Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 77 (28.6.1838)
- Date
- 1838-06-28
- Page
- Seite 311 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3224856-3224934--01118-3299969- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
511 rige Nachweisung der Beobachtung dieser Vorschriften eine Trauung vornehmen, sollen aber, so wie die Getrauten, zu einer Geldbuße von fünfzig bis dreihundert Thalern verurtheilt weroen. H. 9. Wegen des Abzugs israelitischer Unterthanen in das Ausland gelten die allgemeinen Bestimmungen über Auswanderung (§. 41/ der Verf.-Urk.) und Freizügigkeit, unbeschadet jedoch derjenigen Beiträge zu israelitischen Gemeinde-Schulden, welche aus einem Privarrechts- Verhaltnisse von den Wegziehenden gefordert werden können. (Fortsetzung folgt). Correspondenzeu, Auszüge, Nleplikeu. Allgemeine Schul-Anstalten. Humanität. Gemeinde. (Schluß.) Im Jahre 1827 bemühete sich ein Kreis würdiger Männer der hebräischen Jugend in unserer Stadt eine Anstalt zu eröffnen, in der sie mit den nöthigften Kenntnissen befreundet und zu einem höheren Aufschwung, wie in sittlicher so in geistiger Strebsamkeit angeleitet werden sollten. Es war ein schwieriges Unternehmen, und das Zetergeschrei der noch hie und da unter unserer Gemeinde hervorspukenden Sectirer erhob sich drohend gegen die muthigen Kämpfer für Aufklärung und Bildung. Sie hatten sich also mit Macht gegen großeHindernine zu stemmen, und wer weiß, welchen Ausgang die Sache genommen haben würde, hätte nicht der edle Graf von Pahlen, der dazumal Stellvertreter des General-GouverneurS von Neurußland war, der besser gesinnten Parthei feinen/vvllcn Beistand angedeihen lassen. Mit Gewalt wurde aller Aufruhr gedämpft, und der erste Grund der Schule auf festem und unerschütterlichem Boden, gelegt. Unvergeßlich bleiben uns für immer die Bestrebungen eines ihrer thätigsten Stifters und zugleich ihres ersten Direcrorö, des scl. £rn. Samuel Sitte nfeld , der mit nie genug zu lobender Lhatkraft allen Ungemächlichkciten Trotz bot, und so im herrlichen Ringen fürs allgemeine Wohl sich selbst in seinem Feuereifer verzehrte °). Bald erhob sich durch seinen Einfluß die Lehranstalt zu einer Blürhe, die nicht nur die Regierung unserer Stadt aufmerksam machte, sondern auch dem Ministerium in St. Petersburg bekannt wurde, waS ihren Wachöthum nur noch um so mehr förderte. Die Macht der Wahrheit besiegte endlich ganz die Parrhci der Aufwiegler und Frömmler, und ihre anfänglichen Gegner wandten sich nun selbst dürstend nach der neuen Quelle der Bildung, um daraus fürs ihre Kinder zu schöpfen. Seit dieser Zeit entfaltete sich das schöne Wirken unserer Gemeinde immer mehr, und dehnte sich auch auf andere Verhältnisse aus. — Selten aber bat eine Schule, und blühete sie auch noch, so lange, sich der Gegenwart solcher bohen Personen erfreut, wie die unsrlge. Schon in den ersten Monaten nach ihrer Entstehung würdigten sie die Generale Bibikow und Boschmakow ihres Besuches; und bei ihrem zweiten jährlichen Examen sah sie die Grafen Witt, Scheremetew, Potocky und mit ihnen den glorreichen General-Gouverneur Neurußlands, den Grafen Michael Woronzow; diesen sanftsinnigen Helden und glühenden Verächter aller Unterdrückung, von dessen Großnwth und unvergleichlicher Herzensgute ich Sie noch später unterhalten werde, und der unsere Schule auch mehr- *) Er zog sich nehmlich durch übermäßige Anstrengung seine« frühzeitigen Tod zu. malS mit seiner Gegenwart beehrt hat. Der Obercurator und gleichsam der Schirmherr der Anstalt ist unseßWtadtgouverncur, der auch als Schriftsteller in der russischen Literatur rühmlichst bekannte Lewschin, der Sr. Majestät dem Miser manchen Bericht von ihr erstattet, bis sie zu Ende des vorigen Jahres selbst das Gluck batte, ihren erhabenen Landesvater Nicolaus und die ganze kaiserliche Familie alS ihre Gäste zu begrüßen. Der