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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1855-01-08 · Heft 2 (8.1.1855) · p. Seite 15

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
19 (1855)
Issue
Heft 2 (8.1.1855)
Date
1855-01-08
Page
Seite 15 (sequence 3)
Language
German
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15 Volkes Israel. Selbst cultuelle Handlungen haben nur eine Beziehung zum einigen Nationalheiligthum. Der Mosaismus sagt: Alles im Leben des Volkes Israel soll religiös sein, Staatsverfassung und Rechtspflege, Abgabenwcsen und Verkehrsbetrieb nicht minder wie der Cultus. Der Talmudismus ging einen ungeheuren Schritt weiter. Was der Mosaismus auf das Leben des Volkes als solches gelegt, das überträgt der Talmudismus auf das Leben des Individuums, jedes jüdischen Individuums. So wie er damit begann, Alles, was sich im Volke sonst noch als Sitte, Brauch und Gesetz entwickelt hatte, religiös zu machen, in das Vcrhältniß des Volkes zu Gott hineinzuziehen, und als eine Tradition an den Buchstaben der Schrift zu knüpfen: also soll nun Alles im Leben des jüdischen Individuums in konsequenter Durchführung religiös werden. Wie im Mosaismus alles Thun des Volkes, so hatte nunmehr alles Thun jedes Einzelnen eine Beziehung zu Gott, den Charakter des Religiösen, eine religiöse Verpflichtung. Von diesem Gesichtspunkte aus ist uns das ungeheure Gebiet des Talmudismus völlig klar und übersichtlich, er mußte nunmehr zu einer außerordentlichen Casuistik werden; er mußte Alles in sein Bereich ziehen, und eine Frage, ob wichtig oder unwichtig, bedeutend oder unbedeutend, groß oder klein? konnte es in ihm nicht geben; er mußte das ganze Leben des Einzelnen, alle Möglichkeiten in ihm erwägen und bestimmen; er mußte aus Gesetz Gesetz, aus Vorschrift Vorschrift, aus Bestimmung Bestimmung hcrleitcn. Da nun dieses Gebiet unerschöpflich ist, so konnte der Rabbinismus nur die Erbschaft des Talmudismus antteten, die Fäden des großen Gewebes immer weiterspinnen; jede an einen Rabbincn gestellte Frage und dessen Antwort (N2i«ri) ist nur eine weitere Fortsetzung dieses Werkes, und noch jetzt haben wir, wenn auch in anderer Färbung, dasselbe zu thun. Dies ist der große Gedanke des Talmudismus: die Durcharbeitung des religiös-israelitischen Lebens durch das Leben jedes jüdischen Individuums über alle Momente des individuellen Lebens hin. So wie aber die Lehre nicht durchgearbeitet werden kann ohne ihre Verallgemeinerung, so kann hinwiederum das Leben nicht durchgearbeiret werden ohne dessen Verengerung, ohne es immer mehr zu individualisiren, zu specialisiren. Der Talmudismus kennt das Volk Israel nicht mehr, sondern nur den Juden; jeder Jude vertritt das ganze Volk, und der Begriff der Gesammtheit, da er doch noch in Etwas vorhanden sein mußte, beschränkte sich auf die dürftige Zahl von zehn Männern; aber auch diese war nicht einmal bei den großen Acten des Lebens (Bcschneidung, Trauung) unbedingt norhwendig; ein einziges Individuum, geschleudert tausende Meilen von jeder Gemeinde, hat ganz dieselben Verpflichtungen zu erfüllen, wie Tausende, die sich zusammengeschaart. Während der Mosaismus, weil er nur das Volk Israel kennt, das Individuum als solches fteiließ: kennt der Talmudismus nur das Individuum und beherrscht es durch das religiöse Gesetz bis in die geringfügigste Handlung, bis in die kleinste Bewegung. Je gewaltiger in dieser Richtung die Energie des Talmudismus ist, je mehr seine außerordentliche Consequenz, seine unbeugsame Beharrlichkeit, sein unermüdlicher Scharfsinn, sein haarspaltendes Genie zu bewundern ist*) — desto weniger ist in nothwendiger Folge sein productives Talent, seine schaffende Kraft. Der Talmudismus hat keine einzige neue Gesetzesrichtung erfunden. Selbst das Gebetgesetz ist in ihm nur eine Entwickelung aus den wenigen Formeln, die in der Thora für cultuelle Handlungen gegeben find**). Es versteht sich von selbst, daß der Talmudismus die Lehre als bereits gegeben voraussetzt, und daher an eine Ausarbeimng derselben nicht denkt. Wir finden daher in ihm auch keine einzige neue Lehre, sondern er begnügt sich, auch die Lehre zu specialisiren, und sie casuistisch in Sprüchen, Gleichnissen und grotesken Allegorien zu verästeln. Vor diesem großartigen Gedanken und dessen denkwürdiger Ausführung, fast zwei Jahrtausende des Judenthums beherrschend, schwindet natürlich jene Phrase von „Umwandlungen nach den Bedürfnissen der Zeit" in Nichts zusammen. Der Talmudismus als die dritte Phase des Judenthums, war eine Nothwendigkeir der geschichtlichen Entwickelung des Mosaismus, daß sie fast logisch genannt werden kann. Nun versteht es sich von selbst, daß auch factische, äußere Momente der Anknüpfung und des Fort- *) Hervorheben müssen wir jedoch hierbei, daß es sich im Talmudismus nicht um gesetzgeberische Thätigkeit zu Gunsten der Gesetzgeber, zur Beherrschung eines Staates handelt, sondern daß die talmudistischcn Gesctzeslehrcr immer die ersten Individuen waren, welche den Opfern der Gesetzgebung sich unterzogen, und ihr Leben dem Dienste wcihetcn, welchen sie als Gesetzgeber den Bekennern ihrer Religion auflegten. **) Dies erweist sich schon dadurch , daß die Mischna gerade diese Formeln allein, unbedingt in hebräischer Sprache zu sagen vorschreibt, während sie die übrigen Gebete selbst yw nsmp, yibzn (die sogenannte Schemone-Esre), das Tischgebet in jeder Sprache zu recitiren erlaubt, 8ula 7» 1. 2. 2*

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