Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 3 (15.1.1855)
- Date
- 1855-01-15
- Page
- Seite 35 (sequence 9)
- Language
- German
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S5 schweifung in unerhörtem Maße, und alle mögliche Versuchung zu diesen sich zusammenfinden?... Wir geben eS zu, und waS man noch dergleichen sagen kann, ist Alles wahr. Aber zuerst, wo viel gesündigt wird, wird auch viel Lugend geübt, da ist auch viel Kampf und gewiß auch viel Uebcrwindung; und wie auf einem Schlachtfelde viel Tod und Niederlage, ist eben daselbst auch viel Tapferkeit und Sieg. Zweitens muß ich gestehen, daß ich von der Tugendhaftigkeit der Dörfer und kleinen Städte nicht sehr überzeugt bin. Was ich von diesen im Allgemeinen immer gewahrt und gehört habe, hat mir nicht den besondersten Begriff beigebracht. Die Leerheit, der Mangel an aller fcinern Beschäftigung, an aller edlern Zerstreuung, an allen hinreißenden Lebensmotiven laßt da in der That die Geister noch tiefer finken und in's Materielle fich rein „hineinessen." Vergleicht man endlich Paris mit anderen größeren Städten, so hat man mir oft genug verfichert, daß cs in manchen Beziehungen noch den Vorzug verdient, daß die öffentliche Sittenpolizei viel strenger gehandhabr wird, als anderswo, daß namentlich unsere norddeutschen größeren Städte trotz der gerühmten „deutschen Sittlichkeit" dahinter zurückstehen. Ich betrachte vielmehr die Sache so. Der Mensch trägt in seinem Innersten den unwiderstehlichen Trieb,;u individualifiren. Schaffe eine Stätte, wo die Tausend Millionen Menschen, die auf der Erde leben sollen, sämmtlich zusammen find, schaffe ein öffentliches allgemeines Leben, an dem Alle Theil nehmen, schaffe eine Gemeinsamkeit, wie sie die Spartiaren in Lacedämon hatten, die ihre „schwarze Suppe" zusammen aßen, und ihre Kinder zusammen erzogen — immer wird jeder Einzelne sich seine besonderen Verhältnisse bereiten, er wird sein privates Leben führen, er wird sein — Familien - und Personal - Heiligthum haben. Und darum ist ja aller Communismus und Socialismus eine wahnsinnige Verirrung unsrer Zeit, und das Gesetz Mosis allein ist es, welches nebst möglichster allgemeiner Ausgleichung das Individuum vollkommen berechtigte. Ihr findet mitten in der großen Strömung von Paris die Familie und das Individuum eben so wieder, ja eben so abgeschlossen, eben so mit ihren Interessen, ihren Wünschen und Hoffnungen, ihren Strebungen und Erfolgen beschäftigt, in allen ihren Nuancen und Färbungen, wie — an anderen großen und kleinen Plätzen. In dem großen Paris bildet fich Jeder eben so seinen nächsten, nähern und weitern Kreis, lebt mit den Seinigen und seinen Nachbarn ein besonderes Leben, wie anderswo auch. Nun aber die andere Seite. Wo neben diesem besondern Leben der Einzelnen, und als höchste Blüthe aus demselben, fich ein großes allgemeines Leben in Wissenschaft, Kunst, Industrie, Politik gebildet hat, wo das Individuum angespornt, befähigt, erhoben wird, an demselben seinen lebendigen Antheil zu nehmen, dieses als Ocean anzusehen, in welchen alle besonderen Ströme, Flüsse und Bäche münden, und aus welchem die großen Nebel aufsteigen, welche als Regen über das Land ziehen und es befruchtenda erst entwickelt fich der Mensch zum Höchsten, und hört auf, das Geschöpf zu sein, welches auf ein großes Blatt gesetzt ist, nur um zu zehren und seine Larven hineinzuspinncn. Wenn aber für den Menschen von Geist und Thcilnahme ein solches Allgemeinleben im Geiste eristirt, so daß er an jedem Fleck der Erde daran Theil zu nehmen vermag, so bedarf es doch großer Werkstätten, wo uns jenes ganz concrct cntgegentritt — und eine der größten und bedeutendsten dieser Werkstätten des menschlichen Allgemcinlebens ist — Paris. Mag nun, wie jedes Etablissement der Menschen, auch Paris viel Schmutz und Staub und verdorbenes Wasser Niederschlagen: wir dürfen nicht hierauf, sondern auf die großen Fabrikate des Geistes, der Bildung, der Wissenschaft, der Kunst, des Geschmackes achten, die daraus hervorgehen. Fürwahr! da hat es etwas Ehrwürdiges, an einer solchen Stätte zu stehen, und sich zu sagen, wie viele Jahrhunderte bereits hier die Menschheit einen glänzenden Mirtclpunkt gehabt, wie viel Entscheidung über die Völker, wie viele Arbeiten und Erzeugnisse, großer Geister Bildung und Erfolge hier hcrvorgegangen, und zu Kampf und Sieg, zu Genuß und Ucbcrwindung, immer aber zur Entwickelung gereichten! — Und indem wir hiermit dies Mal Abschied nehmen von Paris, wollen wir nur wünschen, daß auch das Pariser Zudenthum, dieser junge, aber ertenfiv schon so große Stamm, dem natürlich äußeres Wachsthum noch sehr viel bevorstcht, zu einer glücklichen Entwickelung gelange, und, wie es jetzt den Anschein hat, zu tüchrigcm Sein, zu großer Lebenskraft, zu Instituten gelange, die nicht blos den kranken und schwachen Menschen, sondern auch den gesunden, religiöser und überhaupt geistiger Speise bedürftigen im Auge haben!_ Und so folge mir der Leser bei der fröhlichen Rückkehr nur noch auf einen Punkt, allerdings im theuern deutschen Vaterlandc. Wir klimmen aus dem Neckarthale eine bedeutende Höhe — nicht auf dem Umwege der gebahnten Sttaße, sondern — im Rinnsal der Regengüsse 3