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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1838-06-28 · Heft 77 (28.6.1838) · p. Seite 312

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
2 (1838)
Issue
Heft 77 (28.6.1838)
Date
1838-06-28
Page
Seite 312 (sequence 4)
Language
German
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512 unzeigte ihre Aufrichtige Freude offenbar. — Ohne Zweifel aber verdient di^WUnstalt nicht minder die Begünstigung unserer Regierung; deiMM Israel dem Staate tüchtige und aufgeklärte Bürger geben, fWMffen nicht nur diese selbst ausgebildet werden, sondern auch FrauU und Mütter ihre Bildung theilen. Und dieser Ansicht entspricht daö erwähnte Institut vollkommen: ES werden daselbst biö 150 Mädchen in der russischen, deutschen und französischen Sprache, in der biblischen und profanen Geschichte, in der Geographie, Arithmetik, in weiblichen Handararbeiten, der Musik, Zeichen- und Tanzkunst unterrichtet. Auch an dessen äußerer Einrichtung läßt daö schöne, große Local, die musterhafte Ordnung nichts zu wünschen übrig, und gegenwärtig hat sich zur Unterstützung desselben ein nicht unbedeutender Fond gegebildet. — Bald wird auch außer Odeffa in Kischenew, einer.Stadt in Beffarabien, zufolge eines Auftrags, den unser Schuldirector, der Ehrenbürger Stern vom General-Gouverneur erhalten hat, eine israelitische Lehranstalt eröffnet, die unter der Leitung unseres würdigen DirecrorS und der unmittelbaren Aufsicht eines unserer Hauptlehrer sieben wird. Eben so in anderen Städten, wo der ausgestreute Same der Bildung früher oder später zur Frucht reift. So viel von dem Schulwesen, mein werther Freund. Sie werden diesen Fortschritten, wie groß sie auch immer sind, Gerechtigkeit widerfahren layen. Aber nun hören Sie auch Manches von den andern, bürgerlichen Verhältnissen der Israeliten. Um nicht weitläufig zu sein (was ich gern wäre, wenn mich nicht Zeit und Raum daran verhinderten), will ich Ihnen nur durch einige charakteristische Züge einen deutlichen Blick über Alles verschaffen. Die Gesinnungen unserer Regierung erkennen Sie schon aus dem Eifer, mit dem aller Keim des Fanatismus erstickt wurde. Denn es ist leider eine traurige Erfahrung, daß beinahe alles Neugeborene unter den Christen in dem schwarzen Fluffe des Judenhasses getauft wird, und daß oft gegen die Pfeile des Rechts und des Gewissens nicht einmal, wie beim Peliden, wenigstens eine Stelle verwundbar ist. So auch Odeffa, diese junge Stadt, die noch vor einem halben Jahrhundert kaum auS einigen zerstreuten Hütten eines nomadischen Völkchens bestand. Auch hier suchte sich ursprünglich gar Mancher, und absonderlich der Griechenpöbel auf diese Weise Den Weg zur.Seligkeit zu bahnen; ja viele rohe Ankömmlinge aus Constantin opel brachten es zu Gewaltthätigkeiten, die laut um Hilfe schrieen. Ihre durch den Märtyrertod deS Patriarchen Gregorius entflammte Rache fragte: 71011 auo; und da schien eö ihnen denn freilich am leichtesten: auf Judennacken. Börne hatte wahrlich Recht zürnend, wie er sagt, oder lächelnd, tadelnd oder bemitleidend auszurufen: Der ewige Jude! Unsere Zeit ist noch reich an Menschen auS dem sechszehnten Jahrhundert, und ein Dr. Holst findet überall unter dem Pöbel, unter Denker gehört, gar viele Consorten. — Aber die entarteten Hellenen hatten sich verrechnet. Mit einer Schonungslosigkeit ohne Gleichen wurde an ihnen der Frevel geahndet; viele vertrieb man aus Rußland; dem zischenden Hephepungethüm schlug man alle neun Köpfe ab, die sterblichen mit dem unsterblichen, und jeder Nachklang wurde mit Macht zum Schweigen gebracht. Noch jetzt, wo diese Raserei längst vergessen, und keine Spur mehr von ihr zurückgeblieben ist, entfernt die Regierung ihre strenge Vorsicht und ihre Maßregeln nicht, und noch immer wird an Festtagen zur Abendzeit die Kirche der Griechen in Odeffa mit Bewaffneten umringt, gleichsam zum Trutz, und ihnen zu zeigen, wie wenig marr ihrer Aufklärung traut. — Außerdem gibt es bei uns keine ausschließlich christlich e Barmherzigkeit und christliche Mildthangkeit. Ich meine aber hier christliche Barmherzigkeit, in so fern nur christliches Unglück auf sie Anspruch machen darf. Man hat die Sperre aufgehoben gegen Judentum, weil die Christen keine