte, erregten meine Neugierde auf den Gottesdienst am nächsten Sonnabend. Früh am Morgen kam ein Soldat nach meinem Hause, um mich nach der Synagoge zu begleiten, welche in einem der Artillcriehäuser war. Der Soldat war eine äußerst schöne, männliche Erscheinung, und ich war erstaunt, zu sehen, welche Menge schöner Männer die russische Militärdisciplin aus den polnrschen Juden gemacht hatte. Wir traten in ein großes Zimmer, mit einem glänzenden Aron hakodcsch, einer großen Bimah und einer Menge Stühle geziert. Soldaten von verschiedensten Regimentern waren darin versammelt. Als der Gottesdienst begann, nahmen sie ihre Helme ab und zogen den Talith über den Kopf, und da der polnische Jude nicht gewöhnt ist, Gebete zu sprechen, ohne einen Gürtel um sein Kleid zu binden, banden sie an der Stelle von Gürteln ihre Taschentücher um ihre Uniformen. Ein Soldat, welcher den Dienst als Ehasan versah, las die Gebete mit vieler Frömmigkeit, wie sie selten in den andern Theilen Europa's gefunden wird. Die Thora wurde mit vieler Genauigkeit verlesen, die Soldaten, welche aufgerufen wurden, brachten ihren wohlthätigen Heller dar. Aber ehe die Kcduscha des Mnsaph gesagt wurden, sandten sie nach ihren Brüdern, welche selbst am Sabbath in der tieferen Etage in der ArriUcricschmicdc arbeiten mußten. Sie kamen auf einige Minuten von ihrer Arbeit, und mit geschwärzten Gesichtern und Händen, im Werkanzuge riefen sie drei Mal Kadosch mit solchem Eifer, daß ich tief gerührt war, als ich sah, wie sie zu ihrem himmlischen Vater riesen, ihnen die Verletzung des Sabbaths zu vergeben. Nach dem Gottesdienste wurde ich von dem Soldaten in die Häuser eingeladcn, um Kiddusch zu machen. In jedem Zimmer wohnten drei oder vier Familien, jede besaß ein Bert, mit Vorhängen bedeckt, und einige Vorrärhe. Die Männer setzten sich nieder, reichten Branntwein, und nachdem ich den Kiddusch gesprochen hatte, ging die Frau fort und brachte Schalit. Ich blieb bei ihnen, sie sangen ihre Semiroth, und einer der Soldaten erklärte einige Capitel aus der Mischna, ehe. gebetet wurde. Nachdem ich einige ihrer Kinder gesegnet hatte, die sie mir brachten, verließ ich sic sehr erbaut, und überzeugt, daß der Kaiser keine leichte Mühe haben würde, diese braven und religiösen Männer zu der griechischen Kirche zu bekehren. (Forts, folgt.)