hohe Monarch äußerte seine Zufriedenheit im vollen Maße, .und munterte die Stifter der Schule zu ähnlichen Unternehmungen in andern Städten des Reiches auf. Dieses ist nunmehr geschehen, und auch hiervon will ich Ihnen bald erzählen. Gegenwärtig erhalten in unsrer Lehranstalt beinahe 400 junge Leute in der hebräischen, russischen, französischen und deutschen Sprache, in der Weltgeschichte, Physik, Rhetorik, Geographie, Buchhaltung, Arithmetik, Schönschreibe- und Zeichenkunst gründlichen Unterricht; und auch vom Talmud und von mancher andern Wissenschaft wird Vieles gelehrt. Daß die Bemühungen der wakfercn Lehrer nicht fruchtlos sind, zeigen uns viele ihrer Zöglinge, die theils als nützliche und gebildete Bürger dem Staate und,der Menschheit dienen, theils auf den vorzüglichsten Universitäten Deutschlands sich in den Wissenschaften vervollkommnen, auch wot ihre Studien schon vollendet haben, und von denen mancher hoffen dürfte, auch außer seiner Heimat bekannt zu werden °) — Der Fond unseres Instituts vergrößert sich mit jedem Jahre, und zu einem neuen schönen Gebäude schenkte der Statthalter einen weiten und geräumigen Platz. Ihre Hauptlehrer, die Herren Pinsker, Finkel und Horowitz, drei treffliche und verdienstvolle Männer, verschafften der Anstalt eine ausgezeichnete Bibliothek, wo die vorzüglichsten Claffiker und wissenschaftlichen Werke aller Nationen lernbegierigen Jünglingen offen stehen. Diesen drei Männern verdanken wir auch eigentlich die Stiftung der Mädchenschule. Längst hatten sie das Bedürfniß einer solchen Anstalt gefühlt, und im Stillen an deren Gründung gearbeitet. Darauf wandten sie den kleinen Rest der Muße, den ihnen ihre Berufsgeschäfte übrig ließen, -und oft auch ihr spärliches Vermögen, ohne jemals dafür Entschädigung zu hoffen. Aber nun bedurfte es, um dieses Vorhaben auszüführen, auch weltlicher Leitung, und vor.allem, da die Schule anfänglich nicht den geringsten pecuniären Anhalt hatte, uneigennütziger Personen. Da opferten zwei edle Frauen unseres Glaubens mit den schönsten Gaben des Geistes und des Herzens ausgerüstet, Mad. Annette Jusefowitsch geb. Rosenblum, die Tochter eines der vorzüglichsten hiesigen Aerzte, und die Frau eines Kaufmanns, Mad. Rebecca Alexander geh. Meyer alle Zeit, die Erfüllung häuslicher Pflichten mit Recht in Anspruch nehmen durfte, diesem wohlthätigem Zwecke, und führten die Aufsicht und lehrten, bis ihr herrliches Werk, mit unglaublicher Schnelligkeit zu einem Flore gelangte, der ihnen wol der größte Dank sein soll. Auch dieser Schule widerfuhr dieselbe Ehre, wie der ersteren. Auch unter ihren Gästen waren Se. Majestät der Kaiser, der Großfürst Michael, Graf Woronzow, Lord Durham u. a. — Als zu ihrem ersten jährlichen Examen ein kleiner Ball gegeben wurde, befand sich auf demselben auch die hvchgefeierte Gemahlin des Grafen Woronzow; und diese erhabene Frau mengte sich unter die Reihen der tanzenden Mädchen, und lächelte und klatschte Beifall, °i Ich erinnere hier nur an ein Paar junge Leute, die die Früchte ihres Fleißes der Oeffentlichkeit übergeben haben: Ruth, sujet episodiqtie, tire de Pecriturc saiute et traite d’apres Caroline Pichler par Joachim Taraopol. Odessa chez I). Milville 1835. — Bei vielem Mangelhaften ist doch dieser erste Versuch i» einer fremden Sprache lobenswert!), und ein Kenner urtyeilt im Journal d’Odessa von dieser französischen Nachbildung: L’auteur a täche avec succes de couserver les beautes de Porigiua!. 11 a douni uue toucho plus religieuse a ses caracteres, etc. FrühlingSknoSpen von Wilhelm Toporoff, 8tud. Wed. Dorpat 1837. — WaS diese lyrischen Gedichte anbetrifft, so empfinden wir freilich noch hier und da daö Rauhe und Schwankende des jugendlichen AprildilettantiSmnS; aber manche kräftig erklungene Empfindung eines warmen Herzens verspricht uns einen schönen, hoffnungsreichen Sommer. Corr.