Judenansteckung mehr fürchten, und es wol cinsehen, daß manche Krankheit in ihrem eigenen Organismus erzeugt wird. Als in den Jahren 1833, 1834 eine grause Hungersnoth im Geleire allgemeinen Jammers durch unsere Gegend zog, bildete ein Verein fürstlicher Frauen (worunter auch die Gräfin Woronzow, Gräfin Narischkin u. a.) ein Dilettantentheater, dessen Ertrag der Unterstützung der Armen geweihet war, da nun wurden auch bedeutende Geldsummen unter leidende Israeliten vertheilt; und bei dieser Gelegenheit so wie immer hörte man nicht das Losungswort selbst der Beffergesinnten: Bis hierher und nicht weiter! — Als unsere Stadt Se. Majestät den Kaiser mit einem jubelnden Hurra!) empfing, sammelte sich auch die jüdische Gemeinde, um nach herkömmlicher Sitte den Landesherrn mit Brvd und Salz willkommen zu heißen. Aber der erleuchtete Lew sch in rief ihnen zu: Wer seid ihr denn, daß ihr euch absondert? Wir kennen keinen Unterschied zwischen Juden und Christen, warum macht ihr selbst eine Scheidewand? Mengt euch unter die Christen und so erscheint vor unserem Monarchen. — Später als die würgende Pest in Odessa würhete, erlaubte sich der Stadtarzt, ein Mann von hohem Range, eine kleine Ungerechtigkeit gegen einen armen jüdischen Handwerker, und mit vieler Schmach entsetzte ihn behebet zürnende Graf Woronzow seines Amtes und seiner Würde. Er selbst, dieser hochherzige Sohn der Nemesis, suchte wie Howard Kranke, um zu heilen, und vor den Hütten der Unglücklichen schrak seine Größe nicht zurück; offen durfte der Betrübte klagen, und freudig half er ihm. Was freilich nur Pflicht ist, verdient zu einer Zeit, wo Pflichten so selten erfüllt werden, unstreitig Lob und Anerkennung. Daher nehmen wir auch die kleinste Gutthat unseres Gouverneurs, die sich in solcher Menge bedeutender liebreicher Handlungen verlieren möchte, mit dankbarem Herzen auf, in so fern sie unö ein neuer Beweis ist seiner wohlwollenden Gesinnung. Er ist ein Menschenfreund, die Juden hält er für Menschen, darum ist er ein Freund der Juden. Er rettet den Leidenden, tröstet den Gefangenen und zieht sein Schwert für die weinende Gerechtigkeit; die Juden sind leidend, sind gefangen, ihre Thränen sind gerecht, darum ist er ihr Netter, ihr Tröster, ihr Schirm in Gefahr. — So, lyein verehrter Freund, so wird der äußere Drang entfernt, der manchen kräftigen Genius in seinem Kerker verschmachten ließ; und im Innern keimt und wachst ein Leben, das, wo unsere Ahnung nicht trügt, sich bald in aller Jugendfrische entwickeln wird. — Aber auch das Amtwesen der Israeliten und ihre religiöse Ausbildung will ick nicht unberührt lassen. ES ist hier eine eigene jüdische Behörde *), welche die öffentlichen Angelegenheiten der Gemeinde, auch wol manche Privatverhältniffe anordnet. Die Wahl ihrer Vorsteher findet gewöhnlich alle drei Jahre Statt. Außerdem find Juden auch in höheren Stadtämtern stimmfähig. So der Kaufmann Herr MoseS Trachtenberg im Stadtrath (Sylvia). — Was nun vollends den Gottesdienst anbetnfft, so wird an dessen Verbesserung wie an einer geziemenderen Einrichtungen der Synagogen rc. mit unermüdlichem Fleiße gearbeitet. Der gelehrte Hr. Stern hat in einer schönen deutschen Rede die Nothwendigkcit eines zeitgemäßen RituS aus ethischem und religiösem Standpunkt auseinandergesetzt. Er schilderte mit hinreißendem Feuer die Leiden Israels, die Glorie ihres Strebens durch so viele Jahrhunderte und den Demantschild ihrer Eigen thümlichkeit, ihrer Religion. Er hat die Gemüther aller seiner Zuhörer für seine hohen Absichten begeistert, so daß unsere Hoffnung nicht ungegründet ist, es möchte VreleS wol eher zur Ausführung gelangen als man erwartet. Was sagen Sie nun zu meinem Gegengeschenk? Gewiß, Sie stimmen mit mir in den Wunsch ein, daß Gott die Bestrebungen dieser Männer mit seinem ewigen Segen kröne! Unbeilcn Sie indeß, und ordnen Sie meine Blumen nach ihrem Belieben; aber haben Sie Nachsicht mit der ungeschickten Art meines ZusammenbindenS. vt desint vires, tarnen est laudanda voluntas. C. L*pn. •) Das auch aller Drten bestehende das hier aber eine «eit ausgedehntere Macht hat. Eorr. Redakteur: 0r. L. Philippsou. - Verlag von Baumgartners Buchhandlung. — Druck von I. B. Hirschfeld,

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