Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1855)
- Date
- 1855-01-08
- Page
- Seite 19 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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19 Hamburg, im December. (Privatmitth.) ES ist mir folgendes Schreiben zur Beförderung an die Redaction dieser Zeitung zugesandt worden: Geehrter Herr Redacteur! Obgleich ich mit Ihnen nicht derselben Fahne folge, so habe ich doch das Vertrauen zu Ihnen, daß Sie dem Publikum die folgenden Zeilen nicht vorenthalten werden. Meine Partei wurde seit längerer Zeit hier und da „die schwarze" genannt, und hat jetzt diese Benennung bestens acceptirt, so daß ich, gleich so vielen Anderen, mir eine Ehre daraus mache, ein „Schwarzer" genannt zu werden, und diesen Namen hier rechtfertigen, ja (wenn mir daS schlechte Wortspiel diesmal so hingehen soll) ihn weißbrennen will. ES ist nicht richtig, daß man unfern Namen auf daS nächtliche Dunkel, entgegengesetzt dem Lichte, deutet, wir aber rühmen uns im Gegentheil, überall daS wahre Licht in höchster Intensität zu besitzen, und selbst wo wir mit blutendem Herzen nicht umhin können, biS zu dem Lteignons les lumik-res Et rallumons le fcu! zu schreiten (was wir nur da thun, wo uns die Umstände es gestatten, sonst nirgends), da ist doch selbst dies ein Beweis, daß wir durchaus keine Feinde aller und jeder Aufhellung sind. Von jeher haben Farben und dergleichen Abzeichen den politischen und religiösen Parteien Namen gegeben. So die Grünen und die Blauen in Byzanz, die weißen und die rothen Rosen in England, die Hüte und Mützen in Schweden u. s. w. Schwarz hatte sich freilich in früheren Zeiten noch keine Partei genannt, und diese Benennung entstand, so viel ich weiß, unter dem großen Dom Miguel in Portugal. IXegros war damals (um 1826) der Name derjenigen Faction, die für die Herstellung der althergebrachten, ehrwürdigen Institutionen, für das JnquisitionSgericht, für die Auto da Fe'S, für die Folterkammer u. f. w. schwärmte und gefahrfrei kämpfte. Man kann eS in jedem Gefchichtscompendium lesen, welche erstaunliche Thalkraft diese Negros, diese Schwarzen damals entwickelten und es ist nicht zu viel gesagt, daß sie in der leider so kurzen Zeit ihrer Herrschaft über 18,000 Ketzer, Juden, Freimaurer und sonstige Abtrünnige durch Schieß-, Hieb-, Hack- und sonstige Gewehre nach den Umständen, bald einzeln, bald in Massen, bald auf einfache, bald auf bewundernswürdig durchdachte Weise getödtet, gegeißelt, verbannt oder sonst wie ruinirt haben. Warum sollten wir „Schwarze" nun nicht gern diesen Namen tragen? Etwa weil wir nicht solche Tharen verrichten können? haben wir nicht etwa die Gesinnung, den Willen, wenn auch vielleicht jetzt noch nicht die Nerven, dazu? Ein Beispiel möge reden. Bekanntlich ist daS Buch chaurew von Herrn Schamschaün Refoel Hirsch, jetzt in Frankfurt (1837), der einzige zusammenhängende Coder, den wir „Schwarzen" in diesen Zeiten producirt haben. Darin ist in ziemlich deutschem Deutsch zu lesen, im zweiten Absatz deS 573. Paragraphen des Capitels von Almosen und LiebeSthätigkeit: „Wer aber unter Jissroöl muthwillige Uebertretung eines des göttlichen Gebote sich zur Lebensgewöhnung gemacht hat und nicht aufrichtig Reue und Besserung zeigt, hat so lange, so viel an ihm ist, Anspruch auf Z'dokoh (d. i. nach HirschenS eigener Ueberfttzung „Lebensgerechtigkeit," sonst „Unterstützung, Almosen") verwirkt. Wer aber Höhnung des JissroelthumS durch Uebertretung eines göttlichen Gebotes sich zum Ziele gesetzt, ohne daß ihn Vortheil lockte, der darf nicht unterstützt werden. Ein Anderes ist, wer auS Leidenschaft und Begierde sündigt." Gesetzt nun, die Gemeinde zu Frankfurt vertraute diesem Seelsorger (bekanntlich jetzt ein orthodor jüdischer Ausdruck, kein Chuckat Goyim) auch die Sorge für die Körper der israelitischen Armen an, würde der Mann nach solchen Lehrsätzen wohl Anstand nehmen, dem Armen, der Fleisch und Butter zugleich zu essen pflegt, der Wöchnerin, die die Mickwa nie besucht, dem Lehrling, der von Stein confirmirt wurde, oder gar dem Mann, der seinen Sohn nicht beschnitt, der Frau, die in gemischter Ehe lebt, alle und jede Unterstützung, und wäre es der Kreuzer zur letzten Medicin, versagen? Ja, müßte er nicht so handeln in majorem libri caronis gloriam? er, der die schwächlichen Regungen der Menschlichkeit dem höheren Gesetze unterordnet: Du darfst Dich nicht erbarmen. Ossür le-raebem! Und welche weitumfassende Aussicht, da die Interpretation, waS „göttliches Gebot" und was „Jissraölthum" sei, unbedingt demselben freundlichen Seelsorger gehört. Wen könnte man z. E. nicht ein-