Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1855)
- Date
- 1855-01-08
- Page
- Seite 23 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Literarische Nachrichten. Hannover, 23. Oktober. Erlauben Sie, daß ich in Ermangelung eines politischen Stoffes Ihnen heute von einem literarischen Unternehmen am hiesigen Orte Kunde gebe, das ein allgemeines Interesse zu beanspruchen geeignet sein dürste. Schon längst ist es von den Kennern der hebräischen Literatur mit Bedauern empfunden worden, daß die jüdischen Historiker des Mittelalters immer noch in höchst ungenügenden, weil dem gegenwärtigen Standpunkte der Wissenschaft wenig entsprechenden Ausgaben vorhanden find und bei aller Rührigkeit, mir welcher in den letzten Decennien das Feld der jüdischen Wissenschaft angebaut worden ist, find wohl aus älteren historischen Schriften hier und da einzelne Stücke bei den verschiedenen Forschungen benutzt, keineswegs aber in ihrer ganzen Ausdehnung so bearbeitet worden, daß ihr Gesammtinhalt auch denen hätte bekannt werden können, welche der hebräischen Sprache nicht in dem Grade mächtig find, daß fie im rabbinischen Idiome verfaßte Werke mit Leichtigkeit zu lesen vermögen. Ehedem fand dieser Theil deS Publikums, der sich in der Neuzeit ja so sehr vermehrt hat, größere Berückfichtigung und die gesammte sogenannte jüdisch-deutsche Literatur (vergl. über dieselbe den interessanten Artikel von Steinschneider im Serapeum 1848) giebt davon Zeugniß, wie sich ftüher Literaten und Drucker bemühten, durch Uebersetzungen auch die Laien und selbst die Frauen mit dem Inhalte solcher Werke bekannt zu machen, die diesen theils zur Belehrung, theils zur religiösen Erbauung dienen konnten. Eine bloße liebertragung älterer Schriften, zumal wenn fie auch Fernes und Fremdes und darum nur zu schnell in das Reich der Fabeln Versetztes enthalten, würde allerdings bei der nüchterner gewordenen Gegenwart wenig Anklang finden und wäre auch für die Wissenschaft ohne erheblichen Gewinn. Erst dann, wenn auch eine fortgeschrittene Erkenntniß sich bemüht, jenes Fremde und Ferne dem Verständnisse näher zu rücken, und wenn fie zu einer richtigen Beurtheilung des scheinbar Fremdartigen oder Mythenhaften durch den Nachweis veranlaßt, daß hier eine übertriebene Aeußerung und dort eine märchenhafte Mittheilung eben nur als Gesammtanschauung ihrer Zeit aufzufaffen sei und als solche sich bei weitem häufiger bei nichtjüdischen als bei jüdischen Autoren finde, wird der doppelten Pflicht genügt sein, für die Gegenwart der Dolmetscher einer leider nur noch von Wenigen verstandenen Vergangenheit geworden zu sein und die Wissenschaft durch eine Menge schätzbarer, bisher aber nicht benutzter, weil nicht gekannter Quellen bereichert zu haben. Dann werden aber auch die Stimmen derer, welche aus Unwissenheit und Unverstand so viel von „jüdischem Aberwitz" und „rabbinischen Träumereien und Faseleien" zu schwatzen wissen, verstummen und fie werden, wenn sie anders nicht von dem ärgsten Vorurtheile erfüllt sind, in Zukunft ein bescheidenes Schweigen bewahren. Eine Bearbeitung, wie wir fie hier dargelegt haben, hat aber bisher nur ein einziger jüdischer Historiker und Geograph, nämlich der bekannte Tourist im zwölften Jahrhundert, Benjamin von Tudela, in der Ascher'schen Ausgabe gefunden und dieser trefflichen Rehabilitation der genannten Reiscbeschrcibung ist es allein zu verdanken, daß man in Benjamin nicht mehr wie ehedem einen blos abenteuerlichen Fabelberichter erkennt und daß dessen Werk von dem größten Geographen unserer Zeit, von Carl Ritter, mit unter den Quellenschriften für die Geographie des Mittelalters aufgezählt wird. Um nun einen anderen, ähnlichen Beitrag zur Kenntniß der Geschichte und Geographie des Mittelalters nach jüdischen Quellen zu liefern, hat cs, nachdem Herr Senator Culemann*) Hierselbst sich bereit erklärt hat, für *) Es ist dies derselbe Gönner der Wissenschaft, der dieser schon manchen schätzbaren Dienst geleistet, indem er nicht nur unwiderleglich nachgewiesen hat, daß das Eremplar von Doner's Edelstein, welches die Wolfenbürtler Bibliothek aufbewahrt, durchaus älter sein müsse, als das im Jahre 1845 um 1000 Thalcr für die königliche Bibliothek in Berlin angekaustc Exemplar, sondern auch durch einen überaus glücklichen Fund der unmittelbaren Quelle des Reineke Vos in einem alten holländischen Drucke um 1470 den Untersuchungen über dieses berühmte Gedicht eine neue Richtung gegeben hat. In der kostbaren Sammlung von Jncunabcln, welche derselbe besitzt, befinden sich auch dreizehn hebräische, und wenn demnächst der Katalog derselben erscheint, darf auch die hebräische Typographie von der seltenen Sachkennmiß des genannten Bibliophilen manchen lehrreichen Ausschluß insbesondere über solche hebräische Werke erwarten, die sine loco et anno erschienen find. Seine Officin, welche zu den besten in Deutschland gehört, hat der erwähnte Herr Senator nun auch mit hebräischen Typen reichlich ausgestattet, von denen das bereits gedruckte Prvbeblatt der neuen Ausgabe des Lederet ledulla eine Probe liefert. Wir fteuen uns dieses Unternehmens auch deshalb und heben dies hier besonders hervor, weil nunmehr die Herausgeber hebräischer Werke am hiesigen Orte nicht mehr genöthigt find, der Telgner'schen Hvfbuchdruckerei hierselbst in die Hände zu fallen, die aus purer Dankbarkeit dafür, daß bis jetzt alles Hebräische bei ihr gedruckt wurde und daß fie einen großen Theil ihrer Einnahme lediglich